Konjunkturausblick rosiger - Wirtschaftsministerium setzt auf EM-Faktor

Berlin (Reuters) - Angesichts sinkender Zinsen und steigender Löhne geht Deutschland aus Sicht der Ökonomenzunft besseren Zeiten entgegen.
"Die deutsche Wirtschaft kommt langsam wieder in Schwung", konstatiert das Essener RWI-Institut. Es erhöhte seine Wachstumsprognose für 2024 am Donnerstag um einen Tick auf 0,4 Prozent. Für 2025 erwarten die Regierungsberater sogar einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,5 Prozent statt der bisher veranschlagten 1,2 Prozent. Zuletzt hatte auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärt, 2025 seien bis zu anderthalb Prozent Wachstum drin. Das Kieler IfW und das IWH aus Halle sehen die Wirtschaft ebenfalls im Aufwind. Kurzfristig könnte laut Habecks Ministerium auch die Fußball-EM für zusätzliche Impulse sorgen.
Bislang hätten sich die Umsätze im Einzelhandel trotz verbesserter Rahmenbedingungen wie steigender Reallöhne noch sehr verhalten entwickelt, heißt es im Monatsbericht des Ministeriums. "In den kommenden Monaten ist allerdings im Zuge der Fußball-Europameisterschaft mit einer temporären Belebung in den konsumnahen Wirtschaftsbereichen wie Einzelhandel, Gastronomie und Beherbergungsgewerbe zu rechnen – wenn auch nicht im vergleichbaren Ausmaß wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006."
Das vierwöchige Turnier lockt auch eine Vielzahl ausländischer Besucher an. Es beginnt an diesem Freitag und endet am 14. Juli. Die Luftfahrt erwartet bis zum Finale rund zwei Millionen zusätzliche Passagiere. Dies gilt für Linienflüge und mehr als 500 geplante Zusatzflüge, wie der Branchenverband BDL mitteilte. Allein Berlin rechne mit etwa 2,5 Millionen Fußball-Fans, darunter 1,9 Millionen Besucher aus rund 120 Ländern. Der Bundesbank zufolge dürfte das Sport-Spektakel in Deutschland zwar kein Konjunkturfeuerwerk auslösen, aber womöglich zumindest die noch maue Konsumstimmung heben.
Das Essener RWI sieht die Konjunktur auch ohne den Sondereffekt der EM im eigenen Lande wieder in der Spur: "Die deutsche Wirtschaft ist nach den jüngsten konjunkturellen Schocks auf einen Erholungskurs eingeschwenkt", sagte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt.
LEITZINSEN DÜRFTEN WEITER SINKEN
2023 war die deutsche Wirtschaft leicht geschrumpft. Viele Experten attestieren Deutschland strukturelle Schwächen, worunter auch der Wirtschaftsstandort leide. Die Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP will sich bis Anfang Juli auf einen Haushaltsentwurf für 2025 verständigen. Parallel sollen auch Maßnahmen zur Stärkung des Standorts präsentiert werden.
"Eine hohe konjunkturelle Dynamik zeichnet sich nicht ab", erklärten die Kieler IfW-Forscher in ihrer aktuellen Prognose. Alles in allem dürfte das BIP demnach im laufenden Jahr um 0,2 Prozent und im kommenden Jahr um 1,1 Prozent zulegen. Doch gewinne das Konjunkturbild einer moderaten Erholung an Konturen.
Im Verlauf des Jahres werden die steigenden real verfügbaren Einkommen und das anziehende Auslandsgeschäft laut den Forschern die Konjunktur stimulieren. Zudem dürfte die Bremswirkung der EZB-Zinspolitik auf die Wachstumskräfte allmählich nachlassen. Trotz der jüngst eingeleiteten Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) bleibe "der Restriktionsgrad der Geldpolitik" aber vorerst hoch, auch wenn bis zum Jahresende mit zwei weiteren Zinsschritten nach unten zu rechnen sei.
"BELEBUNG WIRD AB HERBST FAHRT AUFNEHMEN"
Als Konjunkturbremse wirkt nach Einschätzung des IWH in Halle, dass die Erwerbstätigenzahl wegen der schwachen Konjunktur in den nächsten Monaten leicht sinken dürfte. "Alles in allem wird die Produktion im Sommerhalbjahr wohl nur verhalten ausgeweitet. Daran ändert auch die Fußball-Europameisterschaft nichts", sagte IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller. Denn den Einnahmen durch Fußballfans aus dem In- und Ausland stünden "Verdrängungs- und Substitutionseffekte" an anderer Stelle gegenüber, sodass unter dem Strich kein ökonomischer Impuls bleibe. Laut Prognose des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dürfte das BIP dieses Jahr hierzulande um 0,3 Prozent zulegen, im Jahr 2025 dann um 1,5 Prozent.
(Bericht von Reinhard Becker, Klaus Lauer, Rene Wagner, redigiert von Sabine Ehrhardt - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)