Schrumpfende deutsche Wirtschaft bremst Euroraum - Italien & Co wachsen

- von Reinhard Becker und Rene Wagner und Christian Krämer
Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft hat im Frühjahr überraschend den Rückwärtsgang eingelegt und bremst das Wachstum im Euroraum.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank von April bis Juni um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten hingegen ein Wachstum von 0,1 Prozent auf dem Radar. Zu Jahresbeginn war die Wirtschaft mit einem BIP-Plus von 0,2 Prozent nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt, nach einem Minus von 0,4 Prozent Ende 2023.
"Der unerwartete Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal zeigt wieder einmal, dass von einem nennenswerten Aufschwung in Deutschland keine Rede sein kann", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die deutsche Wirtschaft dümpelt bereits seit geraumer Zeit vor sich hin. Sie erweist sich inzwischen immer mehr als Bremsklotz für die Konjunktur im Euroraum, die jedoch besser läuft als erwartet. Mit einer Zuwachsrate von 0,3 Prozent konnte sie zur Überraschung der Fachleute ihr Tempo vom Jahresanfang halten.
Unter den größten Staaten im Währungsgebiet ist Deutschland das Schlusslicht: Das lange Zeit als chronisch wachstumsschwach geltende Italien erreichte immerhin ein Plus von 0,2 Prozent. Frankreich schaffte im Frühjahr einen Zuwachs von 0,3 Prozent, Spanien sogar von 0,8 Prozent. Die südeuropäischen Länder profitieren laut dem Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel, in der Nach-Corona-Ära von einem hohen Reisebedürfnis der Menschen. Dies zeige sich in rekordhohen Besucherzahlen.
Stärker exportabhängige Länder wie etwa Deutschland litten hingegen unter dem trägen Welthandel. Da sich hierbei kein rascher Trendwechsel abzeichne, werde die Wachstumskluft zwischen den Ländern im Norden und Süden der Euro-Zone noch längere Zeit anhalten, prophezeit Experte Gitzel.
"RÜCKFALL IN REZESSIVE PHASE DROHT"
DZ-Bank-Chefvolkswirt Michael Holstein verweist darauf, dass hierzulande vor allem schwache Investitionsausgaben für Ausrüstungen und Bauten zum gesamtwirtschaftlichen Minus im Frühjahr geführt haben. "Das passt leider ins Bild: Die Umfragen in den letzten Monaten deuteten bereits auf eine sich verschlechternde Stimmung bei den deutschen Unternehmen hin, die ihre Investitionsausgaben zurückhalten." Hohe Zinsen, stark gestiegene Materialkosten und komplizierte Genehmigungsverfahren machten auch das Bauen unattraktiv. Derzeit sei noch keine Besserung in Sicht, so dass der deutschen Konjunktur ein Rückfall in eine rezessive Phase drohe.
Für die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) ist die Wirtschaftsentwicklung im ersten Halbjahr eine Enttäuschung. Besonders in der Industrie komme die Produktion nicht in Gang. Vielmehr gehe die Kapazitätsauslastung zurück, die Exporte schwächelten und bei den Neuaufträgen im Verarbeitenden Gewerbe herrsche regelrecht Flaute, erläutert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben: "Unter diesen Voraussetzungen ist eine zügige konjunkturelle Erholung in der zweiten Jahreshälfte leider nicht zu erwarten."
"SIGNALE WEITER AUF WACHSTUMSMISERE"
Als Alarmzeichen gilt, dass der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juli bereits den dritten Monat in Folge gesunken ist, was Experten als negatives Konjunktursignal werten: "Geht es nach den Stimmungsindikatoren, hält der Tiefflug der Wirtschaft an", sagte Chefökonom Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Die Wachstumsinitiative der Bundesregierung sei noch nicht in trockenen Tüchern. Sie wirke allenfalls ab Mitte 2025: "Damit stehen die Signale weiter auf Wachstumsmisere."
Das Bundeskabinett verabschiedete jüngst die ersten Teile des Pakets zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts. Damit werden auch Abschreibungsmöglichkeiten erweitert, um Unternehmen Anreize zu Investitionen zu geben. Weitere Maßnahmen zur Standortstärkung sollen folgen. Alle zusammen sollen 2025 für einen zusätzlichen Wachstumsimpuls von rund einem halben Prozentpunkt sorgen. Die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, bezweifelt jedoch, dass die Wirkung so stark ist.
Die Bundesregierung rechnet für das laufende Jahr mit einem BIP-Wachstum von 0,3 Prozent. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet sogar nur ein Plus von 0,2 Prozent. Damit dürfte keine andere große Industrienation in diesem Jahr so schlecht abschneiden. DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben erwartet sogar nur ein "Null-Wachstum": Die Unternehmen bräuchten offensichtlich dringend noch mehr Klarheit in Bezug auf die Verbesserungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und verlässliche Impulse, um wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu gelangen, so sein Fazit.
(Bericht von Reinhard Becker, Rene Wagner, Frank Siebelt und Christian Krämer, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)