Stimmung in Chefetagen immer trüber - Warnzeichen für Konjunktur

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- von Reinhard Becker und Klaus Lauer und Frank Siebelt

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft trübt sich zusehends ein und lässt den Traum von einem raschen Aufschwung platzen.

Das Ifo-Geschäftsklima sank im Juli zur Überraschung vieler Fachleute den dritten Monat in Folge - und zwar auf 87,0 Zähler von 88,6 Punkten im Vormonat. "Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise fest", sagte der Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, am Donnerstag. Die Münchner Forscher fühlen rund 9000 Führungskräften mit ihrem Stimmungsbarometer regelmäßig den Puls. Unter Ökonomen gilt der dritte Rückgang des viel beachteten Frühindikators als Warnzeichen für die wirtschaftlichen Aussichten. Dies auch, weil die Unternehmen nicht nur ihre aktuelle Geschäftslage schlechter beurteilten, sondern auch skeptischer auf die kommenden Monate blicken.

Nach Einschätzung von DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle zeichnet sich ein Trendwechsel nach unten ab: "Auf eine echte Belebung der Konjunktur muss man daher wohl noch länger warten." Dies sieht auch Ifo-Experte Klaus Wohlrabe so: Die Malaise ziehe sich durch fast alle Branchen. Es gebe wenig Dynamik aus dem Ausland, und die Konsumenten hielten sich beim Einkaufen weiter zurück: "Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft lässt auf sich warten", so sein Fazit im Reuters-Interview.

Die zunehmende Skepsis in den Chefetagen mit Blick auf die Aussichten spricht aus Sicht von Chefökonom Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank für eine "anhaltende Konjunkturlethargie". In dieser Gemengelage wäre aus seiner Sicht ein Mini-Wachstum schon ein Erfolg: "Es ist längst ein Impuls überfällig, der die Stimmung auf ein nachhaltig höheres Niveau führt. Dieser ist vorerst weder von der Weltwirtschaft noch von der Bundesregierung in Sicht."

Bundeskanzler Olaf Scholz setzt allerdings darauf, dass ein Maßnahmenbündel der Regierung die lahmende Wirtschaft wieder auf Trab bringt. Das Bundeskabinett verabschiedete am Mittwoch die ersten Teile des Pakets zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts. Der Kanzler sprach von einer "sehr umfassenden Wachstumsinitiative". Dabei werden unter anderem Abschreibungsmöglichkeiten erweitert, womit den Unternehmen Anreize zu Investitionen gegeben werden sollen.

"BLUTLEERE AUFWÄRTSBEWEGUNG"

Aus Sicht von Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer schlägt sich die abebbende Belastung durch hohe Zinsen und Energiepreise bisher kaum in einer konjunkturellen Erholung nieder. "Auch weil die Unternehmen unter der jahrelangen Erosion der Standortqualität leiden", so seine Einschätzung. Für das zweite Halbjahr zeichne sich allenfalls eine blutleere Aufwärtsbewegung ab. Viele Konjunkturprognosen seien noch zu optimistisch.

Zuletzt erst hatte der Einkaufsmanagerindex für die hiesige Privatwirtschaft den Hoffnungen auf einen Aufschwung einen kräftigen Dämpfer versetzt: Das Barometer fiel im Juli erstmals seit vier Monaten unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten, wie S&P Global jüngst mitteilte. Dabei hatte sich die Wirtschaft gerade erst etwas berappelt: Sie erholte sich aus Sicht der Bundesbank weiter und dürfte auch im Frühjahr leicht zugelegt haben.

Deutschland war zu Jahresbeginn mit einem leichten Wachstum von 0,2 Prozent knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt, nachdem das Bruttoinlandsprodukt Ende 2023 um 0,5 Prozent geschrumpft war. Die immer trübere Stimmung in den Chefetagen mache den optimistischen Trend zu Beginn des Jahres komplett zunichte, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski: "Die deutsche Wirtschaft ist erneut zum Sorgenkind des Wachstums in der Euro-Zone geworden."

(Redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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