Chinas Wirtschaft verliert Schwung - "Konjunkturpaket braucht Zeit"

Peking (Reuters) - Die chinesische Wirtschaft ist im Sommer so langsam gewachsen wie seit Anfang 2023 nicht.
Auch wenn es zuletzt positive Signale vom Konsum und der Produktion gab, bleibt der schwächelnde Immobiliensektor eine große Herausforderung für die Regierung beim Versuch, das Wachstum anzukurbeln. Die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt legte zwischen Juli und September im Jahresvergleich um 4,6 Prozent zu, wie am Freitag aus dem Bericht des Nationalen Statistikamtes (NBS) hervorgeht. Das ist zwar einen Tick mehr als die von Fachleuten erwarteten 4,5 Prozent, aber auch weniger als die plus 4,7 Prozent im zweiten Quartal. "Das Ende September angekündigte Konjunkturpaket wird Zeit und Geduld brauchen, um das Wachstum in den nächsten Quartalen anzukurbeln", sagte Bruce Pang, Chefökonom bei Immobiliendienstleister JLL.
"Die Entwicklung entspricht den Markterwartungen angesichts der schwachen Inlandsnachfrage, eines immer noch schwächelnden Immobilienmarkts und eines nachlassenden Exportwachstums", fügte Pang hinzu. Commerzbank-Experte Tommy Wu betonte, auch wenn die verschiedenen Maßnahmen des Staates das Wachstum stützten, dürfte die chinesische Wirtschaft aufgrund der anhaltenden strukturellen Probleme wie der Immobilienkrise weiter unter Druck stehen. "Noch hat die Politik diese Strukturprobleme nicht entschlossen genug in Angriff genommen."
IMMOBILIENKRISE BREMST - "GELD SITZT NICHT MEHR SO LOCKER"
Über die Wachstumsraten des asiatischen Landes würde man sich in Europa freuen, erklärte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. "Ein Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von 4,6 Prozent ist für China derzeit aber zu wenig." Die Jugendarbeitslosigkeit sei zuletzt auf den Rekord von 18,8 Prozent geklettert und vielen Chinesen gehe es seit Ausbruch der Corona-Pandemie schlechter. "Die Immobilienkrise macht China schwer zu schaffen", sagte Gitzel. Dabei hätten viele Menschen nicht nur Geld verloren, sondern auch das Vertrauen in die Regierung. "Das Geld sitzt nicht mehr so locker, wie noch vor einigen Jahren." Darüber hinaus kämpfe das Land aufgrund der Ein-Kind-Politik mit einem massiven demografischen Wandel, der das Potenzial der Wirtschaft perspektivisch weiter bremse. "Die staatlichen Hilfen können kurzfristig wieder zu etwas höheren Wachstumsraten führen, doch das Wachstumspotenzial zeigt nach unten."
Die Regierung in Peking peilt an, dass die Wirtschaft in diesem Jahr rund fünf Prozent zulegt. Vertreter des Statistikamts äußerten sich zuversichtlich, dass dies gelinge. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter Ökonomen zufolge dürfte das Wachstum nur 4,8 Prozent erreichen und sich 2025 weiter auf 4,5 Prozent abkühlen.
Von Juli bis September stieg das BIP zum Vorquartal um 0,9 Prozent und blieb damit leicht hinter den Markterwartungen von 1,0 Prozent zurück. Die Industrieproduktion mit plus 5,4 Prozent und die Einzelhandelsumsätze mit plus 3,2 Prozent fielen im September besser aus als von Fachleuten angenommen. Man würde die die Bedeutung dieser besser als erwarteten Daten aber herunterspielen, sagte Betty Wang vom Analysehaus Oxford Economics. "Denn die strukturelle Schwäche im Immobilien- und Haushaltssektor bleibt weitgehend ungelöst."
(Bericht von Kevin Yao, Ethan Wang and Joe Cash, geschrieben von Klaus Lauer und Alexandra Falk.; Redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)