Die Inflation steigt – Fluch oder Segen?

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)
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Die Inflationsrate in der Euro-Zone ist in diesem Monat erstmals seit mehr als einem Jahr über das angepeilte Preisziel der Europäischen Zentralbank von knapp unter zwei Prozent gestiegen. Nach Angaben des Statistikamts Eurostat vom Freitag lagen die Verbraucherpreise in den 19 Ländern der Währungsunion 2,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Das ist die höchste Rate seit Februar 2017. Im Vormonat Mai hatte die Inflationsrate 1,9 Prozent betragen. Als Preistreiber erwies sich diesen Monat Energie, die sich um 8,0 Prozent verteuerte. Auch die Kosten für Lebensmittel, Alkohol und Tabak stiegen mit 2,8 Prozent überdurchschnittlich. Die Preissteigerungen bei Dienstleistungen fielen mit einer Rate von 1,3 Prozent vergleichsweise moderat aus.

Die EZB strebt als ideales Ziel für die Wirtschaft mittelfristig eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an. Auch die amerikanische Fed und die Bank of England wirtschaften auf eine Inflation von zwei Prozent hin. Doch ist die steigende Inflation ein Fluch oder ein Segen für unsere Wirtschaft?

Um die Inflation in die richtige Richtung zu treiben, hat die Europäische Zentralbank in den letzten Jahren viel getan. Seit dem Frühjahr 2015 kauft die Notenbank Staatstitel und andere öffentliche Schuldpapiere der Euro-Länder in Höhe von bisher 1,99 Billionen Euro. Bis Ende September soll ein Gesamtvolumen von 2,6 Billionen Euro erreicht werden.

Doch warum strebt die EZB eigentlich eine Inflation von leicht unter zwei Prozent an? Dafür gibt es verschiedene Gründe, die mit der wichtigsten Aufgabe der Zentralbanken zusammenhängen, der Sicherung der Preisstabilität.

Was versteht man unter Preisstabilität?

Die Europäische Zentralbank selber definiert Inflation folgendermaßen: „In einer Marktwirtschaft können sich die Preise für Waren und Dienstleistungen jederzeit ändern - einige Preise steigen, während andere fallen. Erhöhen sich die Güterpreise allgemein, und nicht nur die Preise einzelner Produkte, so spricht man von „Inflation“. Ist dies der Fall, so kann man für einen Euro weniger kaufen oder anders ausgedrückt: Ein Euro ist dann weniger wert als zuvor.“

Daraus folgend bedeutet Preisstabilität, dass sich die Preise stabil entwickeln und es keine Ausreißer nach oben oder unten gibt. Ein stabiles, kalkulierbares Preisgefüge, also die Stabilität des Preises ist für eine funktionierende Marktwirtschaft essenziell. Auch der soziale Friede hängt von einem soliden Preisniveau ab, da sich die Bürger auf eine werthaltige Währung verlassen möchten. Grundsätzlich zielt eine leicht positive Inflationsrate auch darauf ab, dass nicht jeder Preisanstieg direkt als inflationär und unerwünscht betrachtet wird.

Warum werden nicht 0 sondern 2 Prozent angestrebt?

Aus Sicht der EZB ist eine etwa zweiprozentige Inflation aus verschiedenen Gründen vorteilhaft. Zum einen hilft eine moderate Inflationsrate, eine Volkswirtschaft am Laufen zu halten. Stetig steigende Preise führen grundsätzlich dazu, dass konsumiert und investiert wird. Dies geschieht aufgrund der Annahme, dass in Zukunft mit weiter steigenden Preisen also höheren Ausgaben gerechnet werden muss. Das verstärkte Konsumverhalten führt dazu, dass die Wirtschaft stimuliert wird. Im Fall der Deflation kommt das Gegenteil zum Tragen. Anhaltende sinkende Preise verleiten zum Verschieben geplanter Käufe und Investitionen, da diese mit der Zeit immer günstiger werden könnten. Das Geld wird dann lieber gespart, da man auf diese Weise den Geldwert mehren kann.

Einen weiteren Vorteil leicht positiver Inflationsraten ist die Sicherheitsmarge. Die Sicherheitsmarge ist ein Puffer zum Schutz vor Deflationsrisiken, da nominale Zinsen (normalerweise) nicht unter null fallen. Der Präsident der Deutschen Bundesbank Jens Weidmann äußerte sich 2015 folgendermaßen zum Sicherheitspuffer Inflation: „Umgekehrt bietet eine höhere Inflationsrate einen Sicherheitsabstand zur ‚Nullzinsgrenze‘, die, wie wir in einigen Ländern gesehen haben, tatsächlich etwas unterhalb der Null liegt. Je niedriger die angestrebte Inflationsrate ist, desto höher ist das Risiko, an die Nullzinsgrenze zu stoßen, so wie es derzeit im Euro-Raum der Fall ist.“ Die Notenbanken haben also einen geringeren Spielraum, um die Wirtschaft wieder ans laufen zu bekommen.

„Aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge stellt eine Inflationsrate von ‚knapp unter 2 Prozent‘ einen guten Kompromiss dar, zwischen den dauerhaft anfallenden Inflationskosten, und den gelegentlichen Vorteilen aus einem größeren Sicherheitsabstand.“ sagt Präsident Weidmann.

Die Große Angst: Lähmung der Wirtschaft

Sinkt die Inflation von aktuell zwei Prozent auf beispielsweise unter ein Prozent, kommt es zum Rückgang des Preisniveaus. Fällt die Inflation weiter auf einen Wert unter null Prozent, spricht man von Deflation, einem allgemeinen, anhaltenden Sinken des Preisniveaus. Problematisch ist, wie Verbraucher und Unternehmen die künftige Entwicklung des Preisniveaus einschätzen. Wer weiter sinkende Preise erwartet, neigt dazu, den Kauf eines neuen Autos oder die Investition einer neuen Fabrikhalle zu verschieben - mit der Hoffnung, dass die Preise noch günstiger werden. Dadurch entsteht die Gefahr einer sich selbst verstärkenden, gefährlichen Abwärtsspirale: Durch verschobene Konsumausgaben kann es in Unternehmen zu Produktionseinschränkungen und in Folge dessen zu weniger Gewinn und Entlassungen kommen. Arbeitslose können sich dann wiederum weniger leisten und der Druck, Preise weiter zu senken, nimmt zu. Diese Verkettung lähmt die Konjunktur. In der Folge sinken auch die Steuereinnahmen und die Belastungen durch Schulden und Sozialleistungen nehmen zu.

Fallende Preise erhöhen zudem den realen Gegenwert ausstehender Schulden sowie die realen Zinsen. Die geldpolitischen Möglichkeiten zur Bekämpfung einer Deflation sind beschränkt. Eine Abwärtsspirale der Wirtschaft bis hin zu ihrem Stillstand möchte die Europäische Zentralbank natürlich nicht riskieren. Zumal gewisse Interessengruppen einen Vorteil von einer moderaten Inflation haben.

Der Staat und die Banken profitieren von der Inflation

Grundsätzlich profitieren Schuldner von einer höheren Inflation, da durch die Entwertung des Geldes der reale Wert von Forderungen abnimmt. Umgekehrt schadet dieser Zustand natürlich den Gläubigern ebendieser Forderungen. Sie müssen in Zeiten hoher oder steigender Inflation Geldentwertung hinnehmen. Der größte Gewinner ist deshalb der Staat. Ist die Inflationsrate höher als der Zins, zu dem er sich Geld geliehen hat, kann er einfach und effizient seine Schulden abbauen. Der absolute Schuldenwert wird durch Inflation nicht beeinträchtigt, egal, ob die Geldmenge im Umlauf größer oder kleiner wird. Mit mehr Geld im Umlauf sind die Schulden jedoch leichter zu bezahlen, weil eine Währungseinheit eine geringere Kaufkraft hat.

Auch die Banken sind ein Gewinner der Inflation, da sie sich über die EZB aktuell sehr günstig refinanzieren können und das Geld anschließend teurer weitergeben.

Wie es mit der Inflation weitergeht, ist ungewiss. Die EZB strebt im Rahmen ihrer obersten Maxime, der Preisstabilität, natürlich eine konstante Inflationsrate an. Commerzbank-Fachmann Christoph Weil erwartet, dass die Inflationsrate schon im Herbst wieder unter die Zwei-Prozent-Marke fällt. „Der unterliegende Preisauftrieb hat sich trotz der konjunkturellen Belebung und des deutlichen Rückgangs der Arbeitslosigkeit seit 2014 nicht verstärkt.“ Die Kerninflation dürfte erst Anfang 2019 „langsam nach oben kriechen“, erwartet Weil.

Die EZB hat in der Vergangenheit besonders auf die schwache Kerninflation verwiesen und damit ihre lockere Geldpolitik begründet. Mittlerweile gibt sie sich aber optimistischer und geht davon aus, ihr Inflationsziel erreichen und halten zu können. Deshalb wurde auch ein Ende der umstrittenen Anleihekäufe in Aussicht gestellt. Bis Ende Dezember sollen sie fortgeführt werden, jedoch soll der monatliche Kaufbetrag ab Oktober von aktuell 30 Milliarden Euro auf 15 Milliarden Euro reduziert werden. Ende Dezember sollen die Käufe dann komplett enden. Die Nullzinspolitik wird aber erst einmal bis über den Sommer 2019 hinaus mit einem Hauptleitzins von null Prozent beibehalten.

CHe

OnVista mit Material von dpa-AFX

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