EZB-Zinssenkungen kommen Schlag auf Schlag: Nächste im Dezember?

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(Reuters) - Angesichts der gebändigten Inflation im Euroraum lockert die EZB rasch die Zinszügel.

Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz wurde am Donnerstag um einen Viertelpunkt auf 3,25 Prozent nach unten gesetzt, nur fünf Wochen nach der vorherigen Senkung. Dass die EZB Zinsen zwei Monate in Folge kappt, hat es so seit 13 Jahren nicht mehr gegeben. Die Währungshüter um Zentralbank-Chefin Christine Lagarde hatten im Juni die Zinswende eingeleitet und im September nachgelegt. Ob das Zinsstakkato im Dezember weitergeht, was viele Investoren angesichts unsicherer Konjunkturaussichten erwarten, ließ die EZB offen: Sie habe "die Tür nicht zu irgendetwas geöffnet", sagte Lagarde vor der Presse.

Es bleibe dabei, dass die Zentralbank Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung treffe, betonte sie auf der Pressekonferenz in Ljubljana, der Hauptstadt von Slowenien, wo der EZB-Rat auf einer Auswärtigen Sitzung tagte. Dort kam laut Lagarde ein einstimmiger Zinsbeschluss zustande. Bundesbankchef Joachim Nagel hatte sich diesen Monat bereits "durchaus offen" für Senkungsüberlegungen gezeigt. Das nächste Ratstreffen, dann wieder in Frankfurt, steht erst am 12. Dezember an.

In der Zwischenzeit kann die Notenbank laut Lagarde noch eine Vielzahl von Daten sichten. All dies werde in die Modelle eingespeist, mit denen die EZB am Jahresende ihre neuen Projektionen zur Konjunktur und Inflation erstelle. Die Notenbank gehe auf Basis der vorliegenden Daten nicht davon aus, dass der Euroraum auf eine Rezession zusteuert. "Die neuesten Daten deuten auf ein schleppendes Wachstum hin", sagte die Französin.

Die Inflation dürfte nach Einschätzung der EZB in den kommenden Monaten wieder anziehen, bevor sie im Laufe des nächsten Jahres dann wieder auf den Zielwert der Notenbank von zwei Prozent zurückgeht. Im September war die Teuerung im Euroraum auf 1,7 Prozent gesunken. Diese Nachricht flatterte den Währungshütern nur wenige Stunden vor dem Zinsentscheid auf den Tisch: Dass die Teuerung noch einen Tick niedriger als zunächst gemeldet ausgefallen sei, habe die EZB-Spitze ein wenig verblüfft, räumte Lagarde mit Blick auf eine frühere Schätzung von 1,8 Prozent ein.

"Die EZB hat geliefert", sagte LBBW-Experte Jens-Oliver Niklasch zur erneuten Zinssenkung. Die niedrigere Inflation spiele ihr dabei ebenso in die Hände wie die rückläufigen Konjunkturindikatoren: "Da die Finanzierungskonditionen nach wie vor restriktiv sind, bleiben weitere Lockerungen angezeigt. Die nächste Senkung dürfte im Dezember beschlossen werden"

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) nannte die Entscheidung der EZB folgerichtig angesichts einer Inflationsrate unter zwei Prozent und schwacher Konjunkturaussichten. Dennoch sei der Schritt nicht ganz ohne Risiko, so die Einschätzung des früheren EZB-Direktors. Denn zuletzt war die Inflation vor allem wegen der stark fallenden Energiepreise gesunken: "Angesichts der Eskalation im Nahen Osten könnte es damit nun vorbei sein." Gleichzeitig sei die Inflation im Dienstleistungsbereich weiter zu hoch. Die EZB müsse nun genau beobachten, ob vor allem die Löhne den Erwartungen entsprechend weniger stark steigen werden.

EZB HAT RISIKEN AUF DEM RADAR

Die EZB hat dies durchaus auf dem Radar: Der Preisanstieg könnte aus ihrer Sicht höher ausfallen als erwartet, wenn Löhne oder Gewinne stärker anziehen sollten als erwartet. Demnach ergeben sich Aufwärtsrisiken für die Inflation auch aus den verschärften geopolitischen Spannungen, die kurzfristig die Energiepreise und Frachtkosten in die Höhe treiben und den Welthandel stören könnten.

Anzeichen für eine Eintrübung der Konjunktur im Euroraum gibt es bereits: So signalisierte mit dem Einkaufsmanagerindex von S&P Global zuletzt ein wichtiger Frühindikator eine einsetzende Talfahrt. Als Alarmzeichen gilt dabei, dass es mit der Wirtschaftskraft in allen drei großen Volkswirtschaften - Deutschland, Frankreich und Italien - gleichzeitig bergab ging. Deutschland steckt bereits in einer Wirtschaftskrise und macht 2024 wohl das zweite Rezessionsjahr in Folge durch, wenn die Bundesregierung mit ihrer Projektion richtig liegt.

(Reuters-EZB-Team, geschrieben von Reinhard Becker, Klaus Lauer, Rene Wagner, Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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