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Rezessionsgefahr in Europa - ist eine Zinswende der EZB überhaupt realistisch?

onvista · Uhr
Quelle: Sina Ettmer Photography/Shutterstock.com

Während die US-Notenbank Federal Reserve bereits mit deutlichen Maßnahmen gegen die Inflationsentwicklung in den USA vorgeht, hinkt die europäische Zentralbank noch weit hinterher. Angesichts der auch im Euro-Raum immer mehr ausufernden Teuerung gerät die EZB jedoch unter Handlungsdruck.

Das französische EZB-Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau hat sich am Freitag für ein Ende der Anleihenkäufe in der zweiten Jahreshälfte ausgesprochen, das als Voraussetzung für eine Zinserhöhung gilt. Die Gründe, über den Juni hinaus mit Zukäufen solcher Papiere geldpolitisch auf dem Gaspedal zu bleiben, lägen nicht auf der Hand: "Die Inflation ist nicht nur höher, sondern auch viel breiter", sagte er. Die EZB könne nicht darüber hinwegsehen, auch weil die Inflationserwartungen anscheinend immer weniger bei 2 Prozent verankert seien.Villeroy bezeichnete es zudem als vernünftig, bei den Zinsen bis spätestens Ende des Jahres wieder in den positiven Bereich zu gelangen - vorausgesetzt, es komme nicht zu unvorhersehbarem neuen Störfeuer.

Er nannte es den "offensichtlichsten nächsten Schritt", die Zinsen Richtung Null zu lenken. Dafür kämen die nächsten Zins-Sitzungen in Frage, wobei Villeroy nicht näher auf den Zeitraum einging.Anleger an den Finanzmärkten rechnen für das laufende Jahr mit drei bis vier Zinsschritten nach oben. Zurzeit liegt der Leitzins bei 0,0 Prozent. Zugleich müssen Banken Strafzinsen berappen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank parken. Dieser sogenannte Einlagesatz ist aktuell bei minus 0,5 Prozent.

Wird die EZB die Zinsen wirklich erhöhen können?

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Die Federal Reserve hat den Kampf gegen die Inflation mit Zinserhöhungen bereits aufgenommen. Dabei konnte sie auf ein solides Fundament zurückgreifen, denn der US-Jobmarkt ist stark aus der Corona-Krise herausgekommen. Nun zeigen sich jedoch in den USA bereits Schwächen – die Wirtschaftsleistung ist im ersten Quartal 2022 bereits leicht zurückgegangen.

Die EZB hat für eine geldpolitische Wende einen wesentlich schlechteren Ausgangspunkt. Zum einen hat sie generell weniger Spielraum für eine deutliche Zinserhöhung, da sie auf die Verfassung aller Euro-Zonen-Mitgliedsstaaten achten muss. Und dort gibt es vor allem im Mittelmeerraum einige hoch verschuldete Kandidaten, die deutliche Zinserhöhungen nur schwer verkraften könnten. Zum anderen bedroht der Ukraine-Krieg die EU-Wirtschaft viel unmittelbarer als beispielsweise die USA. Eine Rezessionsgefahr in Europa ist imminent.

Das zeigt auch die jüngste Stimmungslage unter Geschäftsführern mehrerer führender europäischer Unternehmen. Laut dem Nachrichtensender CNBC rechnen immer mehr CEOs aufgrund der Folgen des Ukraine-Kriegs mit einer ernsthaften Rezession in Europa. Dabei liegt das Augenmerk auch auf den Verzögerungseffekten durch die Lieferengpässe, die im Zuge der Corona-Pandemie entstanden sind. Laut Stefan Hartung, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Bosch, besteht aufgrund der Lieferengpässe und der neuen Pandemie-bezogenen Probleme in China derzeit noch immer ein großer Nachfrage-Überhang. Das wird jedoch aus Sicht von Hartung nicht ewig so weitergehen. „Das heißt, für eine gewisse Zeit wird diese Nachfrage noch da sein, auch wenn wir sehen, dass die Zinsen steigen und die Preiserhöhungen weitergehen, aber irgendwann wird es nicht nur eine Angebotskrise geben, sondern es wird auch eine Nachfragekrise sein, und dann befinden wir uns mit Sicherheit in einer tiefen Rezession“, so das Fazit des Unternehmers.

Damit rückt ein Szenario der „Stagflation“ näher, also ein Umfeld, in dem die Preise weiter steigen, die wirtschaftliche Aktivität jedoch zurückgeht. Einer der größten potenziellen Brandbeschleuniger wäre ein Öl- und Gasembargo als weitere Maßnahme gegen Russland oder von Russland selbst initiiert. Sollte die EZB in solch ein Umfeld hinein die Zinsen erhöhen und ihre Bilanz verringern, dann dürften der Mix aus teurer werdender Kapitalaufnahme und weniger Liquidität eine Rezession im Euroraum noch beschleunigen.

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