Kutzers Zwischenruf: Kurzfristige Zweifel verhindern langfristige Zuversicht

Hermann Kutzer

Die aktuellen Umfragen und Analysen zur Lage der deutschen Wirtschaft sind gewiss nicht übel, aber (noch) nicht ermutigend genug, um der Börse neue Schubkraft zu verleihen. Wer sich als langfristig denkender Aktienfan von den kurz- bis mittelfristigen Zweifeln nicht abschrecken lässt, kann jetzt schwächere Phasen zum weiteren Aufbau seiner Positionen jetzt nutzen. Nur fällt das angesichts der sich wieder zuspitzenden Corona-Krise nicht leicht - erleben wir schon den Anfang einer zweiten Pandemie-Welle, so dass auf die Wirtschaft bald neue Belastungen zukommen?

Immerhin befindet sich unsere Industrie im September weiter auf Erholungskurs, aber mit nachlassendem Tempo. Das zeigt der neue Ifo-Geschäftsklimaindex. Die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen hat sich im laufenden Monat weiter verbessert, doch das Plus war das kleinste seit dem historischen Tief im April. Offen muss bleiben, welche Folgen ein neuer Lockdown hätte.

Mit dem Faktor Zeit, der mich immer wieder beschäftigt, setzen sich auch die Strategen von Grüner Fisher Investments in einer interessanten Betrachtung auseinander, die einen bullischen langfristigen Horizont skizziert: Aktienmärkte bieten langfristig erfolgsversprechende Investitionen, weil der grundlegende Trend zu globalem Wachstum eine schier unaufhaltsame Kraft darstellt. Allerdings braucht es insbesondere in der frühen Bullen-Marktphase Vertrauen in diese Robustheit. Leider tragen typische Schlagzeilen nicht zu dieser Vertrauensbildung bei - es bleibt also den rational agierenden Anlegern vorbehalten, in dieser frühen Phase dabei zu sein. In frühen Bullen-Phasen herrscht der Pessimismus des Unglaubens. Der vorangegangene Bärenmarkt ist in den Köpfen der Anleger immer noch präsent, was auch im Falle der Corona-Krise absolut zutreffend ist. Die viel zitierte zweite Welle sorgt für große Bedenken, dass sich der neu gestartete Aufwärtstrend wirklich nachhaltig und substanziell entwickeln kann. So konzentriert sich die Mehrheit der Anleger auf mögliche Negativszenarien, dagegen werden positive Einflussfaktoren tendenziell kleingeredet.

Es braucht eine gesunde Portion Vertrauen in die globale Wirtschaft, um an eine bessere Welt nach dem schnellsten Bärenmarkt der Geschichte zu glauben - mit oder ohne Corona. Es braucht das Vertrauen in die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft, auch mit gravierenden Problemstellungen umgehen zu können. Eine Eigenschaft, welche die globalen Märkte in ihrer langen Historie immer wieder bewiesen haben. Nur, so fragen die Experten: Wo soll dieses Vertrauen in dieser Phase herkommen?

Wahrscheinlich reichen dafür auch die nächsten Konjunkturberichte nicht aus - zu sehr werden Wirtschaft und Gesellschaft in aller Welt (und inzwischen auch bei uns) von den dramatischen Corona-Zahlen überschattet. Ist für Sie, geschätzte Anleger, der Verzicht auf Aktien keine sinnvolle Lösung? Dann können Sie sich doch Märkten und Themen widmen, die bisher noch kein Bestandteil Ihres Portfolios sind. Beispiel Wasser. Die Medien berichten täglich von den zunehmenden Versorgungsproblemen, denn aufgrund des dritten viel zu trockenen Sommers in Folge rückt das Thema Wasserinvestments fast zwangsläufig in den Anlegerfokus. Senkung des Wasserverbrauchs, Aufbereitung von verschmutztem Wasser oder eine optimale Verteilung sind nur drei Beispiele des facettenreichen Anlagethemas Wasser (am besten über Fonds und ETFs). Auch durch die globale Herausforderung Klimawandel kommt diesem Thema ein bedeutender Stellenwert zu.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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