Investorenlegende

Buffetts letzter Arbeitstag: Bei Berkshire beginnt die Zeitenwende

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Nach rund sieben Jahrzehnten an der Börse geht Warren Buffett in den Ruhestand. Damit beginnt bei seiner Investmentholding Berkshire Hathaway, einst ein kriselndes Textilunternehmen ohne Zukunft, eine Zeitenwende.

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Quelle: Krista Kennell/Shutterstock.com

Das diesjährige Silvester ist ein historischer Tag für Anleger. Mit Warren Buffett geht nicht einer der bekanntesten Investoren, sondern der Starinvestor schlechthin in den Ruhestand. Wer sich nur marginal mit Geldanlage und Aktienmärkten beschäftigt hat, ist über mindestens eine Weisheit des Altmeisters gestolpert.

Auch über die Börsen hinaus ist Buffett bekannt, so etwa als Retter von US-Großbanken nach der Großen Finanzkrise. So stieg er beispielsweise 2008 bei der Investmentbank Goldman Sachs ein, um das Vertrauen der Märkte in das strauchelnde Institut wieder herzustellen.

Für zahllose Anleger ist Buffett ein großes Vorbild. Tausende pilgern jährlich zur Hauptversammlung seiner Holding, Berkshire Hathaway, ins so unglamouröse Omaha im US-Bundesstaat Nebraska – ein Ort, der sowohl geographisch als auch kulturell weit weg von der Wall Street ist. Und jetzt geht Buffett in den Ruhestand.

Überraschend ist das nicht. Schon seit Jahren wird spekuliert, wer dem mittlerweile 95-Jährigen nachfolgen wird. Am Ende ist es Greg Abel geworden. 2021 verriet Buffetts langjähriger Partner, Charlie Munger, den Nachfolger bei der Hauptversammlung Berkshires, womöglich ungewollt. „Greg wird die Kultur bewahren“, kommentierte Munger damals.

Buffett machte aus Berkshire einen Giganten

Die Fußstapfen, in die Abel zu Beginn des neuen Jahres tritt, sind enorm. Buffett arbeitete nach seinem Studium bei Benjamin Graham, dem Schöpfer des Value-Investing, und begann in den frühen 1960ern, eigene Investmentpartnerschaften aufzubauen, die sich letztlich in der Buffett Partnership vereinten. 1962 richtete er seinen Blick auf Berkshire.

„Berkshire war damals ein Textilhersteller, verstrickt in einem miserablen Geschäft“, so Buffett in einem Anlegerbrief. Der Starinvestor kaufte damals nur, weil er auf Rückkaufprogramme Berkshires spekulierte. Als die Angebote zu niedrig ausfielen, kaufte Buffett aus Trotz weitere Aktien, bis er erst zum Hauptaktionär und schließlich zum Eigner wurde, obwohl Berkshires Geschäft kaum Zukunftsaussichten hatte.

Buffett kaufte 1967 den Versicherer National Indemnity Company (NICO). Doch anstatt weiter über seine Investmentpartnerschaft zu agieren, kaufte er NICO über Berkshire. „Warum ich damals NICO über Berkshire statt über meine Partnerschaft gekauft habe? Ich weiß es nicht. Es war einfach ein kolossaler Fehler meinerseits“, so Buffett.

Letztlich führte dieser Fehler dazu, dass aus Berkshire Buffetts zentrale Holding erwuchs, die Dutzende Firmen geschluckt hat und an zahlreichen weiteren beteiligt ist. Vom ursprünglichen Textilgeschäft, trotz der schwachen Entwicklung, trennte sich Berkshire erst 1985.

Der Markt analysiert jeden Schritt Buffetts

Heute ist Berkshire ein Gigant, mit einem Börsenwert von rund einer Billion US-Dollar. In den vielen Subunternehmen Berkshires, von Versicherungen über Logistiker bis hin zu Versorgern, arbeiten rund 400.000 Personen.

Wichtiger noch als das Kerngeschäft Berkshires – dessen hohe Cashflows Buffett erlaubten, große Aktieninvestments aufzubauen – ist das Beteiligungsportfolio. Die sogenannten 13F-Formulare, die Berkshire regelmäßig bei der US-Börsenaufsicht SEC einreicht, werden vom Markt aufs Genaueste durchleuchtet. Das Börsenportal „CNBC“ hat sogar extra einen Tracker eingerichtet, um Buffetts Positionen festzuhalten.

Aktuell ist das Portfolio Berkshires rund 308 Milliarden US-Dollar wert. Die größten Einzelpositionen sind Apple, American Express, Bank of America, Chevron und natürlich Coca-Cola, ein Langzeit-Favorit des Börsenveterans. Für den Softdrinkkonzern sang Buffett sogar einmal ein Ständchen.

Buffetts strenger Value-Ansatz funktionierte zuletzt aber weniger gut. Seit drei Jahren ist die Holding Berkshire ein Netto-Verkäufer von Aktien, trennt sich also von mehr Anteilen, als sie einkauft. Der (vermutlich) simple Grund: Buffett findet derzeit einfach keine Investments, die sich lohnen.

Berkshire hinkte dem Markt zuletzt hinterher

Zugleich fließen über Berkshires Kerngeschäft Milliarden in seine Kassen. Die Barreserve Buffetts lag deshalb bei der letzten Offenlegung Ende September bei unfassbaren 381 Milliarden Dollar. Mit diesem Betrag könnte Buffett Deutschlands wertvollsten Konzern SAP kaufen, und hätte immer noch fast 100 Milliarden Dollar übrig.

Die abwartende Haltung gefällt den Anlegern nicht unbedingt. Hätte Buffett in den vergangenen drei Jahren zugekauft, hätte er solide Renditen einfahren können, vor allem mit Tech-Werten. Doch offenbar waren Buffett die Aktien zu teuer. Anfang 2023 lag das Kurs/Gewinn-Verhältnis im S&P 500 bei knapp 23, ein nach historischen Standards zumindest leicht erhöhtes Level.

Buffetts Lieblingsindikator selbst, der seinen Namen trägt und schlicht den Wert aller US-Aktien zum Bruttonationaleinkommen ins Verhältnis setzt, notierte damals bei 145 Prozent, ein ebenfalls erhöhter Wert. Der Investor selbst sagte einst, bei einer Ratio von „etwa 70 Prozent“ (!) fahre man gut mit Aktien. Ein derart tiefes Niveau beim Buffett-Indikator gab es zuletzt nach der Großen Finanzkrise.

Rekordhohe Bewertung
Buffett-Indikator steigt auf gefährlich hohes Niveau28.09.2025 · 14:34 Uhr · onvista
Buffett-Indikator steigt auf gefährlich hohes Niveau

Berkshires Aktie selbst hinkte dem S&P 500 im starken Börsenjahr 2025 hinterher. Im Frühjahr noch zog die B-Aktie davon, doch mit dem Erstarken der Tech-Werte zur Jahresmitte überholte der Index Berkshire, und steht aktuell mit einer Jahresperformance von 16 Prozent rund sechs Prozentpunkte besser da als Berkshire Hathaway.

Das ist Buffetts Nachfolger Greg Abel

Wird es mit Buffetts Nachfolger Abel besser? Das wird sich in den kommenden Quartalen zeigen. Abel ist eine Art Eigengewächs bei Berkshire, und arbeitet seit gut einem Vierteljahrhundert mit und für Buffett. Der gelernte Buchhalter fing zunächst als Wirtschaftsprüfer an, ehe er in den 90ern zu einem Energieunternehmen wechselte, in welches Berkshire 1999 erstmals investierte. 

2008 stieg Abel zum Leiter des Versorgungsgeschäfts bei Berkshire auf. Dank Abel erwuchs daraus eine der größten Einkommensquellen des Konglomerats neben dem Versicherungsgeschäft, sodass Abel 2018 zum Vize-Vorstand der ganzen Holding aufstieg.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Chef muss Abel einige Hürden überspringen. So zehren niedrige Zinsen am Investmenteinkommen der Holding, die Handelsstreitigkeiten der USA mit China könnten die Logistiksparte belasten. Außerdem muss Abel für die Milliarden in Berkshires Kassen endlich lohnende Investments finden. Als Stockpicker ist Abel nicht bekannt.

Die vielleicht größte Herausforderung ist jedoch, dass Abel eben nicht Buffett ist. „Berkshire war immer eine Warren-Buffett-Show, mit allerlei gesichtslosen Führungskräften im Hintergrund“, kommentierte CFRA-Analystin Cathy Seifert bei Bloomberg. Das werde sich ohne Buffett ändern müssen.

Schlug Buffett einmal sonderbare Wege ein, verziehen die Aktionäre das zudem gerne. „Ich bin mir nicht sicher, ob Abel eine ähnliche Freiheit genießen wird, wenn es mal nicht gut läuft“, ergänzte Seifert.

Nur Buffett kann, was Buffett macht

Mit Buffetts Ruhestand beginnt daher eine Zeitenwende bei Berkshire. Und Anleger verlieren zudem das „Orakel von Omaha“, welches in seinen jährlichen Anlegerbriefen Weisheiten teilte, oft verpackt in humorvollen Sprüchen. Der britische „Guardian“ hat einige seiner besten Zitate hier versammelt.

Ebenso amüsant dabei ist übrigens, dass Buffett gerne als Vorbild des bodenständigen Anlegers herangezogen wird, es aber praktisch unmöglich ist, ihn wirklich zu kopieren. Natürlich können Anleger wie Buffett auf Unternehmen setzen, die ein nachvollziehbares Geschäft haben, einen „Burggraben“, Preissetzungsmacht, und eine faire Bewertung. So etwa fand Buffett zu Coca-Cola.

Doch Buffetts Erfolg beruhte eben oft auf dem Fakt, dass er Warren Buffett ist. Ein Beispiel ist sein Sprung in die Bresche bei Goldman Sachs. Buffett kaufte 2008 nicht einfach nur Aktien, sondern sicherte sich Vorzüge mit einer garantierten Dividende von zehn Prozent für fünf Milliarden US-Dollar, und erhielt zusätzlich Kaufgarantien für weitere Aktien zu einem günstigen Preis – nur damit Goldman dem Markt zeigen konnte, dass der so nachsichtige Buffett an die Bank glaubt. 

Allein über die Vorzüge, die Goldman 2011 zurückkaufte, machte Buffett inklusive Dividenden ein Plus von 35 Prozent. Dank der Kaufgarantien sicherte sich Buffett weitere Aktien, sodass sich die Rendite dieses Investments auf grob 60 Prozent in zweieinhalb Jahren aufsummierte.

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Ähnlich verlief auch Buffetts Deal mit General Electric im selben Jahr, und zahlreichen weiteren Abmachungen, die dem normalen Kleinanleger schlicht nicht zur Verfügung stehen. Buffetts Investments in Japan im Börsenjahr 2025 ist ein weiteres Beispiel. Für seine Aktienkäufe lieh sich Buffett Geld in Yen - und profitierte so von den niedrigen Zinsen dort.

Ein verdienter Ruhestand

Das sollten Anleger bedenken, ehe sie sich der Anlagephilosophie des Altmeisters verschreiben. In dieser Hinsicht ist Buffett eben ein Unikat. Nichtsdestotrotz gibt es Qualitäten Buffetts, nach denen Anleger sich richten können. Die wohl wichtigste davon: Geduld.

Der Starinvestor kauft aus der Überzeugung heraus, eine Aktie für Jahre, eher Jahrzehnte, halten zu wollen. Die Historie der Märkte hat Mal auf Mal bewiesen, dass sich eben mit dieser Einstellung am bequemsten ein Vermögen an der Börse aufbauen lässt.

Mit dem anstehenden Jahreswechsel verabschiedet sich Buffett nun aus der Arbeitswelt und in den Ruhestand. Nach dieser Karriere, und angesichts seines Alters, bleibt nur zu sagen: Hat er sich verdient.

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