Kutzers Zwischenruf: Clevere Privatanleger liegen besser als die Masse der Profis

Hermann Kutzer

Es ist schon erstaunlich, zumindest bemerkenswert, wie clever und beweglich sich deutsche Privatanleger inzwischen an der Börse verhalten - offenkundig mit zunehmender Tendenz. Gerade im laufenden Jahr mehren sich die Beobachtungen, dass immer mehr Sparer die Aktie als bessere Alternative zum Bankkonto entdecken. Börsencrash und hohe Volatilität werden nicht mehr als abschreckend empfunden, sondern als Chance genutzt.

Die Verhaltensforscher Goldberg & Goldberg an der Börse Frankfurt loben entsprechend in ihrem Wochenbericht (Stand Mittwochnachmittag), denn sie konnten beobachten, dass professionelle Investoren auf die jüngsten Kurskapriolen mit Rückzug und private mit Aktienkäufen reagierten. Letztere hätten zuvor deutlich mehr Geschick gezeigt: Trotz kräftiger Sprünge in beide Richtungen, auf die beide befragte Anlegergruppen sehr unterschiedlich reagiert haben, steht der Dax auf Vorwochenniveau. Profis sind sowohl aus Long- als auch aus Short-Positionen rausgegangen. Die Bullen haben Stop-Loss-Grenzen gezogen und die Bären Gewinne mitgenommen. Die Privaten sind dagegen in Aktien eingestiegen oder aus den Short-Engagements rausgegangen. Sie hätten geschickter agiert als ihre professionellen Kollegen, findet Verhaltensökonom Joachim Goldberg (ein alter Börsenhase). Die Privatanleger hatten nämlich schon vorher ihre bullischen Positionen deutlich zurückgefahren und vermehrt auf fallende Kurse gesetzt - man war also besser auf einen Dax-Rückgang eingestellt als die institutionellen Pendants. Per Saldo haben sich die Pessimisten der Vorwoche dann in die Schwäche hinein um 180 Grad gedreht  und sind seither bullisch eingestellt.

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Wie kommt das? Ich gehe davon aus, dass immer mehr Sparer dazulernen, motiviert für die Aktienanlage durch die endlose Nullzins-Phase. Dazu kommt, dass auch die Anlageberatung der Banken und Investmentfonds (soweit noch aktiv) qualitativ besser geworden ist - quantitativ nimmt sie in der Breite ja weiter ab. Sicher profitieren Privatanleger vom engagierten Auftreten der Online-Banken, Robo-Advisor und anderer moderner Finanzdienstleister. All das fördert die Weiterentwicklung der ängstlichen Zinssparer zum selbstentscheidenden Anleger.

Einer der engagierten Fondsmanager beklagt in diesen Tagen, dass sich die Mehrheit der Anleger auf mögliche Negativszenarien konzentriert und positive Einflussfaktoren kleingeredet werden. Diese Stimmungslage sei typisch für die frühe Phase eines Bullenmarkts. Und in den aktuellen Schlagzeilen gibt es viele schöne Beispiele für den „Pessimismus des Unglaubens“ zu entdecken. In der frühen Bullenmarkt-Phase liegen negative Nachrichten auf dem Präsentierteller, positive Nachrichten verstecken sich dagegen. Dies sorgt grundsätzlich für gute Rahmenbedingungen und wer diese versteckten Botschaften frühzeitig antizipiert, muss sich später nicht mit dem leidigen Ausspruch „Hätte ich damals bloß investiert!“ auseinandersetzen. Ansichtssache. Mit Blick auf langfristige Investments kann ich das aber unterstreichen. An der Börse sollte man Wenn und Hätte ganz schnell vergessen, ist eine uralte grundsätzliche Empfehlung.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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