Was du zur Krise bei Gerresheimer wissen musst
Die Aktie des Medizinverpackungsspezialisten Gerresheimer stürzt ab - wieder einmal. Gleich mehrere Probleme plagen den Konzern. Hier erfahrt ihr, welche Faktoren zur Krise bei Gerresheimer führten.
Maximilian Nagel

Das schmerzt: Gerresheimer-Aktien sind am Donnerstag um fast 13 Prozent abgerutscht. Wer schon länger Aktionär des Spezialisten für Medikamentenverpackungen ist, kennt solche Verluste gut.
Am 11. Februar brach der Kurs an einem einzigen Tag um enorme 31 Prozent ein. Im Oktober wiederum hatte die Aktie einen 18-prozentigen Rutsch verbucht, nur wenige Tage nach einem Kurssturz um 15,4 Prozent. Davor war der Kurs im Juni schon einmal um fast 23 Prozent gefallen.
Jede zwischenzeitliche Erholung nach den Einbrüchen bereitete nur den Boden für den nächsten Abverkauf. In Summe hat die Aktie vom Rekordhoch bei 122,90 Euro im August 2023 rund 87 Prozent ihres Werts verloren. Bei Gerresheimer kriselt es gewaltig, in vielerlei Hinsicht.
Noch bis zur Jahresmitte 2023 lief es bei Gerresheimer im Grunde gut. Der Kurs stieg stetig, fundamental wuchs das Geschäft beständig – so, wie man es für ein Unternehmen aus der Medizintechnikbranche vermuten würde. Doch jetzt ist all das dahin. Wir zeichnen nach, was es mit der Krise beim SDax-Unternehmen auf sich hat.
Wie begann die Krise bei Gerresheimer?
Den ersten großen Rückschlag erlitt die Aktie im September 2024, ausgelöst durch eine Prognosesenkung für gleich beide Folgejahre. Im Juni 2025 musste Gerresheimer erneut die Prognosen stutzen, noch dazu kürzte der Düsseldorfer Konzern die Dividende auf nur noch vier Cent je Aktie, nach 1,25 Euro im Vorjahr.
In der Folge brach die Aktie um 23 Prozent ein, der Kurs hatte sich zu diesem Zeitpunkt vom Rekordhoch aus schon mehr als halbiert. Die Aktie stabilisierte sich aufgrund von Hoffnungen auf eine Übernahme zwischenzeitlich zwar etwas, diese Gewinne verpufften aber im September 2025 schlagartig, als Gerresheimer ins Visier der Finanzaufsicht Bafin rückte.
Warum ermittelt die Bafin gegen Gerresheimer?
Zum diesem Zeitpunkt teilten die Aufseher mit, sich den Konzernabschluss zum 30. November 2024 genauer anzusehen. Es gebe konkrete Anhaltspunkte für Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften, so die Bafin damals.
Kurz darauf, Anfang Oktober, dampfte Gerresheimer erneut die Aussichten ein – und die Aktie sackte nochmals um 18 Prozent an nur einem Tag ab. Händler sprachen damals von einer erneut "schrecklichen" Gewinnwarnung, die mittlerweile vierte in nur zwei Jahren.
Der nächste Rückschlag für die Aktie kam im Februar mit der Verschiebung der Jahreszahlen für 2025, die auch den Untersuchungen zur Bilanz geschuldet war. Am heutigen Donnerstag schließlich folgte die (bislang) letzte Hiobsbotschaft.
So erklärte die Bafin, die Prüfung bei Gerresheimer auszuweiten. Neben dem Geschäftsbericht 2023/24 wollen die Aufseher nun auch einen Blick auf die Zahlen für den Zeitraum zwischen Anfang Dezember 2024 und Ende Mai 2025 werfen. Im Mittelpunkt: Sogenannte "Bill-and-hold"-Vereinbarungen.
Worum geht es bei Bill-and-hold-Vereinbarungen?
Eine zentrale Frage der Rechnungslegung ist: Wann dürfen Umsätze verbucht werden? Schon zum Zeitpunkt eines Kaufvertrags? Oder erst, wenn Waren unterwegs sind, oder sogar tatsächlich erst, wenn der Käufer die Ware oder Dienstleistung erhalten hat?
In der Realität gibt es verschiedene Modelle zur Umsatzwahrnehmung, darunter das sogenannte "Bill-and-hold"- Verfahren. Dabei wird Ware in Rechnung gestellt, der Umsatz verbucht, aber die Waren bleiben vorerst beim Verkäufer gelagert.
Normalerweise werden Umsätze erst nach einer Lieferung verbucht, bei "Bill-and-hold"-Verfahren bleibt die Ware – zeitweise – beim Verkäufer, beispielsweise, weil der Käufer nicht ausreichend Lagerraum hat. Damit diese Umsätze verbucht werden dürfen, muss das Verfahren aber vom Käufer angefragt werden.
Regt der Verkäufer indes eine solche Vereinbarung an, kann der Grund möglicherweise sein, dass der Umsatz vorzeitig aufgebläht werden soll. So geschah es beispielsweise beim US-Küchenausstatter Sunbeam Anfang der 2000er.
Wichtig: Im Falle von Gerresheimer ist noch nichts abschließend untersucht. "Die Prüfung wurde eingeleitet, weil das Unternehmen möglicherweise Umsatzerlöse für einige Verträge mit Kunden erfasst hat, obwohl die Umsätze noch nicht realisiert waren", wie die Bafin im September mitteilte.
Gerresheimer selbst hatte im Dezember erklärt, entsprechende Umsätze aus "Bill-and-hold"-Vereinbarungen zu korrigieren, wodurch sich die Gesamterlöse 2024, sowie auch das Ergebnis je Aktie marginal verringern. Außerdem werde Gerresheimer künftig auf diese Bilanzierungspraxis verzichten, so der Konzern.
Wie haben die Pandemie und Novo Nordisk mit der Krise zu tun?
Der Kursverfall bei Gerresheimer wäre wohl weniger dramatisch, hätte der Konzern nicht massiv von der Pandemie profitiert. In einigen Quartalen 2022 und 2023 stiegen die Umsätze um mehr als 20 Prozent zum Vorjahr – ein nach eigenen Maßstäben enormes Wachstum.
Als einer von nur drei Herstellern weltweit lieferte Gerresheimer damals die für die Impfdosen dringend benötigten Fläschen. Nach der Pandemie wiederum trieb der Boom der Abnehmspritzen, vor allem die Produkte Ozempic und Wegovy des dänischen Konzerns Novo Nordisk, Gerresheimer weiter an. Zumindest an den Börsen.
Diese beiden Trends machten die Rekordrally der Aktie bis Mitte 2023 möglich. Doch gerade die Abhängigkeit von den Geschäften Novo Nordisks rächt sich nun, und zwar gleich in doppelter Hinsicht.
So wird Gerresheimer, wie auch der Wettbewerber Schott Pharma, von den Märkten fast immer abgestraft, wenn es bei Novo Nordisk als großem Abnehmer von Einmal-Injektionsspritzen nach unten geht. Der Abwärtstrend bei Novo im Angesicht der immer härteren Konkurrenz im Markt für Abnehmmittel lastet daher ebenso auf der Gerresheimer-Aktie.
Gleichzeitig profitiert Gerresheimer voraussichtlich nicht von einer etwaigen Erholung bei Novo Nordisk. Denn die Dänen versuchen derzeit, mit allen Mitteln gegenüber dem US-Konkurrenten Eli Lilly wieder an Boden zu gewinnen. Eine Option dabei: Abnehmmittel als Pille. Doch dafür braucht es dann keine Gerresheimer-Spritzen mehr.
Wie geht es nun weiter?
Mit dem aktuellen Kurs ist Gerresheimer fast so billig wie zuletzt 2009. Damals rangierte die Aktie auf einem rekordtiefen Niveau von 13 Euro. Durch den Kursverfall sank auch die Bewertung massiv, das aktuelle Kurs/Gewinn-Verhältnis liegt bei gerade mal 7,9. Konkurrent Schott wird mit dem Doppelten bewertet.
Eine schnelle Trendwende ist damit keine ausgemachte Sache. Der Konzern kämpft mit mauen Aussichten und hat in den vergangenen Quartalen weitere Schulden aufgebaut. Die Kosten für Zinsen allein überstiegen das Betriebsergebnis im dritten Quartal 2025 und für die ersten neun Monate 2025.
Zu all dem kommen noch die Zweifel um die Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens. Analysten sind deswegen wenig zuversichtlich, dass Gerresheimer bald die Kurve kriegt. Erst am Donnerstag stufte das Analysehaus MWB die Aktie auf "Verkaufen" ab, mit einem Kursziel von 12,50 Euro – nochmals rund 20 Prozent unter dem aktuellen Niveau.
"Die Vertrauenskrise eskaliert", kommentierte der MWB-Analyst Harald Hof. Seiner Auffassung nach habe Gerresheimer strukturelle Schwächen im Rechnungswesen und im internen Kontrollsystem. Voraussichtlich werde die Überprüfung noch Monate andauern, sagt Hof. Keine guten Aussichten für Aktionäre.






