Europas Höhenflug – von wegen
Heiko Böhmer
Ist das der Beginn einer großen Trendwende? Wird Europa die USA auch im weiteren Jahresverlauf hinter sich lassen? Was bedeutet das für die persönliche regionale Aufteilung des Depots?

2025 hat einige spannende Erkenntnisse an den Börsen gebracht. Das Europa Comeback gehört sicherlich dazu. In den vergangenen 16 Jahren waren die USA traditionell stärker als Europa – bezogen auf die Börsen. Doch das erste Halbjahr hat hier eine Veränderung hin zu Europa gebracht. Am Ende hatte der EuroStoxx50 bis zum Stichtag Ende Juni 11 Prozent zugelegt. In den USA war der S&P 500 Index nur um 5 Prozent gestiegen.
Ist das der Beginn einer großen Trendwende? Wird Europa die USA auch im weiteren Jahresverlauf hinter sich lassen? Was bedeutet das für die persönliche regionale Aufteilung des Depots?
Diese Fragen sind teilweise leicht zu beantworten – das gilt vor allem für die regionale Aufteilung des Depots. Hier sollte es immer um eine ausgewogene Mischung gehen. Wer also breit streuen möchte und sehr stark auf den MSCI World setzt, der investiert eben gerade nicht ausgewogen. Mit mehr als 70 Prozent sind die USA dort gewichtet. Europa weist circa 15 Prozent auf. Und tatsächlich hat dieser so beliebte Index das erste Halbjahr in der Total Return Variante und in Euro berechnet mit einem leichten Verlust von drei Prozent abgeschlossen – also weit hinter dem europäischen Markt.
Europas Börsen eher defensiv geprägt
Durch die andere Struktur der europäischen Volkswirtschaften stehen die großen europäischen Indizes auch für eher defensivere Branchen wie beispielsweise Banken, Industriewerte oder auch Versicherungen. Wenn also US-Börsen weit über dem historischen Durchschnitt notieren und die europäischen Indizes sehr knapp unter dem historischen Durchschnitt, bieten diese Märkte auf den ersten Blick attraktive Chancen.
Doch aktuelle Daten zu einigen ausgewählten US-Firmen zeigen ganz klar: Die Musik spielt weiter an der Wall Street. Oder um es mit Warren Bufftet zu sagen: „Never bet against the US.“
Beispiel Nvidia: Der US-Technologiewert hat erst kürzlich beim Börsenwert die Marke von vier Billionen Dollar überschritten. Nvidia ist damit das größte Unternehmen der globalen Börsengeschichte oder steht so für knapp drei Prozent der globalen Marktkapitalisierung.
Nvidia ist allein fast so groß wie ein wichtiger europäischer Index
Wie groß Nvidia ist, zeigt der Vergleich mit dem europäischen Aktienmarkt. Der gesamte EuroStoxx50 Index weist aktuell einen Börsenwert von knapp 4,8 Billionen Dollar auf – Nvidia allein fast 4,2 Billionen Dollar. Nur zur Einordnung: Der EuroStoxx50 umfasst die 50 maßgeblichen europäischen Börsenwerte. Dazu gehören so klingende Namen wie SAP, LVMH, ASML oder auch alle großen Automobilwerte. Nur die Summe der 50 Werte liegt dann noch etwas höher als Nvidia allein.
Beispiel Wirtschaftsleistung: 2008 lagen die EU und die USA bei der Wirtschaftsleistung fast gleichauf mit einem Wert von 16 Billionen Dollar. Bis Ende 2023 hat sich nach Daten des Internationalen Währungsfonds hier eine große Lücke aufgetan. Aktuell beträgt die Differenz zwischen der größten Volkswirtschaft der Welt und der EU immerhin 8,3 Billionen Dollar oder rund 32 Prozent.
Sowohl der Blick auf Nvidia als auch auf die Wirtschaftsleistung zeigt deutlich auf, dass die US-Börsendominanz auch auf harten Fakten beruht. Anleger sollten also weiter in Richtung Wall Street schauen, aber Europa dabei nicht aus den Augen verlieren.