Methusalem-Bonds

Du hast 100 Jahre Zeit? Dann ist diese Anleihe vielleicht was für dich

onvista · Uhr

Vor einigen Jahren brachte Österreich zwei Anleihen mit einhundert Jahren Laufzeit auf den Markt. Mittlerweile sind sie massiv im Kurs gefallen. Was es damit auf sich hat – und ob sie zum Schnäppchen taugen.

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Quelle: em_concepts/Shutterstock.com

Immer mal wieder fragt man sich als Finanzjournalist, was denn aus Wertpapieren geworden ist, die vor ein paar Jahren mal in den Schlagzeilen waren. Solches sind zweifellos Österreichs 100-jährige Anleihen, die aktuell ziemlich billig zu haben sind.

So handelt die 2120 fällige Anleihe bei gerade mal 30 Prozent. Heißt: Für den Nominalwert von 1.000 Euro musst du gerade nur 300 Euro am freien Markt hinblättern. Besser hielt sich das Papier mit Laufzeit bis 2117. Hier steht der Kurs bei 58 Prozent.

Die effektiven Renditen wiederum rangieren bei 3,70 (2117) und 3,21 Prozent (2120). Üppig sieht zwar anders aus, die Umlaufrendite der deutlich kürzeren zehnjährigen Anleihen Deutschlands von 2,75 Prozent schlagen die Papiere dennoch. Lohnen sich solche Papiere?

Darum sind diese Anleihen so extrem im Kurs gefallen

Klar ist: Die Rückzahlung des Nennwerts dürfte kaum jemand erleben, der diesen Text liest. Anleger der ersten Stunde in diesen „Methusalem“-Bonds haben nur kurzzeitig profitiert. So schoss der Kurs des 2117 fälligen Bonds bis Ende 2020 bis auf 225 Prozent hoch (siehe Chart unten). Doch dann schlugen die Inflation und die darauf folgenden Zinsanhebungen zu.

Anleiherenditen orientieren sich an den Zinsen und an der erwarteten Inflation. Bei minimaler oder sogar negativer Inflation stürzen sich die Marktteilnehmer auf alles, was noch Renditen bietet. Das treibt die Kurse so lange, bis die effektive Verzinsung auf ein marktübliches Niveau sinkt. Enorme Preisrallys bei Bonds gab es daher in der Nullzinsära.

Umgekehrt funktioniert das ganze Spiel aber auch. Garantiert eine Anleihe nur einen Kupon von 0,85 Prozent des Nennwerts, so wie Österreichs Anleihe bis 2120, muss der Kurs so weit fallen, bis die effektive Rendite auf ein akzeptables Niveau steigt, wie eben die aktuellen 3,21 Prozent. Diese Renditen würden natürlich nur Investoren kassieren, die den Bond zu diesem Zeitpunkt kaufen und bis zur Rückzahlung halten, nicht die Erstinvestoren.

Wie hoch oder niedrig ein Bonds handelt, kann vielen Bonds-Käufern egal sein. Handelt ein Bond niedriger als zum Nennwert („unter Pari“) und bietet eine solide Rendite, könntest du die Anleihe günstig einkaufen, den Kupon einstreichen und zum Laufzeitende, also nach einigen Jahren, den vollen Nennwert zurückerhalten. Der erwartete Gewinn ist leicht kalkulierbar.

Die Anleihen bergen ein hohes Inflations- und Kursrisiko

Bei 100 Jahren Laufzeit tragen Anleger aber ein immenses Kursrisiko. Es ist schlicht unmöglich, die Inflation in einem solchen Zeitraum vorherzusehen, ebensowenig wie die Zinspolitik der Notenbanken. Steigen die Zinsen, und ist bist du dann zum zwischenzeitlichen Verkauf gezwungen, könntest du sogar noch weit weniger bekommen, als die Bonds derzeit wert sind.

Auf die Rückzahlung des Nennwerts zu warten, ist dagegen absolut unrealistisch und eher Aufgabe mehrerer Generationen. Wegen der Inflation ist dann nicht mal sicher, ob Kinder oder Enkel real einen Gewinn erzielen.

Wirklich hoch müsste die Entwertung nicht sein, damit diese den „Gewinn“ der Rückzahlung auffrisst. Beim derzeitigen Kurs kostet die 2120er-Anleihe nur 30 Cent je Euro, die Erben könnten sich also theoretisch auf einen Rückzahlungsgewinn von 233 Prozent freuen.

Das sind jedoch nur nominale Werte. Wenn die Inflation miteinbezogen wird, reichen schon 1,29 Prozent jährlicher Inflation, damit die 1.000 Euro zum Zeitpunkt der Rückzahlung nur die selbe Kaufkraft haben wie der Preis von 300 Euro je Anleihe heute. Liegt die Inflation darüber, werden die 1.000 Euro im Jahr 2120 weniger Kaufkraft haben als 300 Euro heute.

Und als wären das nicht schon genügend Risikofaktoren, so kann dazu noch nicht einmal das Randszenario ausgeschlossen werden, dass es den Emittenten – den Staat Österreich – in einem Jahrhundert gar nicht mehr gibt. Der vergleichsweise moderate Kupon, den Käufer der Bonds in den kommenden Jahren erwarten dürfen, ist da als Kaufargument dürftig.

Große Kurschancen - aber nur, wenn die Zinsen fallen

Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich Faktoren, die das Papier zumindest für eine kleine Spekulation interessant machen. Wie etwa das Konzept der Bond-Konvexität: Anleihekurse bewegen sich nicht linear zu ihren Renditen, sondern entlang einer sanften Kurve. Bedeutet: Ist die Rendite extrem hoch, fällt der Kurs nicht mehr stark, wenn sie weiter steigt. Und ist die Rendite extrem niedrig, fällt der Kurs besonders kräftig, wenn sie steigt.

Im konkreten Fall heißt das: Sinkt das Zinsniveau, profitieren Österreichs Langläufer mehr, als sie bei weiter steigenden Zinsen verlieren würden.

Das wirft die Frage auf, ob die Zinsen denn sinken. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren jüngsten Zinssenkungskurs erstmal pausiert. Bei einer aktuellen Inflation von 2,2 Prozent im Euro ist eher wenig denkbar, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder auf das rekordtiefe Niveau vor der Pandemie fallen.

Der „suprasekuläre Trend“ immer weiter fallender Zinsen

Aber: Es gibt die Theorie, dass Zinsen generell langfristig nach unten tendieren, in einem sogenannten „Suprasekulärer Trend“, wie der Wirtschaftsprofessor Paul Schmelzing 2020 in einer Studie für die Bank of England darlegte. Als „sekulär“ wird ein übergeordneter Trend bezeichnet. „Suprasekulär“ ist also der „über-übergeordnete“ Trend.

In seiner Analyse zeigt Schmelzing, dass die Zinsen in den entwickelten Wirtschaften praktisch seit der Renaissance stetig absinken – angefangen bei Krediten, vergeben von der italienischen Bankerfamilie Medici zu Zinsen von 15,4 Prozent, bis hin zur Nullzinsära der Notenbanken nach der Großen Finanzkrise. Laut Schmelzing sei dieser Trend über so gut wie alle Wirtschafts- und Geldsysteme der vergangenen Jahrhunderte nachweisbar.

Sollte es also eine Rückkehr zu diesem ultralangen Trend geben, wäre das für die gebeutelten 100-jährigen Anleihen enorm positiv. Das ist, zugegebenermaßen, eine steile These – angesichts der Inflation, die sich hartnäckig in den USA und im Euroraum hält. Doch auch die Notenbanker selbst beschäftigt dieses Szenario.

Notenbanker sehen das Risiko neuer Nullzinsen

Erst in diesem Jahr veröffentlichten die Fed-Banken in New York und San Francisco eine neue Analyse, wonach die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr zum Nullzinsregime „mittel- bis langfristig signifikant“ sei. Und wenn die Zinspolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte eines gezeigt hat, dann, dass die Geldpolitik der US-amerikanischen Fed un der EZB oft in die gleiche Richtung läuft.

Erwartest du also, dass die Zinsen wieder deutlich fallen, würden dir die 100-jährigen Anleihen ein großes Kurspotenzial bieten. Zwischenzeitlich würdest du, sofern die Inflation nicht dazwischenfunkt, auch ein paar Kuponzahlungen einsammeln. Rein nominal wäre der aktuelle Preis einer Anleihe übrigens nach 35 Jahren (2120er-Anleihe) oder sogar schon nach 27 Jahren (2117) nur durch Kuponzahlungen reingeholt.

Und sollten trotz Konvexität keine Kursgewinne kommen, könnten sich vielleicht deine Erben eines Tages immerhin über die Rückzahlung freuen.

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