Anleihemärkte: Schlimmste Korrektur seit fast 30 Jahren als Quittung für die lockere Geldpolitik - so könnte es für die Märkte weitergehen

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Nicht nur der Aktienmarkt steht derzeit im Bann der US-Notenbank. Auch die Anleihemärkte sind volatil wie lange nicht. Derzeit sehen wir die schlimmste Korrektur am Markt für US-amerikanische Anleihen seit fast 30 Jahren. Anleihen sind in Vergangenheit auch immer von den Effekten einer geldpolitischen Straffung betroffen gewesen, der Unterschied heute liegt jedoch in dem Ausmaß. Die Kursverluste am Anleihemarkt und die steigenden Zinsen bewegen sich in einer Geschwindigkeit, wie man sie lange nicht mehr beobachten konnte.

Seit Jahresbeginn hat der US Core Bond Index, ein Index der US-Staatsanleihen und Investment-Grade-Unternehmensanleihen abbildet, einen Verlust von über 9 Prozent verzeichnen müssen. Dabei haben langfristig laufende Anleihen größere Verluste verkraften müssen, da sie empfindlicher auf Zinsanhebungen reagieren, jedoch hat sich der aggressivere Weg der Fed auf den gesamten Markt ausgewirkt.

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Die Verwerfungen am Anleihemarkt sind die Quittung für die lockere Geldpolitik

Die starken Bewegungen am Anleihemarkt sind die Quittung, die die Federal Reserve für ihre Maßnahmen im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie nun zahlen muss. Während der Anfänge der Pandemie und den wirtschaftlichen Einschränkungen durch die Lockdowns hat die Fed nicht nur die Zinsen auf Null gesenkt, sondern auch Anleihen im Volumen von mehreren Billionen Dollar gekauft. Das hat die Zinsen künstlich unten gehalten und die Kurse der Anleihen nach oben gedrückt. Die Freisetzung der enormen Menge an Geld hat zudem den Boden für die Inflation bereitet, die dann durch mehrere Probleme auf der Angebotsseite spätestens letztes Jahr entfesselt wurde. Damit die Inflation nun nicht die Wirtschaft auffrisst, muss die Fed die Maßnahmen rückgängig machen. Die schwierige Lage besteht darin, dass für die Wirtschaft und damit indirekt auch für die Finanzmärkte die doppelte Gefahr aus Inflation und einer drohenden Rezession besteht.

Wie sieht die Prognose aus?

Ob der Kursverfall und der Anstieg der Zinsen am Anleihemarkt weitergehen, hängt maßgeblich von den weiteren Schritten der Fed ab und wie die Inflation sich in den nächsten Monaten entwickeln wird. Sollte die Teuerung nicht gebremst werden können, dann muss die Federal Reserve ihren straffen Kurs der Zinserhöhungen fortsetzen – und das bedeutet weiteren Abwärtsdruck auch für die Anleihemärkte. In einem solchen Szenario bleiben Anleihen als Anlagevehikel unattraktiv, da die Kursentwicklung negativ bleiben dürfte und auch die steigenden Zinsen werden die Inflationsrate nicht ausgleichen können, sodass für Anleger ein Nettoverlust übrigbleibt, wenn man Anleihen bis zu ihrem Laufzeitende ausschöpft. Trotz der enormen Volatilität bleiben Aktien von Unternehmen mit widerstandsfähigen Geschäftsmodellen mit Preissetzungsmacht in diesem Umfeld die bessere Wahl.

Sollte es zu einer Rezession kommen und die Fed gezwungen sein, ihren straffen Kurs aufzugeben, weil die Wirtschaft sonst zu großen Schaden nimmt, dann könnten Anleihen sich in den nächsten Monaten bis Jahren als antizyklischer Trade anbieten, jedoch sollte man zunächst weitere Daten zur Inflationsentwicklung abwarten. Wenn die Teuerungsrate sich bis Jahresende trotz der Zinserhöhungen nicht verlangsamt, wird dieses Szenario etwas wahrscheinlicher.

Wird die EZB nachziehen?

Während der Markt für US-Anleihen direkt unter den Maßnahmen der Fed leidet, werden auch die europäischen Anleihen vom Kurs der Fed beeinflusst, da die Geldpolitik des US-Dollar Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und Finanzmärkte hat. Auch europäische Anleihen mussten Verluste verkraften, jedoch zeigt sich die europäische Zentralbank bisher deutlich zurückhaltender als die Federal Reserve. Der REX, ein Index, der deutsche Staatsanleihen misst, musste seit Jahresbeginn ebenfalls bluten, jedoch sind die Verluste mit etwa minus 6 Prozent geringer als an den US-Märkten.

Zwar wird auch für den Euro-Leitzins in diesem Jahr eine Kehrtwende erwartet, es bleibt jedoch abzuwarten, ob die EZB ähnlich aggressiv reagieren wird wie die Fed. Die EZB blickt zwei Problemen entgegen. Zum einen der Ukraine-Krieg, der eine wesentlich direktere Auswirkung auf die europäische Wirtschaft hat, als auf den Rest der Welt. Und zum anderen die teils hohe Verschuldung der einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten und vor allem der Mittelmeerländer. Zu hohe Zinsen könnten den Genickbruch für diese Wirtschaftszonen bedeuten, daher hat die EZB wesentlich weniger Spielraum als die Federal Reserve.

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