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dpa-AFX · Uhr
    Strohfeuer, Kommentar zur türkischen Lira von Stefan Reccius
Frankfurt (ots) - Eines kann man Recep Tayyip Erdogan und seiner Clique
wirtschaftspolitischer Hasardeure an den Schaltstellen des türkischen Staates
nicht vorwerfen: dass es ihnen an Einfallsreichtum mangelt. Den neuesten Clou
hat die Bankenaufsicht orchestriert. Türkische Banken müssen von nun an ihre
Kreditvergabe an Unternehmen einschränken, wenn diese über einen gewissen
Bestand an Fremdwährungen verfügen. Das hat der tief gefallenen Lira Auftrieb
gegeben. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es sich wieder einmal um ein
Strohfeuer handelt.

Der Grund ist, dass sich an der eigentlichen Ursache der chronischen
Währungsschwäche in der Türkei nichts ändert. Es ist die von oben verordnete
Tatenlosigkeit der Notenbank. Die Erdogan treu ergebenen Währungshüter halten
seit mehr als einem halben Jahr stoisch am Leitzins von 14 % fest, obwohl die
Inflation in der Zwischenzeit auf Werte jenseits von 70 % davongaloppiert ist.
Niedrigzinsdiktat, unerschütterliche Inflationstoleranz und eine kalkulierte
Abwertung der Lira mit dem Ziel, türkischen Exporteuren die Geschäfte auf den
Weltmärkten zu erleichtern, sind die unverkennbaren Markenzeichen von Erdogans
Wirtschaftspolitik geworden.

Wesentliches Element dieser Strategie ist der wiederkehrende Griff in die
währungspolitische Trickkiste. Seit Jahren fester Bestandteil des Repertoires
sind verdeckte Interventionen staatsnaher Banken am Devisenmarkt. Doch das
genügt längst nicht mehr, um die Lira vor dem Absturz zu bewahren, denn die
Fremdwährungsreserven für solche Operationen sind endlich.

Also umgarnen Regierung und Regulatoren Bürger und Unternehmen, um ihnen die
heimische Währung schmackhaft zu machen. Für Aufsehen sorgte im Dezember ein
Novum: Sparer können sich auf Staatskosten gegen Wechselkursrisiken absichern,
indem sie ihre Einlagen auf spezielle Lira-Konten umschichten. Nun steigt auch
der Druck auf Unternehmen, von Dollar und Euro auf Lira umzusteigen. Im
Fachjargon ist von "Liraisierung" die Rede.

Alle paar Monate kommen die politischen Entscheidungsträger mit einem neuen
Kniff um die Ecke, statt das Naheliegende zu tun und den Leitzins zu erhöhen.
Damit sedieren sie die aufgeschreckten Märkte vorübergehend und demonstrieren
Bürgern und Unternehmern Handlungsfähigkeit. Mittelfristig erodiert der Wert der
Lira dennoch weiter. Nichts deutet darauf hin, dass sich an diesem Muster bis zu
einem möglichen Machtwechsel bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in
einem Jahr Wesentliches ändert.

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