Der große Lackmustest: Was der Markt von Nvidias Zahlen erwartet
Maximilian Nagel
Am Mittwochabend veröffentlicht mit Nvidia der wertvollste Börsenkonzern der Welt Quartalszahlen. Die Erwartungen sind hoch – und an Nvidia hängt praktisch der ganze Markt.

Im Juli durchbrach Nvidia als erster Börsenkonzern überhaupt die 4-Billionen-Dollar-Marke bei der Marktkapitalisierung – und seitdem thront der Chip-Konzern über allen übrigen Schwergewichten. Mittlerweile ist Nvidia 4,4 Billionen Dollar wert.
Zur aktuellen Nummer Zwei, Microsoft, klafft eine Lücke von 700 Milliarden US-Dollar – eine Differenz, die mehr als zehnmal so groß ist wie die aktuelle Marktkapitalisierung des Volkswagen-Konzerns. Umso wichtiger wird für Anleger, mit welchen Zahlen Nvidia am Mittwochabend aufwartet.
Nach US-Börsenschluss gibt der Konzern Einblick in das zweite Quartal, welches bei Nvidia übrigens das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2026 ist. Das Geschäftsjahr Nvidias wiederum beginnt nicht Anfang Januar, sondern Anfang Februar, die Quartale Nvidias sind demnach immer einen Monat zu den üblichen Jahresvierteln „versetzt“. Der Einfachheit halber beziehen sich die nachfolgenden Tabellen und Grafiken auf das entsprechende Kalenderquartal.
An Nvidias Kennziffern hängt neben der Rekordrally Nvidias selbst das nähere Schicksal des US-Markts. Der Halbleiter-Branchenprimus ist der Maßstab für die kurstreibende Euphorie um Künstliche Intelligenz.
Quartal | Umsatz (Mrd. $) | Operativer Gewinn (Mrd. $) | Nettogewinn (Mrd. $) |
---|---|---|---|
Q2 2024 | 30,0 | 18,6 | 16,6 |
Q3 2024 | 35,0 | 21,8 | 19,3 |
Q4 2024 | 39,3 | 24,0 | 22,0 |
Q1 2025 | 44,0 | 21,6 | 18,7 |
Analysten erwarten, dass Nvidia Umsätze von mehr als 46 Milliarden US-Dollar verkündet. Unterm Strich soll ein Gewinn von 1,01 US-Dollar je Aktie bleiben. Das würde einem Zuwachs von 54 respektive 48 Prozent zum Vorjahresquartal entsprechen.
Nvidia selbst gab einen vorsichtigen Ausblick
Gemessen am Boom der Nvidia-Chips in den vorigen Quartalen stapeln die Analysten hier tief. Im ersten Quartal sprangen die Erlöse um 69 Prozent zum Vorjahr an, in den beiden Trimestern davor war das Wachstum mit 78 und 94 Prozent nochmal stärker. Im Frühjahr 2024 erstaunte Nvidia sogar mit Umsatzsteigerungen jenseits von 250 Prozent zum Vorjahr.
Der Konzern selbst hatte im ersten Quartal einen vorsichtigen Ausblick gegeben und Umsätze von 45 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt, mit einer Einschränkung: „Dieser Ausblick beinhaltet entgangene H20-Umsätze von rund acht Milliarden Dollar aufgrund von Exportbeschränkungen.“
Die Bruttomarge soll indes bei rund 72 Prozent liegen - ein fast einzigartig hohes Niveau. Selbst bei Apple rangiert diese Marge nur im Bereich von 46 Prozent. Im ersten Quartal betrug diese Marge knapp 61 Prozent, wobei Nvidia damals anmerkte, dass die Exportbeschränkungen die Bruttomarge um satte zehn Prozentpunkte drückte.
Die Bruttomarge ergibt sich aus der Differenz der Erlöse und der Umsatzkosten. In diesen Kosten sind beispielsweise Rohstoffkosten, Herstellung und Logistik für Produkte und Dienstleistungen enthalten – also jeglicher Aufwand, der direkt mit der Produktion verbunden sind. Kosten für Verwaltung und Forschung werden daher beispielsweise nicht berücksichtigt.
Kann Nvidia bei den Zahlen glänzen? Die Chancen stehen gut. In den vergangenen vier Quartalen verfehlte das Unternehmen der Nasdaq zufolge nur einmal die Gewinnerwartungen, für dieses Jahresviertel sind die Erwartungen nicht zu hoch gesteckt, zumal die wichtigsten Kunden Nvidias – Meta, Microsoft, Alphabet und Amazon – bei ihren Zahlenvorlagen die Prognosen übertrafen. Zusammen machen diese vier Abnehmer für Nvidias KI-Chips 40 Prozent des Umsatzes aus.
China bleibt ein großes Fragezeichen
Allerdings könnten Details wichtig werden. Insbesondere, was das China-Geschäft angeht. Kunden im Heimatmarkt USA machen zwar mit 47 Prozent den Löwenanteil aller Umsätze aus. Das Wachstum dort ist aber nicht so stark, wie zumindest die Zahlen für das erste Quartal suggerieren.
Die US-Erlöse legten damals zum Vorjahr um 53,6 Prozent zu, während die Umsätze mit chinesischen Kunden um 121,6 Prozent zum Vorjahr anstiegen. Nvidia selbst betonte im jüngsten 10-Q-Bericht bei der US-Börsenaufsicht SEC, wie wichtig China sei – und welch große Rolle die Beschränkungen spielen.
„Wir glauben, dass der KI-Markt in China signifikante Möglichkeiten bietet, und dass existierende wie neue Exportbeschränkungen uns stark erschwert, diese Chancen zu ergreifen“, so Nvidia. Umsatz und operative Ergebnisse würden so weiterhin (negativ) beeinflusst werden, erklärte der Konzern weiter.
Mittlerweile hat Nvidia, zusammen mit dem Wettbewerber AMD, einen Deal mit der Regierung Trump – für 15 Prozent der Umsätze dürfen die Chiphersteller weiter nach China verkaufen. Das Problem dabei: Vielleicht findet Nvidia für die extra fürs Reich der Mitte designten H20-Chips nicht mehr so viele Abnehmer.
Peking ermutigte die heimischen KI-Firmen nämlich, lieber chinesische Chips zu nutzen. So teilte Nvidia seinen Auftragsfertigern angeblich mit, keine weiteren H20-Chips mehr herzustellen, so ein Medienbericht. „Die Markterwartung war, dass Nvidia eventuell wieder nach China verkaufen darf”, erklärte Marktstratege Michael O’Rourke gegenüber Bloomberg.
„Das Problem ist, dass die Regierung den Verkauf erst ermöglichte, als der H20 beinahe überholt war, und China das als Affront wahrnahm. Darüber hinaus ist China besorgt, die USA könnten über Hintertüren in Nvidia-Chips auf chinesische Technologien zugreifen“, so O’Rourke. Sollte Nvidia sich nicht oder eher pessimistisch zur Zukunft in China äußern, könnte das auch ansonsten solide Zahlen überschatten.
Bei positiven Zahlen ist ein neuer Rekord denkbar
Eine kräftige Bewegung in die ein oder andere Richtung scheint indes garantiert. Bloomberg-Daten zeigen, dass im Markt für Optionen eine Bewegung von sechs Prozent zu beiden Seiten eingepreist ist. Bestenfalls hieße das für die Aktie ein neues Rekordhoch.
Aktuell notiert die Aktie bei knapp 182 US-Dollar, und damit nur rund 2,50 Dollar unter dem Allzeithoch von Mitte August. Auf Jahressicht hat die Aktie 31,7 Prozent hinzugewonnen, aus dem Tief nach der ersten Zoll-Ankündigung Trumps heraus hat der Kurs sogar um 110 Prozent angezogen. Im Mittel beläuft sich das Kursziel der Analysten bei 194 US-Dollar.
Die Bewertung hat sich durch diesen Zuwachs etwas normalisiert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt mit 58 deutlich unter dem 5-Jahres-Schnitt von rund 83, wobei das Niveau an sich meilenweit über dem liegt, was allgemeinhin als fair bewertet angesehen wird.
Ein Kurssprung nach den Zahlen dürfte ebenso den ganzen Markt befeuern, allein schon wegen Nvidias Größe. Im marktbreiten S&P 500 ist die Aktie mit fast acht Prozent gewichtet – so hoch wie nie eine Aktie zuvor, wie Apollo-Chefökonom Torsten Sløk jüngst darlegte.
Ein Lackmustest für den KI-Boom
Starke Zahlen wären auch ein Zeichen dafür, dass der KI-Boom nicht abreißt, der relevanteste Kurstreiber der vergangenen Monate. Während die Profiteure den Schock nach dem Auftauchen des chinesischen „Billig“-Konkurrenten DeepSeek im Frühjahr schnell überwanden, häuften sich zuletzt wieder Zweifel an der Euhporie.
Dabei ging es nicht um Unkenrufe. OpenAI-Mitgründer und -chef Sam Altman persönlich sprach von einer Blase. Im Interview mit „The Verge” erklärte Altman: „Wenn Blasen entstehen, werden die Leute zu euphorisch. Sind wir in einer Phase, in der Investoren insgesamt zu euphorisch für KI sind? Meiner Meinung nach schon. Ist KI das wichtigste, was seit langem entstanden ist. Meiner Meinung nach schon.“
Altman räumte ebenso ein, dass seine Firma den Start des neuesten Modells GPT-5 verpatzte. „Ich denke wir haben einige Dinge beim Ausrollen [von GPT-5] total versaut.“ Die eher marginalen Verbesserungen gegenüber GPT-4 lösten zudem erneute Skepsis aus, dass KI nicht die Fortschritte macht, welche Befürworter wie Altman versprechen.
„Überfällig, überbewertet, und enttäuschend“, nannte der KI-Experte Gary Marcus beispielsweise den Start von GPT-5. Marcus schätzt, dass der Markt für KI bestenfalls auf 100 Milliarden Dollar wachsen kann. Fakt ist zudem: In den vergangenen 18 Monaten investierten allein die „Glorreichen Sieben“ 560 Milliarden US-Dollar in den Ausbau von KI – erzielten mit KI-Dienstleistungen aber bislang nur 35 Milliarden US-Dollar an Umsatz.
Größter Profiteur dieser Ausgaben: Nvidia. Ein solides Zahlenwerk – und ein nicht zu konservativer Ausblick – bei Nvidia würden das Vertrauen in die Wachstumsstory KI unter den Anlegern dementsprechend wieder stärken. Umgekehrt würden verhaltene Quartalszahlen garantieren, dass der Markt den Boom nochmal überdenkt, was die aktuelle Rally an der Wall Street ausbremsen würde. Mindestens.