Mit der Blockchain gegen die Corona-Krise – Kommen bald digitale Wertgutscheine für die Liquiditätsversorgung?

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Mit der Blockchain gegen die Corona-Krise – Kommen bald digitale Wertgutscheine für die Liquiditätsversorgung?

Die Corona-Krise könnte einen kräftigen Schub zur weiteren Digitalisierung der Wirtschaft bewirken. Wenn das Zusammenarbeiten vor Ort eingeschränkt wird, gewinnen digitale Anwendungen an Bedeutung. Als besonders zukunftsträchtig gilt die Blockchain-Technologie. Damit können finanzielle Transaktionen und andere Vorgänge aller Art transparent festgehalten und betrugssicher abgewickelt werden. Die Staatssekretärin im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, Daniela Schmitt (FDP), appellierte kürzlich an die Unternehmen: „Wagen Sie Neues und lassen Sie sich beraten – Blockchain hat Potenziale auch für den Mittelstand.“

Wie schnell sich mit Blockchain-Technik praktische Anwendungen umsetzen lassen, haben am vergangenen Wochenende Mainzer Programmierer beim bundesweiten Hackathon „WirvsVirus“ gezeigt – insgesamt nahmen mehr als 40.000 Menschen an diesem Ideenwettbewerb der Bundesregierung für digitale Lösungen in der Corona-Krise teil. Programmierer der Mainzer Firmen Brainbot Technologies und Anyblock Analytics entwickelten ein System für digitale Wertgutscheine, die vom Bund oder vom Land entweder an alle Bürger oder an besonders von der Krise betroffene Unternehmen ausgegeben werden könnten. Auf diese Weise könnten die angekündigten staatlichen Hilfen unkompliziert zu den Empfängern gelangen, um Liquiditätsprobleme schnell zu überwinden. „Dafür ist die Blockchain perfekt“, sagt Anyblock-Vorstandschef Peter Eulberg.

„Die Regeln, nach denen diese Gutscheine verteilt werden, können frei gestaltet werden“, erklärt Eulberg. „Die Technik ist da. Sobald auch der politische Willen dafür da ist, könnte das System schnell umgesetzt werden.“ Über die Blockchain-Technik wird exakt protokolliert, wer wie viel von dem digitalen Geld erhält, das in dem Projekt als dgE (dezentraler gemeinschaftlicher Euro) bezeichnet wird. Diese Mittel könnten über eine App etwa im Lebensmittel-Einzelhandel eingelöst werden, schließlich bei staatlichen Stellen auch wieder in reale Euro umgetauscht werden.

„Je mehr Parteien beteiligt sind und je öfter ein Gut seinen Status ändert, desto interessanter wird eine Blockchain“, erklärt Eulberg, der Anyblock im Sommer 2018 als Startup auf den Weg gebracht hat, unter anderem mit Mitteln der rheinland-pfälzischen Investitions- und Strukturbank (ISB). Neben digitalen Geldsystemen – bekannteste Blockchain-Anwendung ist die 2008 gestartete Kryptowährung Bitcoin – eigne sich die Technologie besonders für das Supply-Chain-Management, also die Verwaltung komplexer Lieferketten. So lasse sich etwa bei einer Flasche Orangensaft nachvollziehen, wo die dafür verwendeten Orangen gewachsen sind.

In Mainz gebe es drei oder vier Unternehmen, „die bei Blockchain-Technologien groß Gas geben“, sagt Eulberg. Mit konkreten Anwendungen befassen sich auch Unternehmen wie der Energieversorger Pfalzwerke AG. Dort wird die Technik als dezentraler Ansatz geschätzt, „um Daten sicher und direkt auszutauschen, zu verschlüsseln und zu speichern“. Dies eröffne neue Möglichkeiten insbesondere für einen direkteren Austausch zwischen dezentralen Energieerzeugern, darunter auch privaten Betreibern von Photovoltaik-Anlagen, und Verbrauchern.

Das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim nutzt die Technik in den USA für die Nachverfolgung von Medikamenten über die gesamte Lieferkette – auch mit dem Ziel, Patienten vor Fälschungen im Markt zu schützen. Damit werde ein schneller und sicherer Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Beteiligten ermöglicht, erklärt das Unternehmen. Außerdem nutzt Boehringer die Blockchain-Technologie zusammen mit IBM in klinischen Studien in Kanada. Ziel ist es, die Transparenz und das Vertrauen aller Akteure zu erhöhen und so die Patientensicherheit in klinischen Studien zu verbessern. So sollen etwa Fehler bei der Entnahme von Proben weitmöglich ausgeschlossen werden. Die Blockchain biete den Patienten eine größere Transparenz und die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen, erklärt ein Unternehmenssprecher.

„Seit über zwei Jahren hat Mainz eine aktive Blockchain-Community“, erklärt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen, Günter Jertz. Das rege Interesse an der Technik habe sich bei einem ersten „Blockchain-Camp“ der IHK im Herbst 2018 und beim „Wirtschaftsdialog Blockchain 2020“ des Wirtschaftsministeriums gezeigt, die beide restlos ausgebucht gewesen seien. Neben der Finanzwelt nutze insbesondere die Logistikbranche die neuen Technologien, mit denen eine einwandfreie Nachverfolgung von Produkten gewährleistet sei. Auch im Raum Koblenz gebe es viele Unternehmen, die Blockchain-Technologie einsetzten.

Blockchain-Experten wie Eulberg erwarten, dass sich mit der zunehmenden Umsetzung der Technologie auch Änderungen im Wirtschaftssystem ergeben, etwa bei der bisher zentralen Rolle von Banken. Im „Internet der Dinge“ könnten auch Maschinen Verträge schließen und etwa den für ihren Einsatz benötigten Strom bezahlen, erklärt Eulberg und fügt hinzu: „Da beginnen die bisherigen Grenzen zu verschwimmen.“

Die Blockchain macht alle Vorgänge transparent

Blockchain-Systeme stellen eine Plattform bereit, die Informationen und Vorgänge aller Art erfasst und erhebliche Vorteile gegenüber einer traditionellen Datenbank bietet. Die Daten für eine Transaktion werden hier nicht an einem zentralen Ort gespeichert und auf Anfrage von einem Server, also einem leistungsfähigen Computer, bereitgestellt. Eine Blockchain ist wie eine verteilte Datenbank, die auf den Computern aller beteiligten Akteure liegt – damit ist auch Transparenz für alle gewährleistet, und die Daten können nicht von Einzelnen manipuliert werden.

Transaktionen können ganz unterschiedlich sein – von Zahlungsvorgängen über Bestellungen und Lieferungen bis zu Bestandsveränderungen aller Art. Alle Vorgänge lassen sich so nahtlos zurückverfolgen, da mit jedem neuen Vorgang der „Kette“ (chain) von Transaktionen ein „Block“ hinzugefügt wird. Jeder Block bekommt einen eindeutigen Zeitstempel.

Die Blockchain-Technik ist somit ein Instrument, um auch mit Unbekannten Vertrauen herzustellen. Die Möglichkeit von Betrug wird durch das technische Design des Systems nach Ansicht von Experten ausgeschaltet.

Um einen Block vor Manipulation zu schützen, speichert jeder Blick den sogenannten Hashwert des vorangehenden Blocks, das ist eine Zeichenfolge, die gewissermaßen einen Fingerabdruck für einen längeren Datensatz darstellt. Der Versuch, einen Block nachträglich zu ändern, würde beim Vergleich der Hashwerte entlarvt. Zudem ist die Blockchain für große Datenmengen skalierbar – sie kann so viele Vorgänge aufnehmen, wie in der Cloud gespeichert werden können.

Da es keinen zentralen Speicher für die Daten gibt, fehlt eine zentrale Kontrolle. Damit ergeben sich Konsequenzen für traditionelle, hierarchisch aufgebaute Systeme: Es gibt kein Herrschaftswissen, alle Vorgänge sind für alle Beteiligten einsehbar.

Allerdings müssen Blockchains nicht wie bei der Bitcoin-Währung als öffentliche Systeme umgesetzt werden. Es sind auch private Blockchains mit begrenztem Teilnehmerkreis möglich. Dies ist auch aus Datenschutzgründen sinnvoll, etwa bei einer Blockchain mit Vorgängen im Gesundheitssystem. Während die Teilnehmer bei einer öffentlichen Blockchain anonym bleiben können, lassen sich die Teilnehmer in einer privaten Blockchain auch eindeutig identifizieren.

onvista/dpa-AFX

Titelfoto: Production Perig/ Shutterstock.com

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