Wirecard: Die Corona-Krise ist bei den Aschheimern Nebensache – Anders sieht es bei der Sonderprüfung aus – Das sagen die Analysten

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Wirecard: Die Corona-Krise ist bei den Aschheimern Nebensache – Anders sieht es bei der Sonderprüfung aus – Das sagen die Analysten

Der Zahlungsdienstleister Wirecard gilt als einer der wenigen Konzerne, die von der derzeitigen Coronavirus-Pandemie nachhaltig profitieren könnten. So blieben die Bayern aus dem Münchener Vorort Aschheim bisher bei ihren Prognosen, auch wenn viele Kunden derzeit schwere Probleme haben. Doch Wirecard trägt immer noch die Last der Sonderprüfung mit sich herum, die die Vorwürfe rund um aufgeblähte Bücher und Scheinumsätze ausräumen soll. Was bei Wirecard los ist, was die Analysten sagen und wie die Aktie zuletzt lief.

Das ist los bei Wirecard

Mitte März hat der Dax-Konzern bereits durchblicken lassen, dass die Sonderprüfung für das Geschäft in Indien, Singapur und bei den Händlerkrediten „keine substanziellen Feststellungen“ ergeben hat, die für die Jahresabschlüsse von 2016 bis 2018 zu Korrekturen führen würden.

Das wichtige und ebenfalls stark kritisierte Drittpartner-Geschäft steht aber noch unter der Lupe der Wirtschaftsprüfer von KPMG. Wirecard wickelt viele Zahlungen in Ländern, in denen das Unternehmen selbst keine eigene Lizenz dafür hat, über Partnerfirmen ab. Diese Untersuchung sollte bis zum 22. April abgeschlossen werden. Der KPMG-Bericht soll unmittelbar nach Erhalt auf der eigenen Homepage veröffentlicht werden.

Fraglich ist, ob der Report die Zweifel von Anlegern an der Glaubwürdigkeit des Konzerns restlos ausräumen kann. Wirecard ist auch durch ungeschickte Kommunikation immer tiefer in den Strudel rund um schlechte Nachrichten geraten. Als die britische „Financial Times“ („FT“) Ende Januar 2019 mit kritischen Berichten rund um die Bilanzprobleme einer Tochter in Singapur begann, wiegelte Vorstandschef Markus Braun noch ab, die Berichte seien „völlig substanzlos“. Im Nachhinein musste der langjährige Chef dann aber Qualitätsprobleme und kleinere Fehlbuchungen einräumen – wenn auch in geringerer Höhe als von der „FT“ suggeriert. Die Vorwürfe rund um Scheinbuchungen weist Wirecard indes nach wie vor zurück, alle verbuchten Kundenbeziehungen und die Umsatzerfassung seien authentisch.

Die Affäre nahm zwischenzeitlich mit recht dubiosen Vorgängen im Spekulantenumfeld Ausmaße eines handfesten Börsenkrimis an. Wirecard sieht sich schon länger als Opfer einer konzertierten Aktion von sogenannten Short-Sellern, die mit fallenden Kursen Geld über Leerverkäufe verdienen wollen.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt aufgrund des Verdachts der deutschen Finanzaufsicht Bafin unter anderem in diese Richtung. Es wäre nicht das erste Mal, dass Spekulanten sich Wirecard als Ziel mutmaßlicher Manipulationen ausgesucht hätten. Die „FT“ sieht ihre Mitarbeiter und Reporter nach eigenen Untersuchungen aber vom Wirecard-Vorwurf entlastet, mit Spekulanten unter einer Decke zu stecken.

Das eigentlich so gut laufende Tagesgeschäft verkommt bei all dem häufig zum Nebenschauplatz. Dabei wollen die Aschheimer auch in diesem Jahr kräftig wachsen, das operative Ergebnis (Ebitda) soll auf 1 bis 1,12 Milliarden Euro anschwellen, das wäre in der Spitze ein Plus von über 50 Prozent. Auch die Corona-Krise rüttelte daran bisher nicht. Zwar haben bedeutende Kundengruppen wie Airlines und Reisebüros hart mit der Krise zu kämpfen, dafür ziehen aber die Onlinekäufe an. Wirecard verdient an jeder Transaktion über die eigene Plattform im Schnitt rund 1,6 Prozent an Gebühren.

Wirecard bietet Händlern im Internet und auch offline die Technik zur Abwicklung von elektronischen Zahlungen an, so etwa die Akzeptanz von Kreditkarten und auch die Risikoabsicherung von Zahlungen. Mit der Corona-Krise könnte auch die Bedeutung elektronischer und kontaktloser Zahlungen schneller wachsen und dem Bargeld weiter Wasser abgraben – was die Geschäfte mittelfristig noch schneller wachsen lassen könnte.

Das sagen die Analysten

Die Branchenexperten sind der Aktie gegenüber weiter positiv gestimmt. Elf im dpa-AFX-Analyser erfasste Branchenexperten haben sich seit der Veröffentlichung erster Ergebnisse der Sonderprüfung zu Wort gemeldet, acht von ihnen raten zum Kauf der Aktie. Drei sind für Halten, niemand aus dieser Reihe empfiehlt das Abstoßen des Papiers. Beim aktuellen Kursniveau von rund 120 Euro sehen die Analysten bei ihrem durchschnittlichen Kursziel mehr als 50 Euro Luft nach oben von.

Der optimistischste unter ihnen ist Simon Bentlage von Hauck & Aufhäuser, der die strukturellen Wachstumstrends durch die Corona-Krise begünstigt sieht. Er traut dem Papier mehr als eine Verdopplung auf 270 Euro zu. Knut Woller von der Baader Bank hat 240 Euro auf dem Zettel. Sicherlich dürften die Geschäfte im Bereich Reise und Mobilität durch die Coronavirus-Krise beeinträchtigt werden, das Wachstum in anderen Bereichen wie Konsumgüter oder Digitales scheine aber stark genug, um dies auszugleichen, gibt sich Woller optimistisch.

Deutlich zurückhaltender ist Wolfgang Donie von der NordLB. Der Experte hatte Mitte März unter dem Eindruck des starken Kursrutsches an den Börsen sein Kursziel auf 102 Euro gesenkt, plädierte aber ebenfalls für den Kauf. Der Zwischenstand der Sonderuntersuchung von KPMG sei ein Teilerfolg für das Unternehmen, schrieb er. Ein endgültiger „Freispruch“ stehe aber noch aus, so dass es durchaus noch ein Restrisiko gebe.

Das macht die Aktie

Die vergangenen Monate und Jahre waren für die Wirecard-Anleger keine Zuckerschlecken – sie brauchten vor allem eins: gute Nerven. Die Kursausschläge waren vor allem wegen der Bilanzierungsprobleme extrem, für langfristig orientierte Anleger hat sich ein Investment aber immer noch gelohnt. Für alle, die erst mit dem Dax-Aufstieg des immer noch vergleichsweise jungen Unternehmens eingestiegen sind, war es allerdings ein heftiges Verlustgeschäft.

So hatte das Papier Anfang September 2018, als sich der Dax-Aufstieg immer mehr abzeichnete, mit 199 Euro sein bisheriges Rekordhoch erreicht. Doch schon kurz darauf mehrten sich die Zweifel – damals noch vor allem wegen der hohen Bewertung des Unternehmens. Bis Ende 2018 fiel das Papier wieder unter die Marke von 130 Euro. Doch den richtigen Schlag versetzte dem Papier dann die „FT“-Berichterstattung von Ende Januar 2019, die das Papier nach einer Erholung in den ersten Wochen des vergangenen Jahres von mehr als 160 Euro deutlich unter die Marke von 100 Euro drückte.

In den Monaten danach gab es immer wieder heftige Schwankungen innerhalb der für einen Dax-Wert ungewöhnlich hohen Bandbreite zwischen 100 und 160 Euro – und dann kam Corona. Im Strudel der Turbulenzen fiel die Aktie bis auf 79,68 Euro und damit dem tiefsten Stand seit dem Dax-Aufstieg, konnte sich davon aber wieder kräftig erholen. Zuletzt kostete die Aktie wieder rund 120 Euro.

Damit beträgt das Minus im Corona-Crash, der seit dem 24. Februar den Aktienmarkt fest im Griff hat, lediglich auf rund 10 Prozent. Das Papier ist damit der beste Dax-Titel in diesem Zeitraum. Im Vergleich zum Höchstkurs Anfang September 2018 beläuft sich das Minus allerdings auf knapp 40 Prozent.

Ganz anders sieht es dann bei einem mittel- und langfristigen Blick aus. In den vergangenen fünf Jahren legte der Kurs der Aktie um fast 200 Prozent zu und auf Zehn-Jahressicht beträgt das Kursplus sogar 1400 Prozent. Wirecard ist an der Börse derzeit knapp 15 Milliarden Euro wert und damit mehr als Traditionskonzerne wie Continental (14 Mrd Euro), Deutsche Bank (12 Mrd Euro), HeidelbergCement (8 Mrd Euro) oder Lufthansa (4 Mrd Euro).

Einer der Hauptprofiteure des langfristigen Höhenflugs ist Vorstandschef Braun, der peu a peu seinen Anteil an dem Unternehmen erhöht hat. Inzwischen hält er rund sieben Prozent der Aktien – das Paket ist beim Kurs von 120 Euro etwas mehr als eine Milliarde Euro wert. Braun ist damit der einzige Chef eines Dax-Konzerns, der so viele Anteile an dem Unternehmen selbst hält.

onvista/dpa-AFX

Titelfoto: Anton Garin / Shutterstock.com

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