Drei Fragen an Bernecker: Ist die Rezessionsgefahr nun eingepreist, ist ein Zinserhöhungszyklus der EZB realistisch und könnten Anleihen bald zur antizyklischen Tradingchance werden?

onvista · Uhr
Quelle: Bernecker

In unserer heutigen Ausgabe fragen wir nach einem Wasserstand zu den Märkten – ist die Rezessionsgefahr bereits ausreichend eingepreist? Zudem fragen wir nach dem weiteren Kurs der europäischen Zentralbank und ob der Anleihemarkt in naher Zukunft Chancen bieten könnte.

onvista-Redaktion: Tiefer im Keller könnte die Stimmung an den Märkten nicht sein und doch warnen diverse Experten vor weiteren Kurseinbrüchen - denn die Rezessionsgefahr wächst jeden Tag. Muss diese Gefahr noch deutlicher eingepreist werden oder nimmt der Markt das Schlimmste doch bereits vorweg?

Der Ausverkauf aller Techs ist das zentrale Thema für alle Märkte. Die Größenordnungen sind beachtlich. Als Apple am Mittwoch 5 % verlor, waren schon mal 130 Mrd. $ futsch. Alle anderen zusammen verbrannten ebenfalls am Mittwoch runde 1,3 bis 1,5 Bio. $. Damit ist der wesentliche Teil dieser Blase demnächst beendet. Mit der Rezession hat dies nicht viel zu tun. Bis jetzt gibt es keine sichere Schätzung für die amerikanische Konjunkturtendenz. Schätzungen besagen in dieser Situation wenig. Entscheidend ist die Entwicklung des Arbeitsmarktes und das durchgerechnete Wirtschaftswachstum annualisiert. Daran orientiert sich die Fed. Die Inflation ist eine Begleiterscheinung, in der vorerst sehr viel Aufregung steckt, aber nur wenige konkrete Signale. Wo die Indizes sich jetzt fangen, hängt allein von der Tech-Szene ab. Ist die Blase beseitigt, beginnt die erste Erholungsphase, wahrscheinlich Ende des Monats.

onvista-Redaktion: Die Fed ist mitten in ihrer Zinserhöhungsphase - die EZB will erst noch starten. Ist ein Zinserhöhungszyklus in der Eurozone angesichts des Krieges und der teils extremen Verschuldung der Euro-Staaten überhaupt realistisch?

Die EZB kann den Vorgaben der Fed nur bedingt oder gar nicht folgen. Die Amerikaner orientieren sich an ihren Ergebnissen und Zielen. Die EZB hat vor allem die Aufgabe, den schwachen Staaten der Eurozone finanztechnisch über die Runden zu helfen. Eine Zinserhöhung hat für die reale Wirtschaft keine Bedeutung, wohl aber für die Entwicklung der Renditen der Zinsen am jeweiligen Kapitalmarkt der Länder. Hier geht es um den Spread in den Renditen zwischen den ersten Schuldnern (Deutschland) und den letzten Schuldnern (Italien etc.). Daran hängt wiederum die Entwicklung des Eurokurses, dessen Risiko auf etwa 5 % geschätzt werden kann. Ergebnis: Es wird ein Schlingerkurs.

onvista-Redaktion: Die Anleihemärkte leiden so schlimm wie seit 30 Jahren nicht. Könnten Anleihen in den nächsten Monaten vielleicht der antizyklische Trade überhaupt sein? Ausgehend davon, dass sich die Notenbanken aufgrund einer Rezession doch zurückhalten müssen.

Die Anleihemärkte stehen seit 40 Jahren unter dem Eindruck sinkender Renditen. Zwischendurch gab es Korrekturphasen, aber der Generaltrend war negativ. In den letzten 10 Jahren wurde dies durch die Notenbanken zusätzlich beflügelt. Mit der Wende an den Zinsmärkten beginnt ein sehr langer Trend für steigende Renditen. Auch er wird in verschiedenen Zyklen oder Schritten absolviert. Daran kommt niemand vorbei, gleichgültig wie das Wachstumstempo einzelner Volkswirtschaften ausfällt. Für die Notenbanken kommt es lediglich darauf an, diesen Generaltrend angemessen zu begleiten, also übliche Übertreibungen zu unterbinden. Aktueller Ausblick: US-Renditen (T-Bonds) haben eine Zielgröße bis 4,5/5 % bis 2024. Die Renditen für deutsche Bundesanleihen haben ein Ziel von etwa 2 %. Die Italiener liegen aber mit Zielgrößen von deutlich über 5 % hart an der Kante. Was dann? Dann steht der Euro bzw. die Schulden der Euroländer vor einer neuen Beurteilung der europäischen Zukunft.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

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