Exporteure und Ökonomen -"Deutsche Wirtschaft kommt nicht in die Gänge"

Berlin (Reuters) - Exporteure und Wirtschaftsforscher blicken zunehmend düster auf die deutsche Konjunktur.
Die Regierungsberater vom Kieler IfW-Institut gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt 2024 um 0,1 Prozent sinkt und damit das zweite Jahr in Folge. Auch die Exporteure rechnen erneut mit einem schrumpfenden Geschäft und bauen vereinzelt schon Jobs ab. "Der deutsche Außenhandel steht vor einer Rezession", sagte Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) am Mittwoch in Berlin. Die Exporte dürften 2024 um 0,3 Prozent sinken, die Importe sogar um 2,0 Prozent.
"Die deutsche Wirtschaft kommt nicht in die Gänge", lautet das Fazit des in Kiel ansässigen Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Im Juni hatten die Ökonomen um Konjunkturchef Stefan Kooths, für 2024 noch ein Wachstum von 0,2 Prozent vorausgesagt. Für das kommende Jahr senkte das IfW die Prognose noch kräftiger - von 1,1 auf 0,5 Prozent. "Das Verarbeitende Gewerbe befindet sich in der Rezession und die privaten Haushalte halten sich trotz steigender Realeinkommen beim Konsum zurück", betonten die Fachleute. Zugleich litten die Investitionen weiter unter der hohen Unsicherheit und schwierigen Finanzierungsbedingungen. "Insgesamt stottert die deutsche Wirtschaft in eine blutleere Erholung, auch weil die Wirtschaftspolitik keine verlässlichen Weichenstellungen vorzunehmen vermag", sagte Kooths.
Die Exportbranche sorgt sich derweil nicht nur um die maue Weltwirtschaft. "Wir stecken in einem Schraubstock zwischen globaler wirtschaftlicher Schwäche auf der einen und heimischer Schwäche auf der anderen Seite", betonte Jandura. Das deutsche Wirtschaftsmodell stehe massiv unter Druck. "Sorge bereiten uns die Wachstumsschwäche im EU-Binnenmarkt, die anhaltend schlechten Zahlen aus China und natürlich der ungewisse Ausgang der US-Wahl im November."
Die schlechte Stimmung zeige auch die BGA-Umfrage unter Unternehmen. "Die bereits schlechte Stimmung ist seit dem Jahreswechsel 2022/23 nochmals deutlich gesunken", sagte Jandura. Er sei skeptisch, dass die Exporte nach dem mauen ersten Halbjahr bis Ende 2024 an Tempo zulegen können. Der Umfrage zufolge hat sich die Stimmung im Außenhandel "weiter dramatisch verschlechtert", wie der BGA-Chef sagte. Die Firmen müssten teilweise schon ihre Kapazitäten anpassen. "Es gibt auch Entlassungen, aber es sind keine Massenentlassungen."
Die Außenhandelsbetriebe geben der Bundesregierung eine Mitverantwortung für die Misere. Demnach sehen 70 Prozent der Befragten den Kurs der Ampel-Koalition auf einem falschen Weg.
PROBLEME MIT DEN WICHTIGEN HANDELSPARTNERN USA UND CHINA
Besorgt äußerte sich Jandura zum Verhältnis zu Deutschlands größten Handelspartnern USA und China. "Die EU muss sich wappnen, egal wer im November in Washington gewinnt", sagte der BGA-Chef mit Blick auf die US-Präsidentenwahl. Dort stehen sich Vize-Präsidentin Kamala Harris für die Demokraten und Ex-Präsident Donald Trump von den Republikanern gegenüber. "Wir brauchen eine gemeinsame Antwort auf die 'America first'-Strategie, die die neue Präsidentin oder der neue Präsident sicherlich fahren werden." Sollte Trump gewinnen, drohe eine Verschärfung des Handelskrieges mit China.
Auch mit China müsse man verhandeln. "Politisch motivierte Abschottung schadet auch unserer Wirtschaft", warnte Jandura mit Blick auf den Zollstreit. Wichtig sei hier ein Austausch auf regelbasiertem Niveau mit der Welthandelsorganisation WTO. "Wir müssen die Probleme lösen, ohne in Eskalation zu gehen."
Unterdessen ist die Stimmung in der deutschen Autoindustrie wegen fehlender Neuaufträge so schlecht wie seit fast zweieinhalb Jahren nicht mehr. Der Indikator für das Geschäftsklima sank im August auf minus 24,7 Punkte, nach minus 18,5 Zählern im Juli, wie das Münchner Ifo-Institut zu seiner Umfrage mitteilte. "Die Stimmung in der Autoindustrie ist im Sturzflug", sagte Ifo-Branchenexpertin Anita Wölfl.
Aktuell sorgen die geplanten Einschnitte bei Volkswagen für Schlagzeilen. Der Konzern will seinen Sparkurs verschärfen und hat erstmals nicht mehr ausgeschlossen, auch Werke in Deutschland dichtzumachen.
(Bericht von Rene Wagner und Klaus Lauer, redigiert von Kerstin Dörr - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)