Warum Warren Buffett gerade jetzt bei Unitedhealth eingestiegen ist
Maximilian Nagel

Seit einigen Wochen gab es Gerüchte, Warren Buffett würde endlich mal wieder zuschlagen. Die Holding der Investorenlegende, Berkshire Hathaway, vergrößerte ihre Cash-Bestände bis zum Ende des zweiten Quartals auf fast 350 Milliarden US-Dollar – und irgendwann, so die gängige Auffassung, müsse Buffett dieses Geld auch wieder in Arbeit bringen.
Das hat er nun getan, wie eine sogenannten 13F-Pflichtmitteilung bei der US-Börsenaufsicht SEC zeigt. Der Börsenveteran ist mit einer moderat großen Position beim Krankenversicherer Unitedhealth eingestiegen.
Das Formular 13F müssen alle Großinvestoren in den USA, die über 100 Millionen US-Dollar an Kapital verwalten, für jedes Quartal bei der Börsenaufsicht SEC abgeben, spätestens 45 Tage nach Ende des Quartals. Diese Frist nutzen die meisten Investoren aus, um ihre Strategie so lange wie möglich geheim zu halten. Nicht alle Positionen sind in der 13F-Auflistung enthalten. Short-Positionen beispielsweise, also Wetten gegen eine Aktie, müssen nicht angegeben werden.
Gekauft hat Buffett gut fünf Millionen Aktien, aktueller Gegenwert des Aktienpakets sind rund 1,57 Milliarden US-Dollar. Damit macht Buffetts Anteil an Unitedhealth nur einen kleinen Teil seines Portfolios aus. Seine Position in den Kreditkartenkonzern American Express zum Beispiel ist über 48 Milliarden Dollar schwer, sein Apple-Aktienpaket sogar über 57 Milliarden Dollar.
Trotzdem ist für viele Anleger interessant, worin Buffett investiert. Dieses erste Aktienpaket könnte, wie bei vielen Investments des Altmeisters, auch nur das Fundament für eine größere Position sein. Die Frage dabei: Warum die zuletzt arg gebeutelte Unitedhealth? Oft heißt es doch, man solle nicht „ins fallende Messer greifen“.
Zahlreiche Probleme plagen Unitedhealth
Allein im zweiten Quartal verlor die Aktie 40,5 Prozent ihres Werts. Ausgehend vom letzten Rekordhoch im November 2024 bei 630 Dollar summiert sich das Minus sogar auf 57 Prozent auf. Diese Entwicklung steht in starkem Kontrast zur vorangegangenen Rally, bei welcher sich das Papier zwischen Ende 2017 und dem Rekord mehr als vedreifachte.
Die Probleme bei Unitedhealth: Die Zahlen für das erste Quartal fielen mager aus, später setzte der Konzern dann noch zeitweise den Jahresausblick aus. Die Ergebnisse für das zweite Quartal folgte eine noch schmerzhaftere Enttäuschung bei den Ergebnissen.
Noch dazu musste Unitedhealth im Mai einräumen, Ziel von Ermittlungen des US-Justizministeriums zu sein. Der Vorwurf: Unitedhealth hat Abrechnungspraktiken beim Fürsorgeprogramm Medicare für sich ausgenutzt.
Das stört Buffett alles nicht, ebenso wenig wie die von der Regierung unter Präsident Donald Trump geplanten Kürzungen beim staatlichen Fürsorgeprogramm Medicaid (nicht zu verwechseln mit Medicare – beides sind staatliche Programme, aber mit unterschiedlichen Zielgruppen).
Buffett folgt nur seinen Grundsätzen
Auch, wenn darüber nur spekuliert werden kann, so ist denkbar, dass Buffett schlicht seinen eigenen Grundsätzen folgt: „Sei gierig, wenn andere ängstlich sind“. Die Anleger scheuen die Aktie, also investiert Buffett. Doch es gibt noch weitere Punkte, die Buffetts Investment nachvollziehbar machen.
Einerseits geht es eben um einen Versicherer, und dieses Feld kennt Buffett selbst nur zu gut. Sein Konglomerat Berkshire Hathaway besteht zum größeren Teil aus Versicherungskonzernen, im zweiten Quartal flossen dem Konzern allein durch Versicherungsprämien 22,2 Milliarden Dollar an Umsatz zu.
Insgesamt erlöste das Versicherungsgeschäft bei Berkshire zwischen März und Juni 80,3 Milliarden Dollar. Das übrige Geschäft der Holding im Eisenbahn- und Energiesektor kam nur auf Umsätze von 12,1 Milliarden Dollar. Buffett selbst betont oft genug, nur an Unternehmen beteiligt sein zu wollen, die er auch versteht. Unitedhealth ist als Krankenversicherer somit ein natürlicher Kandidat, und bereichert zudem Buffetts Tech- und Banken-lastiges Portfolio um einen untergewichteten Sektor.
Unitedhealth ist aktuell billig, relativ gesehen
Auf der anderen Seite sucht Buffett gerne Schnäppchen, deren Kurs sich über kurz oder lang an den „inneren Wert“ des Geschäfts angleicht. Tatsächlich ist Unitedhealth gerade billig. Zwar verfehlte der Versicherer im zweiten Quartal mit einem Gewinn von 4,08 US-Dollar je Aktie die Erwartungen von 4,84 Dollar deutlich.
Ein tieferer Blick in die Bilanz zeigt indes, dass es gar nicht mal so schlecht läuft. So stieg der Umsatz um rund 13 Prozent zum Vorjahresquartal und damit gut drei Prozentpunkte stärker als im ersten Quartal. Der freie Cashflow, also die tatsächlichen Bargeldeinnahmen nach nötigen Kapitalinvestitionen, lagen bei 6,3 Milliarden US-Dollar, auch das ist ein solider Zuwachs von 6,9 Prozent zum Vorjahresquartal.
Sicher, das sind keine bombastischen Zahlen. Ein solides Geschäft hat Unitedhealth trotzdem. Durch den zugleich sinkenden Aktienkurs haben sich die Bewertungsmetriken gut entwickelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für die nächsten zwölf Monate liegt bei nur noch 16,7 und damit etwas unter dem historischen Schnitt und deutlich unter dem Wert zum Rekordhoch von 21.
Vor allem im Vergleich mit der Branche ist Unitedhealth damit fair, oder sogar günstig bewertet. Das KGV im Bereich der US-Gesundheitsdienstleister liegt bei 31, das der US-Versicherer bei fast 26. Der Mutterindex S&P 500 als Ganzes weist aktuell ein KGV von 28 auf. Je nach Blickwinkel ist Unitedhealth aktuell billig – und auch das dürfte Buffett zum Kauf bewegt haben.
Übrigens: Wenn du mehr zu den Aussichten des Versicherers wissen willst, sieh dir gerne die Videoanalyse des onvista-Chefanalysten Martin Goersch zu Unitedhealth an!