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Wachstum besser als Value?

Stefan Riße

Unterschieden wird an den Aktienbörsen grundsätzlich zwischen zwei Kategorien von Aktien, und zwar Value und Growth, oder zu Deutsch zwischen werthaltigen Aktien und Wachstumswerten. Als Value-Aktien werden grundsätzlich solche Werte bezeichnet, die eine hohe Substanz aufweisen, bei einer Liquidation der Firma also einen ordentlichen Wert erbringen würden, und die in Bezug auf die aktuell erwirtschafteten Gewinne bereits eine ordentliche Rendite abwerfen. Natürlich ist es gut, wenn auch Value-Unternehmen wachsende Erträge abwerfen, das zukünftige Wachstum ist aber nicht das entscheidende Element bei der Bewertung. Für Growth-Aktien hingegen geht es vor allem um die Erträge von morgen. Sie können sogar Verluste ausweisen, es zählt allein die Phantasie auf in der Zukunft sprudelnde Erträge. Tesla ist so ein Wert. Das Unternehmen hat noch nie Gewinne produziert und doch wird es von Investoren mit umgerechnet 45 Milliarden Euro bewertet. Ein ähnlicher Fall ist der Streamingdienst Netflix.

Value ist der deutliche Gewinner

Womit fahren Anleger nun besser? Um einen sinnvollen Vergleich anzustellen, ist es nützlich, die zehnjährigen rollierenden Renditen der jeweiligen Aktienkategorie zu vergleichen. Das bedeutet, man geht von einem beliebigen Zeitpunkt jeweils zehn Jahre zurück und berechnet, was aus einer Anlage vor zehn Jahren geworden wäre und vergleicht die Renditen. Valide Zahlen gibt es seit 1926. Das bedeutet, seit 1936 kann man das erste Mal zehn Jahre rückwärts betrachten. Das Ergebnis ist ganz eindeutig. Historisch betrachtet haben Value-Werte Wachstumsaktien klar geschlagen, waren für Anleger also die bessere Anlage. Selbst auf dem Höhepunkt des Internetbooms gab es nur ein paar Monate, wo Wachstum attraktiver erschien. Da die Werte dann aber rasant abstürzten, hatte es sich mit der Überlegenheit der Wachstumskategorie schnell wieder erledigt.

Gezeitenwende oder Zufall?

Nur in den vergangenen rund zweieinhalb Jahren wäre es, jeweils zehn Jahre rückwärts gerechnet, besser gewesen, in Wachstum statt in Value zu investieren. Oder anders ausgedrückt, wer vor zwölfeinhalb Jahren bis zu vor zehn Jahren in Aktien investiert hat, fuhr mit Value-Werten schlechter als mit dem Pendants Wachstum. Ein einmaliger Vorgang seit der Betrachtung 1936. Woran liegt das? Ist es Zufall, oder beginnen nun die Jahrzehnte outperformender Wachstumswerte? Wahrscheinlich trifft weder das eine noch das andere zu. Doch es dürfte auch kein reiner Zufall sein, dass Wachstumswerte derzeit überlegen erscheinen.

Burggräben werden eingerissen

Es ist unbestreitbar, die Welt befindet sich in einem technologischen Wandel in nie gekannter Geschwindigkeit. Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte gut funktioniert haben und stetig wuchsen, werden durch die neuen Plattform-Unternehmen angegriffen. Die Burggräben, von denen der berühmteste aller Value-Investoren Warren Buffett sprach, werden in vielen Branchen plötzlich eingerissen. Teilten sich früher die großen Lebensmittelhersteller die Regale der Supermärkte auf, weil nur sie die Einlistungsgebühr bezahlen konnten, bekommen sie plötzlich Konkurrenz von Firmen wie mymuesli. Es beginnt durch Wettbewerb im Internet über Onlineshops und Plattformen wie Amazon und irgendwann nehmen die Supermärkte so aufgebaute Marken von selbst ins Sortiment, weil der Kunde sie nachfragt. AirBNB hat die ganze Hotel-Branche durcheinander gewürfelt, ohne je ein Hotel bauen zu müssen. Der Plattenladen ist längst Geschichte, die Download-Plattformen sind es im Grunde auch schon wieder, Streaming-Dienste wie Spotify haben sie schon abgelöst.

Value-Investment weiterentwickeln

Acatis ist ein klarer Value-Investor und nichtsdestotrotz müssen wir diese neuen Entwicklungen in unsere Analyse einbeziehen. Der Frage, ob ein Geschäftsmodell noch zukunftstauglich ist, kommt eine größere Bedeutung zu als früher. Zukünftige Erträge spielen nicht plötzlich die einzige Rolle, aber sie sind wichtiger geworden als in der Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass wir auf jeden Wachstumstrend aufspringen. Nur wenn die zukünftig erwarteten abgezinsten Cash-Flows einen höheren Wert für ein Unternehmen ergeben als an der Börse dafür bezahlt wird, investieren wir. So bleiben wir den Grundsätzen des Value-Investments treu, befördern es aber ins 21. Jahrhundert.

Gottvater lehnt klassische Einteilung in Wachstum und Value ab

Interessant ist dazu auch, was Warren Buffett bereits 1992 in den Geschäftsbericht seiner Investment-Holding Berkshire Hathaway schrieb: „Die meisten Analysten sind der Meinung, dass sie zwischen „Value“ und „Wachstum“ wählen müssen. Wir betrachten das als unsauberes Denken. Unserer Meinung nach sind die beiden Ansätze an der Hüfte vereint: Wachstum ist immer ein Bestandteil der Wertberechnung und stellt eine Variable dar, deren Bedeutung von vernachlässigbar bis enorm sein kann … Typischerweise handelt es sich bei Value-Werten um den Kauf von Aktien mit Attributen wie einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis, einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis oder einer hohen Dividendenrendite. Gegenteilige Merkmale – ein hohes Kurs-Buchwert-Verhältnis, ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis und eine niedrige Dividendenrendite – sind keineswegs unvereinbar mit einem “Value”-Kauf.”

Unsere Weiterentwicklung des Value-Ansatzes, den wir „Buffett 2.0“ nennen, macht sich bezahlt. Unser ältester Fonds, der Acatis Aktien Global Fonds lief im Gegensatz zum klassischen Value-Ansatz in den vergangenen anderthalb Jahren ausgesprochen gut und gewann seit Jahresanfang, Stand 31. August, 8,8 Prozent.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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