Zurück zu den Wurzeln - Biontech-Gründer gehen von Bord

(Reuters) - Sie sind die Visionäre, die mit ihrem mRNA-Impfstoff in der Corona-Pandemie berühmt wurden. Doch nun verlassen die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci das von ihnen geschaffene Unternehmen. Ihr Ziel ist eine Rückkehr zu den Wurzeln: Sie wollen ein neues Unternehmen gründen, um sich wieder ganz der Forschung zu widmen. Bis Ende 2026 wollen sie sich aus der Führung zurückziehen, wie die Mainzer Biotechfirma am Dienstag mitteilte. Biontech selbst will sich künftig stärker auf seine wachsende Pipeline an Produktkandidaten in der späten klinischen Entwicklung fokussieren. Die Aktie brach nach der Ankündigung an der Frankfurter Börse zeitweise um 17 Prozent ein.
"Für uns ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Übergabe des Staffelstabs vorzubereiten", erklärte Vorstandschef Sahin. "Gleichzeitig wollen Özlem und ich ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten." Seine Ehefrau Özlem Türeci, Medizinchefin des Unternehmens, sagte dem "Handelsblatt": "Biontech geht in die nächste Lebensphase und bereitet sich auf ein industrielles Pharma-Modell vor. Das ist notwendig und sinnvoll, aber nicht das, wofür unser Herz schlägt." Dem Bericht zufolge steckt hinter dem Wechsel auch die Entwicklung des Unternehmens vom Forschungs-Start-up zum Pharmakonzern, der andere Strukturen und ein anderes Management benötige.
Für das Forscherpaar, das sich an der Uniklinik des Saarlandes kennenlernte und selbst am Tag seiner Hochzeit im Labor stand, ist es eine bewusste Abkehr vom Management eines globalen Konzerns. Ihre Leidenschaft galt stets der Wissenschaft. Bereits 2001 gründeten sie mit Ganymed ihre erste Firma. 2008 folgte Biontech mit Sitz in der symbolträchtigen Mainzer Straße "An der Goldgrube 12" – mit der Vision, die Krebstherapie zu revolutionieren. Zu den Hauptgeldgebern gehörten die Strüngmann-Brüder, Gründer des Generika-Konzerns Hexal. Sie sind mit rund 40 Prozent immer noch größter Einzelaktionär, Sahin selbst ist über eine Beteiligungsgesellschaft mit 15,5 Prozent zweitgrößter Eigner. Der kometenhafte Aufstieg in der Pandemie machte die beiden Mediziner mit türkischen Wurzeln zu Milliardären.
Biontech-Aufsichtsratschef Helmut Jeggle unterstützte die Entscheidung: "Wir glauben, dass dieser Plan sowohl für Biontech als auch das neue Unternehmen einen erheblichen Mehrwert bieten kann." Der Aufsichtsrat hat mit der Suche nach Nachfolgern für die Positionen des Vorstandschefs und der Medizinchefin begonnen. Biontech plant, Rechte und mRNA-Technologien in die neue Firma einzubringen, die mRNA-Innovationen der nächsten Generation erforschen soll. Im Gegenzug soll Biontech eine Minderheitsbeteiligung sowie künftige Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren erhalten. Eine bindende Vereinbarung wird bis Ende des ersten Halbjahres erwartet. Die bestehende klinische Pipeline sowie das Geschäft mit dem Covid-19-Impfstoff bleiben von den Plänen unberührt. Abgesehen vom Covid-Impfstoff hat Biontech bislang kein eigenes Medikament zur Marktreife gebracht. Das erste Krebsmedikament soll nach früheren Angaben des Unternehmens 2026 auf den Markt kommen.
SCHWÄCHE BEIM COVID-GESCHÄFT BELASTET UMSATZ
Im vergangenen Geschäftsjahr bekam Biontech die nur noch geringe Nachfrage nach Covid-Impfungen erneut zu spüren. Im vierten Quartal brach der Umsatz um knapp 24 Prozent auf gut 907 Millionen Euro ein. Im Gesamtjahr stieg er vor allem dank Einnahmen aus der Partnerschaft mit dem US-Pharmakonzern Bristol Myers Squibb um gut vier Prozent auf 2,87 Milliarden Euro. Der Nettoverlust erhöhte sich auch wegen milliardenschwerer Forschungskosten auf 1,1 Milliarden Euro nach einem Minus von 665 Millionen Euro vor Jahresfrist. Für dieses Jahr rechnet Biontech wegen der weiter sinkenden Nachfrage nach Covid-Impfstoffen mit einem Umsatzrückgang auf 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro. Die Forschungs- und Entwicklungskosten dürften dann mit 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro die Erlöse übersteigen.
Die Entwicklung des Unternehmens spiegelt sich im Aktienkurs wider. Beim US-Börsendebüt 2019 lag die Marktkapitalisierung von Biontech bei etwa 3,5 Milliarden Dollar. Mit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie begann der kometenhafte Aufstieg der Papiere. Mitte März verdreifachte sich der Kurs binnen drei Tagen auf rund 90 Dollar. Ihr Rekordhoch erreichten die Aktien im November 2021 mit 347,14 Dollar - ein Plus von mehr als 2200 Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis. Damals lag die Marktkapitalisierung bei etwa 90 Milliarden Dollar. Seither haben die Papiere jedoch rund 70 Prozent ihres Wertes wieder eingebüßt.




