Wachstum im Euroraum lässt nach - "Schlechte Performance Frankreichs"

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Berlin (Reuters) - Gebremst von der Talfahrt der französischen Wirtschaft sendet der Euroraum nur noch schwache Wachstumssignale aus.

Der auf einer Firmenumfrage basierende Einkaufsmanagerindex fiel im Juni um 1,4 Zähler auf 50,8 Punkte, wie der Finanzdienstleister S&P Global am Freitag mitteilte. Damit sank das als Frühindikator für die Konjunktur an den Finanzmärkten stark beachtete Barometer auf den tiefsten Wert seit März, hält sich aber noch über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Insbesondere die Abkühlung im Servicesektor und der stärkste Rückgang der Industrieproduktion seit Jahresbeginn fallen dabei ins Auge. In Deutschland verlangsamte sich das Wachstum überraschend. In Frankreich schrumpfte die Wirtschaft zum zweiten Mal hintereinander.

Der westliche Nachbar Deutschlands steht an den Finanzmärkten derzeit unter besonderer Beobachtung: Die kurzfristig anberaumten Neuwahlen zum Parlament könnten das Land bei einem Sieg des europaskeptischen Rassemblement National (RN) nach rechts rücken lassen. Wegen übergroßer Haushaltslöcher strebt die EU-Kommission zudem ein Defizitverfahren gegen Frankreich und weitere Staaten an.

Sowohl im Servicesektor als auch in der Industrie verstärkte sich im Juni in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone überraschend die Talfahrt. Die Verschlechterung könnte mit den Ergebnissen der jüngsten Wahlen zum Europäischen Parlament und den von Präsident Emmanuel Macron für den 30. Juni ausgerufenen Neuwahlen zusammenhängen, meint der Chefökonom der Hamburg Commercial Bank (HCOB), Cyrus de la Rubia: "Diese unerwartete Wendung der Ereignisse hat wahrscheinlich zur Unsicherheit über die künftige Wirtschaftspolitik beigetragen, was viele Unternehmen dazu veranlasst hat, bei neuen Investitionen und Aufträgen auf die Bremse zu treten." Auf jeden Fall sei es offensichtlich, dass "die schlechte Performance Frankreichs" erheblich zur Eintrübung der wirtschaftlichen Bedingungen in der Euro-Zone beigetragen habe, sagte der Chefökonom der HCOB, der Sponsorin der Umfrage.

Laut S&P Global bildet die Einkaufsmanagerumfrage zum frühestmöglichen Zeitpunkt die tatsächliche konjunkturelle Lage in der Privatwirtschaft ab, indem sie die Entwicklung bei Umsätzen, Beschäftigung, Lagern und Preisen widerspiegelt. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten hatten erwartet, dass der Frühindikator mit 52,5 Zählern ein stärkeres Wachstum der Euro-Zone als im Mai anzeigen würde.

"KRÄFTIGER DÄMPFER"

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der 20-Ländergemeinschaft von Portugal bis Zypern wuchs im ersten Quartal um 0,3 Prozent. Ende 2023 war es noch um 0,1 Prozent geschrumpft. Laut Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist mit keiner starken wirtschaftlichen Erholung zu rechnen: "Das liegt auch an den ungelösten wirtschaftlichen Strukturproblemen des Euroraums sowie an der politischen Unsicherheit im europäischen Kernland Frankreich."

Auch die deutsche Wirtschaft hat im Juni überraschend an Schwung verloren. Der Einkaufsmanagerindex gab um 1,8 auf 50,6 Zähler nach. Ökonomen hatten hingegen einen Anstieg auf 52,7 Punkte vorhergesagt. "Das ist ein kräftiger Dämpfer zum Ende des zweiten Quartals", sagte HCOB-Chefvolkswirt de la Rubia. Dafür sorgt vor allem die Industrie: Deren Barometer sank um 2,0 auf 43,4 Zähler. "Es ist wirklich eine zähe Angelegenheit", sagte der Experte. "Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach Industriegütern nicht in die Gänge kommen will, trotz eines global verbesserten Umfelds."

Laut Helaba-Experte Stefan Mütze hat die deutsche Industrie mit strukturellen Nachteilen zu kämpfen, vor allem bei den Energiekosten. Die Industrieproduktion dürfte demnach 2024 nochmals um zwei Prozent sinken. Erst für 2025 sei ein Produktionsplus von schätzungsweise 1,5 Prozent zu erwarten: "Zyklische Branchen wie die Chemieindustrie sind mit vorne dabei. Im Maschinenbau kündigt sich ebenfalls eine Besserung an."

(Bericht von Reinhard Becker, Rene Wagner - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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