Kutzers Zwischenruf: Ein ernst zu nehmender Warnschuss für die Anleger

Hermann Kutzer

Kann sein, dass sich die Börsen-Bären jetzt wieder aufrichten und nach dem heutigen Konjunkturindikator ihre Muskeln spielen lassen. Denn diese Meldung hatten nicht nur die hartnäckigen Bullen nicht erwartet. Headline: „ZEW-Konjunkturerwartungen fallen überraschend deutlich.“ Als kurz- bis mittelfristiger Skeptiker sehe auch ich mich tendenziell bestätigt. Mehr noch wirkt das Ausmaß Furcht einflößend: Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im Oktober angesichts der wieder größer werdenden Corona-Unsicherheiten überraschend deutlich eingetrübt. Wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) vorhin mitteilte, fiel der von ihm erhobene Indikator um 21,3 Punkte auf 56,1 Punkte. Analysten hatten mit einem Rückgang auf 72,0 Punkte gerechnet.

Der Indikator liegt damit zwar weiter im positiven Bereich. „Die große Euphorie der Monate August und September scheint aber verflogen zu sein“, kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach. Die zuletzt stark gestiegene Zahl der Corona-Infektionen lässt die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ansteigen. Hinzu komme die Aussicht auf einen Brexit ohne Handelsvertrag.

Das Vertrauen der Finanzwelt in die flotte Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung - eine Haltung, die bisher für den ganzen Euro-Raum gilt - ist also ins Wanken geraten. Es kommt jetzt darauf an, dass die Regierungen Konzepte finden, um das Infektionsgeschehen ohne einen neuen, allgemeinen Lockdown wieder in den Griff zu bekommen. Nur so kann nach Einschätzung der Bären eine erneute wirtschaftliche Rezession vermieden werden. Andererseits zeigt die milde Spontanreaktion der Aktienkurse, dass zunächst (noch) keine starke Verschlechterung der Börsenstimmung eingetreten ist. Unabhängig von konjunkturellen Betrachtungen bleibt die kombinierte Liquiditätspolitik von Notenbanken und Regierungen ein wichtiger Rückhalt. Trotzdem empfehle ich jetzt geschärfte Aufmerksamkeit, liebe Anleger. Vorsichtige unter Ihnen sollten zumindest teilweise Gewinnmitnahmen und die Reduzierung ihrer Aktienpositionen erwägen. Von Corona und den Folgen der wieder steigenden Infektionswelle können weitere Belastungen für die Wirtschaft und die Märkte ausgehen!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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