Wirtschaft nur mit Mini-Wachstum - "Quälend lange Stagnationsphase"

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Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal knapper als bislang angenommen an einer Rezession vorbeigeschrammt.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Juli bis September nur um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu. Das Statistische Bundesamt halbierte damit am Freitag seine frühere Schätzung von 0,2 Prozent. Steigende Konsumausgaben sorgten für das Mini-Wachstum, während Investitionen und Exporte nachgaben. Im zweiten Quartal war die Wirtschaft um 0,3 Prozent geschrumpft - zwei Minus-Quartale in Folge hätten eine technische Rezession bedeutet. Für das Jahresende zeichnet sich kein Aufschwung ab, im Gegenteil: Wichtige Konjunkturindikatoren zeigen nach unten.

"Deutschland befindet sich in einer quälend langen Stagnationsphase", kommentierte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle die Entwicklung. "In toxischer Art und Weise verbinden sich seit geraumer Zeit konjunkturelle und strukturelle Probleme." Dies zeigt auch ein an den Finanzmärkten stark beachteter Frühindikator: Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft - Industrie und Dienstleister zusammen - fiel um 1,3 auf 47,3 Punkte. Dies ist der niedrigste Wert seit neun Monaten, wie der Finanzdienstleister S&P Global zu seiner Unternehmensumfrage mitteilte. Damit entfernt sich das Barometer weiter von der Schwelle von 50 Punkten, ab der es Wachstum signalisiert.

"NUR EIN AUSREISSER"

Für Ökonom Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ist das Mini-Wachstum im Sommer daher "zunächst erst einmal nur ein Ausreißer, nicht aber eine Trendwende". "Erst im Laufe des kommenden Jahres könnte sich die Konjunktur allmählich erholen", sagte Dullien. "Steigende Löhne und niedrige Inflation führen dann über höhere Kaufkraft zu mehr Konsum." Allerdings nimmt die Jobunsicherheit gerade zu, nachdem etwa große Autobauer wie Volkswagen Entlassungen erwägen. "Wer sich nicht sicher ist, wie es mit seinem Job weitergeht, gibt auch nichts aus", warnte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel.

Dass eine Rezession im vergangenen Quartal vermieden werden konnte, ist den ausgabefreudigen Verbrauchern zu verdanken. Diese steigerten ihren Konsum im Sommer um 0,3 Prozent zum Vorquartal. "So gaben die Verbraucherinnen und Verbraucher unter anderem mehr für Verbrauchsgüter aus, beispielsweise für Nahrungsmittel und Getränke", erklärten die Statistiker. Der Staatskonsum wuchs mit 0,4 Prozent sogar noch etwas stärker.

"Leicht negative Impulse kamen dagegen von den Investitionen", betonte das Bundesamt. In Ausrüstungen – also vor allem in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – wurde 0,2 Prozent weniger investiert, in Bauten sogar 0,3 Prozent weniger. Die gelockerte Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) könnte hier für eine Belebung sorgen. "Die Hoffnungen ruhen auf niedrigeren Zinsen und dass sich dadurch das Unternehmerlager doch noch zu Investitionen aufrafft", sagte Ökonom Gitzel. "Niedrigere Zinsen können auch der angeschlagenen Bauwirtschaft frischen Wind einhauchen."

TRUMP ANTE PORTAS

Die Exporte von Waren und Dienstleistungen fielen um 1,9 Prozent niedriger aus als im zweiten Quartal, während die Importe um 0,2 Prozent wuchsen. Dass die Exporteure weiter mit Gegenwind rechnen müssen, zeigt der Einstieg ins vierte Quartal: Die Warenlieferungen in die Länder außerhalb der Europäischen Union brachen im Oktober wegen des schwächelnden Geschäfts mit den USA und China ein, und zwar um 6,9 Prozent zum Vormonat auf 55,1 Milliarden Euro.

Die EU-Kommission traut Europas größter Volkswirtschaft derzeit keinen starken Aufschwung zu. Im zu Ende gehenden Jahr dürfte das deutsche BIP um 0,1 Prozent schrumpfen, heißt es in der Herbstprognose der Brüsseler Behörde. Für das kommende Jahr sagt sie ein Wachstum von 0,7 Prozent voraus. Das wäre das kleinste Plus aller Euro-Länder. Schon im Sommer schnitt Deutschland im Vergleich zu anderen großen Euro-Ländern schlechter ab. Frankreich schaffte ein Wachstum von 0,4 Prozent, beflügelt auch durch die Olympischen Spiele in Paris. Spanien kam dank des boomenden Tourismus sogar auf 0,8 Prozent.

Mit dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl dürften die Zeiten nicht einfacher werden. Trump hat im Wahlkampf angekündigt, Strafzölle auf Importe aus Europa zu erheben. Exporteuropameister Deutschland könnte darunter besonders leiden. "Unsicherheiten hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen aus der US-Präsidentenwahl haben jedoch zugenommen", heißt es im aktuellen Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums. Das könne zu einer Konsum- und Investitionszurückhaltung führen, "die die erwartete konjunkturelle Erholung weiter verzögern könnte".

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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