Die meistgehasste Hausse kann weiter gehen

Stefan Riße

Schon oft wurde in den vergangenen Jahren von der meistgehassten Hausse aller Zeiten gesprochen, doch so unbeliebt wie der Aktienaufschwung in diesem Jahr war wohl noch nie einer zuvor. In riesigem Volumen zogen Anleger weltweit seit Jahresanfang Geld aus Aktienfonds ab und legten es in Anleihe- oder Geldmarktfonds an. Diese boten und bieten zwar überhaupt keine Verzinsung mehr, schienen aber vor dem Hintergrund einer sich weltweit abkühlenden Wirtschaft und den gegebenen politischen Unsicherheiten doch sicherer zu sein als Dividendenpapiere. Zwar gab es abgesehen von Deutschland im zweiten Quartal nirgendwo eine schrumpfende Wirtschaft, also eine Rezession, doch alle Indikatoren deuteten im Verlauf des Jahres darauf hin. Was erschien da logischer als sich aus Aktien vor allem nach der schönen Erholung ab Januar dieses Jahres erst einmal zu verschieben?

Bad News are Good News

In der Retrospektive ist es jetzt allerdings ein sehr schmerzhafter Abschied für viele Anleger gewesen. Denn trotz aller Unsicherheit und Rezessionsangst stiegen die Kurse weiter. Und als zuletzt nur ein wenig Beruhigung eintrat und einige Frühindikatoren nach monatelanger ungebremster Abwärtsbewegung eine kleine Stabilisierung zeigten, fielen in den USA die Rekordmarken und bewegte sich auch unser heimischer DAX bereits dicht an sein Allzeithoch von gut 13.600 Punkten heran. Selbst auf verfehlte Gewinnerwartungen hin stiegen europäische Aktien und schlugen sie die Gewinnerwartung, explodierten sie. Den Aktien kann in den letzten Wochen keiner mehr etwas anhaben wie es scheint. Oder, um es in Kostolanys Worten auszudrücken, die Hartgesottenen haben die Papiere. Allerdings waren innerhalb der verschiedenen Aktiensegmente interessante Bewegungen zu erkennen. Die Favoriten wechselten. Waren es lange Zeit die Technologiewerte wie Apple, Alphabet, Facebook und Co. sowie die sogenannten Qualitätsaktien wie Nestlé oder McDonald‘s, schichteten die Anleger nun in die jahrelang geschmähten und daher günstig bewerteten Value-Aktien um.

Aktiensegmente sind der sichere Hafen, nicht die Anleihen

Diese Entwicklung könnte ein Fingerzeig für die Zukunft gewesen sein. Weil mittlerweile bei allen angekommen ist, dass der Nullzins und negative Realzinsen kein vorübergehendes Phänomen, sondern die neue Realität sind, fließt das Geld selbst bei Unsicherheit womöglich nicht mehr aus dem Aktienmarkt ab. Es rotiert im Zweifel nur noch von einem Segment ins andere. Dividendenstarke Aktien sind dann der neue sichere Hafen. In den letzten Tagen investierten die Anleger nun aber auch wieder verstärkt in zyklischere Werte. Denn die Rezession scheint nun weit weniger sicher als noch vor ein paar Wochen. Vordergründig scheint es die Beruhigung in der Politik zu sein, die hierfür sorgen könnte. Tatsächlich ist es wie fast immer die Geldpolitik, die auch mich wieder voll auf Optimismus umschalten lässt. Die US-Notenbank hat nämlich nicht nur bereits drei Mal die Zinsen gesenkt, sie kauft aktuell wieder Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden US-Dollar pro Monat. Es sei kein „Quantitative Easing“, wird sie nicht müde zu betonen, aus der Sicht des Aktienmarktes spielt das aber keine Rolle. Denn es bedeutet, die Märkte werden mit Geld geflutet, was in der Vergangenheit immer zu höheren Aktienkursen geführt hat. Und die können womöglich viel weiter steigen, als selbst Optimisten glauben. Denn wie teuer ist eine Aktie, die heute eine Dividendenrendite von drei Prozent bringt, wenn sie um 50 Prozent steigt und eine Dividendenrendite von dann noch zwei Prozent aufweist? Ist sie dann wirklich schon überbewertet, wenn zehnjährige Staatsanleihen eine negative Verzinsung bieten?

Kurzfristiges Korrekturpotenzial

Allenfalls kurzfristig gibt es ein gewisses Korrekturpotenzial. Das zeigen die Stimmungsindikatoren, die den Optimismus und Pessimismus kurzfristig agierender Marktteilnehmer messen. Anfang Dezember wäre hierfür ein nicht unüblicher Zeitpunkt. Der perfekte Einstiegszeitpunkt wäre dann gegeben, wenn sich wieder etwas mehr Angst in die Börsenkommentare mischt und der nun von immer mehr Auguren ausgerufen große Siegeszug der Aktie in Zweifel gezogen wird.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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