Gamestop Over?

Stefan Riße

Als ich am vergangenen Freitag über die Auswirkungen der Short-Spekulationen beziehungsweise den „Squeezes“ von Leerverkäufern schrieb, ahnte ich ja nicht, welche Tragweite das Thema in der folgenden Woche bekommen würde. Doch ging es in dieser Woche nicht um den von mir beschriebenen Short Squeeze auf breiter Front, sondern um den in einzelnen Aktien, die von Hedgefonds short, also leer verkauft worden waren und die nun mit diesen Positionen in Not gerieten, weil eben diese Aktien extrem zu steigen begannen. Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte der Computerspielehändler Gamestop. Viel ist dazu überall in der Presse geschrieben worden, so dass ich hier nicht alle Details der Geschichte beschreibe, sondern auf die allgemeine Berichterstattung verweise. Mich interessiert vielmehr die Beurteilung des Vorgangs.

David schlägt Goliath

Short Squeezes gibt es, seitdem man Shortpositionen eingehen kann. Wer den Film „The Big Short“ gesehen hat, erinnert sich daran, wie die großen Investmentbanken die im Grunde schon annähernd wertlosen Subprimeanleihen im Kurs über Monate oben hielten, um Shortspekulanten wie Michael Burry, die das Spiel durchschaut und erkannt hatten, dass die Immobilienkredite, die dahinter standen, uneinbringbar waren, in den Ruin zu treiben. Am Ende gelang es aber nicht und die „Shorties“ bekamen Recht und verdienten riesig. Das Besondere an der Kursexplosion von Gamestop nun ist die Tatsache, dass es diesmal eben nicht große Adressen waren, die dies auslösten, sondern Privatanleger. Sie handeln auf Plattformen wie Robinhood und verabredeten sich in Foren wie Reddit, die Aktie hoch zu kaufen, im Wissen darum, dass diejenigen, die short in diesen Papieren sind, dann so unter Druck kommen, dass deren erzwungene Rückkäufe den Kurs weiter nach oben treiben. Und die Wette ging tatsächlich auf. Der Hedgefonds Melvin Capital kam so stark in Bedrängnis, dass andere Kollegen ihm mit Kapitalspritzen beistehen mussten. Der Aktienkurs von Gamestop vervielfachte sich.

Verwerflich oder nicht verwerflich?

Ist das, was die Privatanleger dort taten, moralisch verwerflich und möglicherweise auch gesetzlich verboten? Dies wird sich noch herausstellen müssen. Grundsätzlich kann man darin schon die Verabredung zu einer Marktmanipulation sehen, denn hier wurde eine Aktie nach oben katapultiert, die bezüglich ihrer Fundamentaldaten keinerlei Rechtfertigung für einen solchen Kurssprung hergab. Das Problem aber wird sein, dass die Börsenaufsichtsbehörde nur schwer die Adressaten der entsprechenden Posts in den Foren wird nachverfolgen können. Man meldet sich da ja nicht mit einem Klarnamen an und schon gar nicht weist man seine Identität nach. Moralisch betrachtet kann ich nichts Verwerfliches daran finden. Hedgefonds sind keine schützenwerten unwissenden Kleinanleger. Wenn ein Hedgefonds Shortpositionen in einem Unternehmen eingeht, bei dem so wie im Fall von Gamestop mehr als 140 Prozent der Aktien leer verkauft sind, dann muss man als Börsenprofi um das Risiko eines Short Squeeze wissen. Wie können mehr Aktien geshortet sein als überhaupt vorhanden? Ganz einfach, sie werden sozusagen im Kreis verliehen. Derjenige, der sie besitzt, verleiht sie und der, der sie leiht, verkauft sie leer und der Käufer verleiht sie erneut. So kann eine Aktie zweimal leer verkauft sein.

Neue Goldgrube für private Anleger?

Kaum hatte die Geschichte die Runde gemacht, gab es überall in der Presse Tabellen mit anderen kleineren Unternehmen, in denen es große Shortpositionen gibt. Tun sich da nun für private Anleger große Chancen auf? Ich denke eher nein. Hier gilt der Satz: „Zweimal foppen lasse ich mich nicht.“ Deshalb klappt sowas in der Regel einmal und nie wieder. Die Hedgefonds werden vorsichtiger werden. Und diejenigen, die die Aktien zu Preisen kaufen, die absolut ungerechtfertigt sind, müssen dann ja auch da wieder raus. Gelingt dies nicht früh genug, fahren Sie mit dem Zug nach unten. Ich bleibe daher auch nach diesen Ereignissen bei meiner Einschätzung der Vorwoche und ergänze: Shortspekulationen haben ein schlechtes Chance/Risiko-Verhältnis und grundlos hochgejubelte Aktien auch. Anleger sollten lieber langfristig investieren. Das hat bislang immer noch die beste Rendite erbracht.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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