Solider Export und maue Produktion - "Rezessionsgefahr steigt"

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- von Klaus Lauer

Berlin (Reuters) - Die deutsche Konjunktur sorgt weiter für Negativ-Schlagzeilen und bewegt sich am Rande der Rezession. Die Exporteure steigerten ihren Umsatz im Juli zwar mit 1,7 Prozent etwas mehr als erwartet.

Allerdings drosselten die deutschen Unternehmen ihre Produktion überraschend kräftig um 2,4 Prozent zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. "Die deutsche Wirtschaft bleibt in der Abwärtsspirale", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "Die Industrieproduktion sackt weiter ab, das leichte Plus bei den Exporten reicht nicht aus, um eine Trendwende einzuläuten." Skeptisch äußerte sich auch Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut: "Mit dem Produktionsminus steigt die ohnehin derzeit erhöhte Gefahr einer Rezession in Deutschland weiter."

Die deutsche Wirtschaft dümpelt derzeit am Rande eines Abschwungs. Nach einem kleinen Wachstum zu Jahresanfang schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni um 0,1 Prozent und bremste auch die Wirtschaft aller 20 Euro-Länder. Für das Gesamtjahr 2024 rechnet auch das DIW-Institut nur noch mit einer Stagnation und senkte seine Konjunkturprognose wie andere Institute zuvor. Im nächsten Jahr dürfte das BIP den Berliner Regierungsberatern zufolge um 0,9 Prozent zulegen. Bisher hatten die DIW-Ökonomen für 2024 rund 0,3 Prozent Wachstum erwartet und plus 1,3 Prozent für das kommende Jahr. Erst 2026 dürfte es mit einem BIP-Anstieg von 1,4 Prozent wieder spürbar bergauf gehen.

INDUSTRIE SCHWÄCHELT - "KEIN LICHT AM ENDE DES TUNNELS"

Während es bei den Dienstleistern, die auf eine zunehmend bessere Kauflaune der Verbraucher setzen, einigermaßen läuft, ist die Industrie derzeit das große Sorgenkind. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im Juli zusammen 2,4 Prozent weniger her. "Der Produktionsrückgang um mehr als neun Prozent gegenüber 2015 spricht eine deutliche Sprache", erläuterte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Bei schwacher Weltkonjunktur und verunsichernder Wirtschaftspolitik bleibe die Lage äußerst angespannt. "Licht am Ende des Tunnels ist auch mit viel Wohlwollen nicht zu erkennen." Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet ebenfalls "kurzfristig nicht mit einer spürbaren Belebung der exportorientierten Industrie" in Deutschland.

Besonders schwer tut sich derzeit die deutsche Autobranche. Der Produktionsrückgang in dem Schlüsselsektor von 8,1 Prozent beeinflusste nach Angaben des Statistikamts das Gesamtergebnis stark negativ. "Die Autoindustrie dürfte das Verarbeitende Gewerbe in der Rezession halten", sagte Analyst Krüger. Die konjunkturellen, aber auch strukturellen Probleme zeigen sich derzeit bei Volkswagen. Europas größter Autobauer schreckt wegen der kritischen Lage nicht vor einem Tabu zurück und schließt nicht mehr aus, deutsche Werke dichtzumachen.

WELTKONJUNKTUR MODERAT - DEUTSCHE EXPORTE MAU

Immerhin starteten die Exporteure mit einem Umsatzplus in die zweite Jahreshälfte und steigerten ihre Ausfuhren auf 130 Milliarden Euro. Zuvor hatte es zwei Rückgänge in Folge gegeben. Doch im Juli fielen etwa die Ausfuhren nach China deutlich um acht Prozent. "Gerade die schwachen Exporte nach China belasten die deutsche Industrie schwerwiegend", sagte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. Auch der Präsident der Exportverbands BGA, Dirk Jandura, betonte: "Die Situation des deutschen Exports bleibt dramatisch."

Die Importe kletterten im Juli um 5,4 Prozent auf 113,2 Milliarden Euro und damit weit kräftiger als erwartet. Dennoch steht nach sieben Monaten bei den Exporten im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 1,1 Prozent zu Buche, bei den Importen sogar ein Minus von 5,1 Prozent. Für 2024 erwartet der BGA einen Exportrückgang von 0,3 Prozent.

Das vom Münchner Ifo-Institut ermittelte Barometer für die Exportwartungen sank im August auf minus 4,8 Punkte, von minus 2,2 Punkten im Juli. "Die Exportwirtschaft fällt als Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft vorerst aus", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe vor kurzem dazu.

Für das Gesamtjahr 2024 haben führende Wirtschaftsinstitute ihre Konjunkturprognosen gesenkt. Neben dem DIW trauen auch das Münchner Ifo und das IWH Halle der Wirtschaft nur noch eine Stagnation zu. Während das Essener RWI immerhin ein Wachstum von 0,1 Prozent erwartet, rechnen die Ökonomen vom Kieler IfW sogar mit einem Schrumpfen von 0,1 Prozent. Auch für 2025 sind die Fachleute durchweg skeptischer als zuletzt.

(Bericht von Klaus Lauer, redigiert von Elke Ahlswede. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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