Kutzers Zwischenruf: Die Fed ist nicht das Problem

Hermann Kutzer

Ein Lob an die amerikanische Notenbank. Sie handelt verantwortungsbewusst und mit Fingerspitzengefühl. Wichtig dabei: Sie bereitet die sensiblen Finanzmärkte frühzeitig auf ihre nächsten monetären Schritte vor. Deshalb ist die gestern beschlossene Drosselung der Anleihekäufe keine Überraschung mehr für Banken und Börsen. Mit anderen Worten: Das Fragezeichen ist weg, ein Ausrufezeichen nicht erforderlich - es reicht der Punkt.

Wie erwartet hat die Federal Reserve entschieden, das Anleiheankaufprogramm ab Ende des Monats zurückzuführen. Die monatlichen Käufe von aktuell 120 Milliarden Dollar sollen jeden Monat um 15 Milliarden Dollar reduziert werden - 10 Milliarden Dollar in US-Treasuries und 5 Milliarden Dollar in hypothekenbesicherten Papieren. Die Fed begründet den Schritt mit der günstigen ökonomischen Entwicklung, weist aber darauf hin, dass es keinen Automatismus gebe, sollte sich der Ausblick ändern. Die Inflation sei momentan höher als erwartet, jedoch sehen sie die Währungshüter weiterhin als vorübergehend an. Entsprechend weist die Fed explizit darauf hin, dass das wahrscheinliche Ende des Kaufprogramms im Sommer 2022 keinen Hinweis auf Zinsänderungen gebe. Der Markt rechnete mit zwei Zinssteigerungen im kommenden Jahr. Typisch die Stellungnahme von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank: „Da die Fed weiterhin vorsichtig und zurückhaltend bleibt, reagierten die Kapitalmärkte freundlich.“

Und Europa? Bei uns bleibt genug Raum für Spekulationen. Sind die Marktteilnehmer zu optimistisch geworden? Die am Markt eingepreisten Inflationserwartungen für den Euroraum haben zuletzt merklich nachgegeben, registriert Stephan. Laut inflationsindexierten Bundesanleihen wird auf Sicht von zehn Jahren aktuell eine durchschnittliche Preissteigerungsrate von 1,67 Prozent pro Jahr prognostiziert - Ende Oktober waren es noch 1,96 Prozent. Offensichtlich vertrauen die Märkte darauf, dass die erwarteten geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zur Eindämmung der Inflation im Euroraum ausreichen werden. Die Erwartung einer Inflation von nur 1,67 Prozent p.a. in den kommenden Jahren sieht sehr optimistisch aus. Auch von der EZB regelmäßig befragte Experten erwarten eine höhere Preissteigerungsrate.

So oder so, die Zentralbanken auf beiden Seiten des Atlantiks werden immer wieder viel Stoff für (kursrelevante) Diskussionen und Spekulationen liefern. Denn die zur Verfügung gestellte Geldmenge (Liquidität) und der Preis des Geldes (Zins) sind parallel zur fundamentalen Wirtschaftsentwicklung (Unternehmensgewinne) entscheidend für das Börsengeschehen. Sie können bis auf Weiteres gelassen bleiben, geschätzte Anleger, wenn Sie längerfristig auf Aktien setzen und kurzfristige Kursschwächen hinzunehmen bereit sind. Solange die Zentralbanken keine abrupte Wende ihres geldpolitischen Kurses signalisieren, ist auch ein monetär ausgelöster Kurssturz der Aktien unwahrscheinlich.

Nein, mein Sorgenkind hat einen anderen Namen: Corona-Pandemie. Die vierte Welle rollt an. Eine gefährliche Entwicklung - auch für die Börsen!

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
Das könnte Sie auch interessieren
Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

KUTZER LIVE-TV

Kurs zu FEDERAL INTL (2000) Aktie

  • 0,06 EUR
  • +1,27%
27.01.2022, 08:08, Berlin

onvista Analyzer zu FEDERAL INTL (2000)

Für diesen Zeitraum wurden keine Analysen gefunden.
Alle Kolumnen von Hermann Kutzer
alle Artikel anzeigen

Derivate-Wissen

Sie glauben, der Kurs von "FEDERAL INTL (2000)" wird nur moderat steigen?

Mit Call Knock-Out-Zertifikaten können Sie überproportional von steigenden Aktienkursen profitieren.

Erfahren Sie mehr zu Knock-Out-Zertifikaten