Größter Short Squeeze aller Zeiten?

Stefan Riße

Das Jahr 2020 glänzt durch Superlative. So schnell wie es im März runter ging, ging es noch nie abwärts an den Börsen. Und genau so außergewöhnlich ist die Erholung, die dann folgte. Nach 8.000 Punkten im DAX haben wir in dieser Woche knapp die 13.000er Marke wieder erreicht. Ein Anstieg also von mehr als 50 Prozent in weniger als drei Monaten.

Sind die Kursgewinne nur eine Vorwegnahme des zukünftigen Wirtschaftsaufschwungs?

Woran liegt es, dass sich die Kurse nun so schnell wieder erholt haben? Nehmen sie nur den kommenden Wirtschaftaufschwung vorweg? Diese Idee halte ich für sehr verwegen. Denn noch nie in der Geschichte haben sich Börsen und Realwirtschaft so unterschiedlich entwickelt wie in den vergangenen drei Monaten. Während die Weltwirtschaft auf ihre erste Rezession zuläuft und wir in den Industrieländern die schwerste ihrer Art seit dem Zweiten Weltkrieg erleben, erreichten Aktien derweil Rekordkurse, gemessen am amerikanischen Technologieindex Nasdaq. So der kommende Aufschwung denn sicher wäre im Wann und in seiner Größenordnung, wäre eine Vorwegnahme dieser Entwicklung sicherlich denkbar. Doch können wir derzeit ja keineswegs voraussagen, dass die Wirtschaft schon bald wieder an dem Punkt steht, wo sie vor der Viruspandemie gestanden hat. Auch dass es zeitnah ein Impfstoff gibt, der dies sicherlich begünstigen würde, ist keineswegs sicher.

Hebelt die Notenbankpolitik die Marktgesetze aus?

Bleibt als nächste Begründung für die so stark steigenden Aktienkurse die aktuelle Notenbankpolitik. Ebenfalls in nie dagewesenem Ausmaß und einem Vielfachen dessen, was wir nach der Finanzkrise gesehen haben, pumpen die Notenbanken der Welt Liquidität in die Finanzmärkte. Dies ist sicherlich eine starke Unterstützung des aktuellen Aktienaufschwungs. Ich habe hier in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass der Faktor Liquidität für die mittelfristige Börsentendenz viel wichtiger ist als die wirtschaftliche Entwicklung. Doch lassen sich damit wirklich diese Kursgewinne begründen? Auch nach der Finanzkrise haben wir den massenhaften Ankauf von Staatsanleihen beobachtet. Dennoch gab es auch während dieser Phasen heftige Börsenabschwünge, wie beispielsweise im August 2015 oder Januar 2016.

Short Squeeze ist die einzig schlüssige Begründung

Meiner Ansicht nach ist ein anderer Faktor von viel entscheidenderer Bedeutung für diesen auch zuletzt ohne Rückschläge stattfindenden Aktienaufschwung. Gerade weil so klar erkennbar war und ist, dass diese Rezession eine schwere sein wird und die Aktien schon weit vorweg gelaufen sind, haben sich viele Investoren auf die Seite der Bären geschlagen und auf fallende Kurse gesetzt. Mit dem immer stärkeren Anstieg der Kurse wurden diese Engagements wahrscheinlich zuletzt aber viel zu verlustträchtig, so dass die Investoren wie im März nach unten jetzt im Aufschwung nach oben ihre Verluste begrenzen mussten. Wie tun Sie dies? Indem sie die Aktien, die sie geliehen und dann leer verkauft haben, zurückkaufen. Diese Käufe treiben die Kurse dann weiter. Ein Indiz dafür sind auch die so genannten Put/Call-Ratios, die im März extrem starke Put-Käufe verzeichneten, mit denen man sich gegen fallende Kurse absichert, während zuletzt extrem viele Call-Optionen gehandelt wurden, mit denen man sich gegen steigende Kurse absichert. Ein weiteres Indiz dafür, dass vor allem ein Short Squeeze verantwortlich für den kerzengeraden Anstieg der Kurse ist, ist die Tatsache, dass der DAX dann in dieser Woche auch ganz schnell um 1.000 Punkte oder fast zehn Prozent gefallen ist. Denn sind erst einmal alle „aus dem Markt gesqueezt“, also rausgedrückt, bricht dann in der Regel die Nachfrage weg, wenn die fundamentalen Gründe für den Aktienkauf fehlen. Und die fehlen momentan, denn es sieht doch ziemlich düster aus.

Das alles ändert allerdings nichts an den langfristig nach wie vor guten Perspektiven für Aktien und vor allem auch nicht an ihrer Alternativlosigkeit vor dem Hintergrund des wohl auf ewig zementieren Nullzinses. Doch derzeit haben sie ein wenig zu viel davon vorweggenommen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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