"Schwarzer Montag" an den Börsen - Virus-Angst und Ölpreiskrieg

Reuters

- von Hakan Ersen und Christina Amann

"Schwarzer Montag" an den Börsen - Virus-Angst und Ölpreiskrieg

Frankfurt (Reuters) - Der Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland und die Coronavirus-Krise versetzen Anleger weltweit in Panik.

Der Dax brach am Montag um 7,9 Prozent ein auf 10.625,02 Punkte, das ist der größte Tagesverlust seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Die Börsianer könnten die Fülle der Hiobs-Botschaften nicht mehr angemessen verarbeiten, sagte Portfoliomanager Thomas Böckelmann vom Vermögensverwalter Euroswitch. "Vielmehr wird der Ur-Fluchtinstinkt geweckt, der mittlerweile skurrile Züge annimmt, ob vor dem Supermarktregal oder an den Börsen." Der EuroStoxx50 büßte ebenfalls 8,4 Prozent ein und schloss mit 2959,07 Zählern so niedrig wie seit Anfang 2019 nicht mehr.

In den USA wurde der Handel kurz nach Beginn ausgesetzt, damit griff eine Regelung, die zur Finanzkrise 2008 eingeführt wurde, um allzu große Kursausschläge zu verhindern. Am Nachmittag lag der Dow 6,4 Prozent im Minus, der S&P sechs Prozent, der Index der Technologiebörse Nasdaq gab 5,3 Prozent nach. In Italien, wo derzeit Millionen Menschen von Quarantänemaßnahmen betroffen sind, brach die Börse um zehn Prozent ein. Der MSCI-Weltindex fiel zeitweise um mehr als fünf Prozent, die weltweiten Aktien verloren Billionen an Wert. "Gegenwärtig bestimmt die blanke Angst die Entwicklung an den Märkten", sagte Etsy Dwek, Chef-Anlagestrategin beim Vermögensverwalter Natixis. Der März dürfte schwierig bleiben. "Allerdings erwarten wir weitere geld- und fiskalpolitische Stimuli in den USA und Europa." Dies werde die Märkte mittelfristig stabilisieren.

Börsianer befürchten, dass der weltweite Ausbruch des Coronavirus eine Rezession auslösen, weil zur Eindämmung der Krankheit Fabriken geschlossen, Reisen abgesagt und Käufe verschoben werden. "Italien, Frankreich und Deutschland stehen voraussichtlich bereits in der Rezession, sei es durch Produktionsausfälle und/oder durch Tourismusrückgänge sowie die Absagen von Großveranstaltungen und Konferenzen. In den USA wird das Wachstum stagnieren", sagte Ulrich Stephan, Chefstratege bei der Deutschen Bank.

DAS ENDE DER ERDÖL-FÖRDERBREMSE

Verschärft wird die Lage durch den Ölpreiskrieg. Am Wochenende hatte Saudi-Arabien als Reaktion auf die russische Blockade einer weiteren Drosselung der Ölförderung Preise gesenkt und eine Ausweitung der Produktion angekündigt. Daraufhin brach der Preis für die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee um bis zu 31,5 Prozent auf 31,02 Dollar je Barrel (159 Liter) ein und steuerte auf den größten Tagesverlust seit dem Golfkrieg 1991 zu. Dem Terminkontrakt auf die US-Sorte WTI drohte mit einem Rückgang von bis zu 33,8 Prozent das größte Minus seiner fast 40-jährigen Geschichte. Der Ölpreiskrieg sei zum nächsten "schwarzen Schwan" an der Börse geworden, sagte Jochen Stanzl, Marktanalyst beim Brokerhaus CMC Markets - mit diesem Begriff bezeichnen Börsianer ein seltenes, unvorhersehbares Ereignis mit großen Auswirkungen.

Viele Ölfirmen sind auf höhere Ölpreise angewiesen, um wirtschaftlich fördern zu können. Entsprechend fielen die Aktien europäischer Ölkonzerne wie BP und Shell um jeweils mehr als ein Fünftel, die Total-Papiere verloren gut 15 Prozent. Der Index für die europäischen Öl- und Gaswerte fiel daraufhin um fast 17 Prozent auf ein 23-Jahres-Tief von 204,36 Punkten. Eine weitere Gefahr drohe von den Schieferöl-Produzenten in den USA, warnte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. Sie seien stark verschuldet und hätten relativ hohe Förderkosten. Schieferöl-Förderer wie Marathon oder Devon verbuchten Kursstürze von mehr als einem Drittel. Ölmultis wie ExxonMobil oder Chevron gehörten mit Rückgängen von neun beziehungsweise gut 13 Prozent zu den größten Verlierern im Dow.

Börsianer befürchten, dass Zahlungsausfälle bei Firmenanleihen Banken in Bedrängnis bringen. Die Papiere der Deutschen Bank brachen um mehr als 13 Prozent ein und waren damit größter Verlierer im Dax, die Commerzbank-Titel kamen auf ein Minus von gut 15 Prozent. In den USA gehörten die Titel von JPMorgan oder Goldman Sachs zu den schwächsten Werten. "Die Institute müssen jetzt um ihre Kredite fürchten, die sie an die Ölindustrie vergeben haben", sagte CMC-Experte Stanzl.


"SICHERE HÄFEN" GEFRAGT - AUSVERKAUF BEI ITALIEN-BONDS

Vor diesem Hintergrund flohen Anleger in "sichere Häfen" wie Gold. Die "Antikrisen-Währung" war mit 1702,56 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) zeitweise so teuer wie zuletzt vor gut sieben Jahren. Allerdings gab der Kurs später nach. Viele Anleger mussten Gold verkaufen, um Verluste an anderen Märkten auszugleichen. Staatsanleihen waren ebenfalls gefragt. Dadurch fielen die Renditen der zehnjährigen Titel aus den USA und Deutschland auf Rekordtiefs von plus 0,318 Prozent und minus 0,909 Prozent. Im hoch verschuldeten Italien stieg die Rendite der zehnjährigen Bonds dagegen auf plus 1,384 von 1,079 Prozent. Zuvor hatte die Regierung in Rom den bei Urlaubern beliebten und wirtschaftlich starken Norden des Landes wegen des Coronavirus praktisch komplett abgeriegelt.

DOLLAR UND ROHSTOFF-WÄHRUNGEN UNTER DRUCK

Am Devisenmarkt fiel der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, auf ein Eineinhalb-Jahres-Tief von 94,65 Prozent. "Es sieht sehr wahrscheinlich aus, dass die Weltwirtschaft in den kommenden Monaten in eine Rezession abgleitet", sagte Rupert Thompson, Investment-Chef bei der Vermögensverwaltung Kingswood. "Die gute Nachricht ist, dass die Behörden reagieren." Investoren rechnen inzwischen damit, dass die US-Notenbank Fed den Leitzins auf ihrer Sitzung in der kommenden Woche um einen weiteren vollen Prozentpunkt senkt. Sie hatte den Zins bereits vergangene Woche überraschend um einen halben Prozentpunkt herabgesetzt. Gleichzeitig wetten sie auf eine Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt durch die Bank von England (BoE) Ende März und auf insgesamt drei Herabsetzungen des Einlagensatzes durch die Europäischen Zentralbank (EZB) bis Oktober.

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27.03.2020, 18:18, Deutsche Bank Indikation
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