Jetzt auf die US Wahl reagieren, nicht erst danach!

Stefan Riße

Diese Wahl in den USA unterscheidet sich doch eklatant von denen, die wir in der Vergangenheit gesehen haben. Das liegt vor allem am amtierenden Präsidenten Donald Trump. Das erste Rededuell im Fernsehen zwischen ihm und seinem Herausforderer der Demokraten Joe Biden war ein einziges Chaos. Trump bleibt seiner Linie treu und pfeift auf Konventionen. Das Amt und seine Würde sind ihm egal. Das einzige was zählt, ist der Sieg. Und so unterbrach er seinen Herausforderer immer wieder barsch und lockte ihn auch insofern aus der Reserve, dass dieser sich dazu hinreißen ließ, den Präsidenten einen Clown zu nennen. Auch verändert das Coronavirus und die Maßnahmen zu seiner Eindämmung diese Wahl. Viele werden per Briefwahl ihre Stimme abgeben, und so kann es passieren, dass am Wahlabend der Sieger noch nicht fest steht, sondern es noch Wochen bis dahin dauern kann. Erinnert sei an die Wahl George W. Bush Jun. verus Al Gore.

Was man aus bisherigen Wahlen lernen kann

Wenn diese Wahl denn so anders ist als vorherige, wird dann die Börse ebenfalls anders reagieren? Das glaube ich nicht. Der Satz „Politische Börsen haben kurze Beine“ bleibt auch hier gültig. Das bedeutet am Tag der Wahl, oder – und das kann eben diesmal anders sein – an dem Tag, an dem der Sieger fest steht, ist diese Wahl ein „Fait Accompli“ wie Franzosen sagen,  sprich eine vollendete Tatsache. Will heißen, die Börse wird danach den Weg einschlagen, den sie ohnehin eingeschlagen hätte, und der wird vor allem durch die Notenbanken bestimmt. Erinnert sei an die Wahl im vergangenen Jahr. Die Börse wollte Trump nicht, in der Nacht der Wahl stürzten die Kurse tatsächlich umso mehr ab, je deutlicher sich der ehemalige Bauunternehmer und Reality TV Akteur als Sieger heraus stellte. Doch schon am nächsten Tag dreht der Markt und schoss nach oben.

Trumps Corona Infektion muss sich nicht negativ auswirken

Die Börse wünscht sich Trump, das wurde schon deutlich nach dem ersten TV Duell, aus dem Umfragen zufolge Joe Biden als Sieger hervor ging. Anschließend gingen die Kurse aus Talfahrt. Das gleiche passierte heute Morgen, als die Meldung bekannt wurde, dass Donald Trump und seine Frau mit dem Coronavirus infiziert wurden. Welche inhaltliche Implikationen dies hat, bleibt noch abzuwarten. Es könnte negative haben, weil die Verharmlosung der Pandemie durch Donald Trump hiermit nochmals unterstrichen würde. Denn wenn selbst der Präsident nicht geschützt werden kann, dann kann es wohl nicht so harmlos sein. Auf der anderen Seite könnte er jedoch auch als starker Mann dastehen, wenn er Krankheit schnell abschütteln könnte, wie der brasilianische Präsident Bolsanaro. Praktisch betrachtet ist die Infektion für ihn natürlich schwierig. Denn Wahlkampfveranstaltungen sind entweder nicht möglich, weil er tatsächlich erkrankt, oder weil er, solange er ansteckend ist, natürlich sich nicht unter sein Volk mischen kann.

Joe Biden als Präsident könnte sich längerfristig positiv auf die Märkte auswirken.

Je stärker die Zeichen in Richtung Jo Biden stehen, desto stärker dürften die Aktien bis zum 3. November unter Druck geraten. An dem Tag, an dem Biden dann allerdings als Sieger fest steht, sollten die Kurse wieder den Weg nach oben einschlagen, weil die Notenbanken massive Liquidität in die Märkte pumpen und weil sich – ähnlich wie beim Sieg von Trump – schnell die positiven Effekte eines Präsidenten Joe Bidens in den Mittelpunkt stellen ließen. Die Außenpolitik der USA wie auch die Handelspolitik werden wieder viel kalkulierbarer. Zwar wird Biden den kritischen Kurs gegenüber China nicht komplett zurück drehen, aber es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger konfrontativ. Und das ist den Aktienmärkten allemal lieber. Vor allem Europa wird aufatmen können. Denn Biden dürfte viel mehr versuchen zusammen mit den Europäern ein Bollwerk gegen die wirtschaftliche Ausdehnung Chinas zu errichten, als auch gegen sie zu schießen. Insofern würde ein absehbarer Sieg Bidens die Kurse auf ein attraktives Niveau bringen und die Chance liefern womöglich genau auf dem Wendepunkt nach oben günstig einzusteigen. Hier sollten Börsianer entsprechend auf der Lauer liegen.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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