Einzigartiges Geld-Experiment

Stefan Riße

Immer wieder hieß es in den vergangenen Jahren von vielen Volkswirten, dass die Notenbanken ihr Pulver mittlerweile verschossen hätten. Im Auge hatten sie vor allem die Europäische Zentralbank (EZB), die mit negativen Zinsen den Zinssenkungsspielraum in der Tat ausgeschöpft hatte. Dennoch hielt ich stets dagegen. Denn was viele nicht erkennen wollten, obwohl es ab der Finanzkrise erkennbar war, dass die Notenbanken im Papiergeldsystem omnipotent sind.

Der Instrumentenkasten enthält mehr als Zinssenkungen

Was ab der Finanzkrise geschah, hatten sich die meisten zuvor nicht vorstellen können. Denn plötzlich senkten die Notenbanken nicht nur die Zinsen wie in den vorherigen Krisen, sondern sie begannen im großen Stil Wertpapiere zu kaufen, im Wesentlichen Staatsanleihen. Mehrere Programme dieser Art legte die amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) auf und auch die EZB begann damit groß angelegt ab dem Jahr 2015. Und seit Shinzo Abe Japan regiert, ging es dort so richtig zur Sache. So kauft die japanische Notenbank Bank of Japan (BoJ) sogar Aktien auf.

Begrenzte Fantasie für unbegrenzte Volumina

Da also auch der massive Ankauf von Staatsanleihen in den vergangenen zehn Jahren als ein gängiges genutztes Mittel wurde, gingen die in ihrer Fantasie beschränken Volkswirte abermals davon aus, dass nun wirklich alles getan worden sei, was möglich ist. Aber warum eigentlich? Das Instrument des Wertpapierkaufs, auch „Quantitative Easing“ genannt, war zwar genutzt, aber die Volumina konnten ja noch erhöht werden. Eine Notenbank könne für 50 - 100 Milliarden Euro oder Dollar Wertpapiere im Monat ankaufen - in diesem Bereich lagen die damaligen Volumina – sie kann die Summe aber auch auf 500 bis 1.000 Milliarden erhöhen, so meine These. Und da sind wir jetzt angekommen. Was die FED in den vergangenen Jahren pro Monat aufkaufte, hat sie zuletzt pro Tag aufgekauft. Sie kann theoretisch so lange kaufen, bis keine Anleihe mehr auf dem freien Markt vorhanden ist. Und dann kann der Staat neue Anleihen ausgeben, die direkt von der Notenbank gekauft werden, womit der Staat sofort Investitionskapital zur Verfügung hat oder die Steuern zurückzahlen kann, um die Wirtschaft anzukurbeln - Stichwort Helikopter-Geld und Modern Monetary Theorie. Die Mittel sind unbegrenzt, wenn der politische Wille da ist.

Experiment mit ungewissem Ausgang

Das alles hört sich nach dem Schlaraffenland an, in dem jedes Problem mit frisch gedrucktem Geld gelöst werden kann. Warum noch Steuern erheben, wenn der Staat das Geld doch aus dem Nichts schöpfen kann? Richtig ist, dass wir auf diesem Feld bisher überhaupt keine Erfahrungen haben in Bezug auf die langfristigen Folgen dieser Geldpolitik. Zumindest nicht in unserer heutigen Welt der enormen Produktionskapazitäten. Klar ist aber auch, dass natürlich nur eine begrenzte Menge neuen Geldes in der Realwirtschaft ankommen darf, weil ansonsten eine explodierende Inflation die Folge wäre. Derzeit landen die Gelder vor allem an den Finanzmärkten, was die Vermögenspreise treibt. Das ist nicht weiter schlimm, abgesehen von den damit auch steigenden Mieten. Was aber passiert, wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sich irgendwann wieder erhöht und diese Summen plötzlich mit zu hoher Geschwindigkeit Nachfrage nach Gütern auslösen? Ob es dazu kommt und was es bedeutet, wird die Zukunft zeigen. Wir befinden uns auf völlig unbekanntem Terrain. Klar ist aber auch, dass der Rubikon so weit überschritten ist, dass ein Zurück zu einer klassischen Geldpolitik nicht mehr funktioniert. Wir werden also abwarten müssen, was die langfristigen Folgen dieser Politik sein werden und uns dann mit den Problemen auseinandersetzen. Wenn es glimpflich abläuft, dann ist es eine über viele Jahre erhöhte Inflation ohne eine Inflationsexplosion. Schauen wir gemeinsam gespannt in die Zukunft.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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