Kutzers Zwischenruf: Lieber eine weitsichtige Börsenbrille aufsetzen

Hermann Kutzer · Uhr

Die Kursschwankungen am Aktienmarkt sind nach wir vor extrem. In dieser Woche erleben wir erneut, dass die Börse sogar innerhalb eines Tages Achterbahn fährt. Das ist bei (den meisten) privaten Anlegern höchst unbeliebt, schreckt ähnlich ab wie Schwächephasen. Es entsteht dringender Klärungsbedarf, was sich an den Märkten genau abspielt – welche Ursachen sind dafür verantwortlich? Eine Aufgabe für die Finanzmedien. Nur – wie hilfreich sind diese Informationen unterm Strich? Thomas Grüner, Gründer und Vice Chairman von Grüner Fisher Investments, nimmt den jüngsten Zinsanstieg durch die Fed als Beispiel, die Kurzsichtigkeit der Börse kritisch zu betrachten.

„Am Tag der Erhöhung stieg der breite US-Aktienmarkt unmittelbar nach der Verkündung dynamisch an. Das Narrativ: Eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte sorgt für Erleichterung unter Anlegern, da fürs Erste die Befürchtungen vor noch kräftigeren Zinserhöhungen erfolgreich zerstreut wurden. Doch hat der US-Aktienmarkt am nachfolgenden Börsentag kräftig in den negativen Bereich gedreht. Die argumentative Kehrtwende: Vermutlich hat die Fed ungewollt die Weichen für weitere Turbulenzen in der Zukunft gestellt – es sei zweifelhaft, ob dieser Ansatz funktioniere und es sei unklar, wie weit die Zinsen angesichts dieser Inflation angehoben werden könnten und wie es um die Wirtschaft generell bestellt sei. Was hat sich über Nacht so dramatisch verändert, dass sich die Erklärungsversuche um 180 Grad ins Gegenteil gedreht haben? Nichts. Die Zinserhöhung von 50 Basispunkten war immer noch dieselbe, die Fed hatte keine neuen Weisheiten verkündet und der zukünftige Weg war genauso ungewiss wie am Tag zuvor. Reine Psychologie.

Ich teile zum wiederholten Mal die kritische Beurteilung von kurzfristigen Erklärversuchen. Denn das grundsätzliche Problem besteht eben darin, dass die tagtäglichen Bewegungen an den Aktienmärkten gar nicht erklärbar sind – besser: oft nicht oder nur teilweise erklärbar. „Das Verhalten von Millionen Anlegern zu analysieren, die jeden Tag aufs Neue ihre Kauf- und Verkaufsaufträge platzieren, ist viel zu komplex, als dass es mit einer simplen Meinungsäußerung getan wäre“, meint Grüner. Um einen klaren Kopf zu behalten, sollte also eine längerfristige Perspektive eingenommen werden.

Mein Standpunkt: Das gilt natürlich nicht (oder nur am Rande) für extrem kurzfristige Trader und Spekulanten, die gerade von der hohen Volatilität profitieren wollen. Außerdem: Stellen Sie sich vor, geschätzte Anleger, die täglichen Erklärversuche für die Aktientendenz würden „verboten“ – Sie könnten nirgendwo die Beobachtungen von Analysten und Journalisten nachvollziehen. Das wäre Unsinn, natürlich. Es geht vielmehr um eine bewusst kritische Verarbeitung der kurzfristigen Informationen. Und wem es dann gelingt, diese in einen langfristigen Rahmen zu stellen, verbessert seine Anlagechancen entscheidend. Weitsicht und Geduld bei der Aktienanlage sorgen für überdurchschnittliche Wertentwicklungen – nicht die kurzfristigen Kursbewegungen von heute auf morgen.

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