Die Berichtssaison wird zur Zitterpartie
Der Technologieindex Nasdaq 100 hinkt dem Gesamtmarkt bereits seit drei Monaten hinterher. Hauptgrund ist die fehlende Kursdynamik der "glorreichen Sieben": Nvidia, Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta Platforms und Tesla. Umso wichtiger wird, was die Tech-Riesen jetzt berichten.

Dieser Text ist eine Ausgabe der Kolumne „The Pulse“ von US-Korrespondent Christoph Gisiger in Los Angeles über Tech und US-Markt, die mittwochs beim digitalen Finanzmagazin The Market NZZ erscheint.
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Der US-Leitindex S&P 500 verzeichnet seit Anfang des Jahres ein beachtliches Plus von mehr als 20 Prozent. Gemäß Jim Reid, dem Marktstrategen der Deutschen Bank, ist das die beste Wertentwicklung für den US-Leitindex zu diesem Zeitpunkt im Jahresverlauf seit 2000. Besser auf Kurs waren amerikanische Aktien letztmals 1997.

"Abgesehen von den Einflüssen aus dem makroökonomischen Umfeld, von der Innenpolitik und von der Geopolitik wird die US-Berichtssaison im Mittelpunkt stehen", meint Reid hinsichtlich der weiteren Perspektiven an den Börsen.
"The Pulse" wagt in der heutigen Ausgabe deshalb einen Ausblick auf die anstehenden Unternehmensabschlüsse, die diesen Monat aus Corporate America eintreffen.
Die Dynamik lässt nach
Die Begeisterung für das Anlagethema künstliche Intelligenz (KI) ist zuletzt zwar wieder etwas aufgeflammt, die große Story im dritten Quartal war jedoch die schwache Wertentwicklung von Big Tech – genauer gesagt der "glorreichen Sieben", auch "Magnificent Seven" oder kurz "Mag 7" genannt.
Der elitäre Club, zu dem Apple, Microsoft, Nvidia, Alphabet, Amazon, Meta Platforms und Tesla zählen, war seit Anfang 2023 hauptsächlich für die erfreuliche Entwicklung der amerikanischen Aktienmärkte verantwortlich. Seit der letzten Berichtssaison hat die Dynamik der sieben Superstars allerdings spürbar nachgelassen.

Nvidia, das Paradebeispiel für den KI-Hype, hat das jüngste Höchst bereits Mitte Juni markiert und bewegt sich seither unter großen Schwankungen seitwärts. Im Fall von Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Tesla datiert die letzte Bestmarke auf die ersten Wochen im Juli. Nur die Aktien von Meta konnten seither weiter vordringen und haben erst Mitte Oktober ein neues Allzeithoch erreicht.

Dass der Schwung auch sonst etwas verlorengegangen ist, zeigt die Entwicklung nach Branchen. Aktien aus dem Bereich Rüstungstechnologie rückten angesichts der explosiven Lage im Nahen Osten in den vergangenen Monaten weiter vor. Ansprechend konnten sich zudem Aktien aus dem Biotech-Sektor halten. Im Gegensatz dazu ist es in der Halbleiterindustrie zu einer gewissen Konsolidierung gekommen. Insgesamt hinkt das Technologiebarometer Nasdaq 100 dem Gesamtmarkt schon seit Mitte Juli hinterher.

Umso wichtiger wird, was die sieben Tech-Riesen in den kommenden Tagen zu den Aussichten auf den Geschäftsverlauf sagen. Den Auftakt zur Berichtssaison machten an der Wall Street am ersten Freitag im Oktober die Großbanken JPMorgan und Wells Fargo. Die Quartalsgewinne beider Banken sanken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, aber nicht so stark wie erwartet. Die Kurse beider Titel stiegen in der Folge deutlich an.
Die ersten Abschlüsse aus dem Tech-Sektor gab es vergangene Woche, als Netflix, der niederländische Halbleiterausrüster ASML und die taiwanische Chipschmiede TSMC Zahlen vorlegten.
Richtig in Gang kommt die Saison der Unternehmensabschlüsse ab dieser Woche mit den Geschäftsberichten von SAP, Alphabet, Texas Instruments, Tesla, IBM und Intel. In der darauffolgenden Woche steht dann der Höhepunkt mit den Quartalszahlen von Apple, Microsoft, Amazon, Meta und Samsung Electronics an.

Die Zinsen ziehen erneut an
Wie Investoren die Zahlen aus dem Tech-Sektor aufnehmen werden, hängt unter anderem von der konjunkturellen Großwetterlage und der Grundstimmung an den Märkten ab. Zu den positiven Faktoren in dieser Hinsicht zählt, dass sich die Inflation weiterhin rasch zurückbildet.
Dazu passt, dass die Inflation für amerikanische Konzerne in letzter Zeit etwas weniger problematisch erscheint. Gemäß dem Researchdienst FactSet hatten vor zwei Jahren mehr als 400 Unternehmen aus dem S&P 500 bei den Quartalsberichten höhere Preise für Güter und Dienstleistungen angesprochen. Im ersten Halbjahr 2024 waren es noch etwas mehr als 225.
Ob dieser freundliche Trend anhält, dürfte nicht zuletzt von den Energiepreisen und damit von der Entwicklung im Nahen Osten abhängen. Die Hoffnung auf eine weiche Landung, bei der die Inflation weiter abklingt und die US-Wirtschaft eine Rezession vermeidet, hat sich Anfang des Monats durch überraschend solide Daten zum Arbeitsmarkt verstärkt. Im September wurden 254.000 neue Stellen geschaffen, wogegen der Konsens mit 150.000 gerechnet hatte. Die Arbeitslosenquote hat sich von 4,2 auf 4,1 Prozent verringert.
Dass die Zuversicht zu den Konjunkturaussichten zunimmt, reflektiert sich am Bondmarkt. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen ist zurück auf über vier Prozent geklettert, nachdem sie Mitte September auf annähernd 3,6 Prozent gesunken war. Auch der Dollar tendiert fester (siehe Chart unten).
Damit kommen neue Fragen auf, in welchem Umfang die US-Notenbank Federal Reserve den Kurs der Geldpolitik künftig adjustieren wird. Sie dürfte den Leitzins voraussichtlich weiter senken, aber möglicherweise weniger energisch. Im Terminhandel wird inzwischen fest damit gerechnet, dass es beim nächsten Fed-Entscheid vom 7. November nur noch zu einem Zinsschritt von 25 statt 50 Basispunkten kommt. Auch für weitere Lockerungen indizieren die Futures-Märkte einen weniger steilen Pfad als noch vor wenigen Wochen.

Das Gewinnwachstum verlangsamt sich
Die forsche Haltung der US-Notenbank bei der Bekämpfung der Inflation hat Aktien aus dem Tech-Sektor in den vergangenen anderthalb Jahren nicht geschadet. Andererseits zündete die Aussicht auf Zinssenkungen ab Ende Oktober 2023 die kräftige Rally im Sektor, die bis zum Hochsommer anhielt.
Sollten die Zinsen weniger rasch sinken als erhofft, müssen für weitere Kursavancen die Fundamentaldaten stimmen. In den vergangenen Quartalen haben zwei Faktoren die Gewinnentwicklung von Tech-Konzernen gefördert: Erstens der positive Basiseffekt auf das Wachstum nach dem Abschwung im Jahr 2022. Zweitens höhere Margen durch Kosteneinsparungen.
Gemäß dem Datendienst LSEG erwarten Analysten, dass die Gewinne in der IT-Industrie im dritten Quartal um rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Für das vierte Quartal gehen sie für eine Zunahme in der gleichen Grössenordnung aus. Das ist durchaus respektabel, impliziert allerdings eine deutliche Verlangsamung des Gewinnwachstums im Vergleich zu den vergangenen neun Monaten.

Besonders wichtig wird deshalb, wie die Unternehmen bei der Präsentation der Quartalszahlen den Ausblick bis Ende des Jahres und darüber hinaus einschätzen. Der Analystenkonsens geht für das kommende Jahr mit einem weiterhin überdurchschnittlichen Umsatzwachstum von über zwölf Prozent aus, wobei sich Profitabilität und Gewinn im historischen Vergleich noch deutlich besser entwickeln sollen.

Wie bisher kommt den "glorreichen Sieben" dabei eine Schlüsselrolle zu. Gemäß einer Analyse von Morgan Stanley waren die "Mag 7" in den vergangenen Quartalen praktisch für das gesamte Gewinnwachstum im S&P 500 verantwortlich und dürften bis auf Weiteres einen überragenden Beitrag dazu leisten.

Bemerkenswert ist, dass die Zuversicht für die operative Entwicklung der sieben Tech-Riesen in den vergangenen Wochen zugenommen hat. "Die Schätzungen zu den Konzerngewinnen für 2024 und 2025 wurden bei den Mag 7 wesentlich deutlicher nach oben revidiert als bei den restlichen 493 Unternehmen im S&P 500 insgesamt", halten die Strategen der US-Investmentbank fest.
Ähnlich sieht das Bild bei den Gewinnschätzungen für nächstes Jahr aus (Chart unten).

Heizt sich der KI-Boom erneut auf?
Wie realistisch diese Annahmen sind, hängt primär von einer Frage ab: Werden sich die immensen Investitionen in generative künstliche Intelligenz und große Sprachmodelle wie ChatGPT allmählich im Umsatz und Gewinn von Konzernen aus dem gesamten Tech-Sektor niederschlagen?
Klar ist, dass KI auch diese Berichtssaison die Präsentationen der Unternehmen dominieren wird. Gemäß Factset haben jeweils mehr als 200 Konzerne aus dem S&P 500 beim Abschluss zu den letzten beiden Quartalen über "Artificial Intelligence" beziehungsweise AI gesprochen. Das dürfte in den kommenden Wochen kaum anders sein.

Wie groß das Interesse an der Technologie ist, verdeutlicht die jüngste Finanzierungsrunde von OpenAI. Das Start-up hinter ChatGPT hat Anfang Oktober eine Rekordsumme von 6,6 Milliarden Dollar zu einer Bewertung von 157 Milliarden Dollar aufgenommen. Zusammen mit Venture-Capital-Firmen wie Thrive Capital und Altimeter Capital zählten Microsoft, Nvidia und Softbank zu den größten Investoren.
Dass Aktien wie Nvidia und Broadcom in den vergangenen Tagen erneut an Momentum gewannen, hat denn auch mit Nachrichten zum Thema künstliche Intelligenz zu tun. Der Auftragsproduzent Foxconn sprach am Dienstag im Zusammenhang mit einer neuen Fabrik zur Montage von Elektronikkomponenten in Mexiko von einer "riesigen Nachfrage" nach Nvidias nächster Generation von KI-Chips. Zudem meldete der Serverhersteller Super Micro Computer am Montag, dass er derzeit pro Quartal mehr als 100.000 KI-Chips mit Lösungen zur Flüssigkühlung ausliefere.
Nvidia präsentiert die Quartalszahlen erst Ende November. Der wichtigste Indikator zur Entwicklung des KI-Booms ist deshalb, was Microsoft, Alphabet, Meta Platforms und Amazon zu ihren Kapitalausgaben sagen. Bisher haben sie die Prognosen zu den Investitionen in die IT-Infrastruktur jede Berichtssaison erhöht. Analysten gehen davon aus, dass es im dritten Quartal insgesamt 55 Milliarden Dollar waren, nach knapp 53 Millarden Dollar im zweiten Quartal. Für die letzten drei Monate in diesem Jahr wird mit deutlich mehr als 58 Millarden Dollar gerechnet.

Auffällig ist indes, dass sich das Narrativ verändert hat. Zunächst hatten Microsoft, Alphabet & Co. ihre massiven Investitionen mit der Aussicht auf rasches Wachstum dank neuen KI-Diensten begründet. Da größere Einnahmen bisher aber ausgeblieben sind, wichen die Branchenriesen zuletzt auf das Argument aus, angesichts des enormen Potenzials der Technologie lieber zu viel zu investieren, als im Wettlauf gegen die Konkurrenz abgehängt zu werden.
Wenig Toleranz für Enttäuschungen
Entscheidend werden deshalb Anhaltspunkte sein, ob der KI-Boom endlich an Breite gewinnt und sich nicht mehr nur auf eine Handvoll Unternehmen konzentriert, die von den präzedenzlosen Investitionen in Computerchips, Rechenzentren und andere Infrastruktur profitieren.
Anzeichen dafür, dass Investoren diesbezüglich allmählich ungeduldig werden, gab es in der letzten Berichtssaison. Von den "glorreichen Sieben" konnte damals nur Meta Platforms mit den operativen Kennzahlen überzeugen, was wohl der Grund für die mehrheitlich durchwachsene Kursentwicklung der restlichen sechs Schwergewichte ist. Selbst der phänomenale Abschluss von Nvidia ist Ende August auf eine negative Reaktion gestossen.
Abgesehen von den Investitionen in künstliche Intelligenz gestaltet sich das Umfeld für die meisten Tech-Konzerne zudem weiterhin schwierig. Die Erholung des PC-Markts bleibt schleppend, Hoffnungen auf eine nennenswerte Belebung dank KI-optimierten Geräten haben sich vorerst verflüchtigt. Der mässige Verkaufsstart der neusten iPhone-Generation von Apple legt ähnliche Schlussfolgerungen für das Smartphone-Geschäft nahe.
Vor diesem Hintergrund bewegen sich die Bewertungen auf einem stolzen Niveau. Wie diese Grafik des Aktienresearch von Bank of America illustriert, war das Verhältnis von Umsatz zu Unternehmenswert im Tech-Sektor nicht einmal auf dem Zenit der Internetblase von 1999/2000 so hoch wie heute.
Auch im Vergleich mit anderen Sektoren sind Aktien von Tech-Konzernen alles andere als günstig. Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis 28. Beim S&P 500, der historisch gesehen selber zu einer stattlichen Prämie bewertet ist, beläuft es sich auf 23.

Unter diesen Voraussetzungen ist die Toleranz für Enttäuschungen gering. "Die Messlatte liegt hoch", meint dazu Scott Chronert, Aktienstratege bei Citigroup. "Unser Bewertungsmodell zum erwarteten Wachstum lässt insgesamt wenig Spielraum für Fehltritte", fügt er hinzu.
Für die "glorreichen Sieben" und die amerikanischen Börsen generell werden die kommenden Wochen damit zum wichtigsten Test, seit der Boom im Bereich künstliche Intelligenz vor bald zwei Jahren begonnen hat.

Dieser Text ist eine Ausgabe der Kolumne „The Pulse“ von US-Korrespondent Christoph Gisiger in Los Angeles über Tech und US-Markt, die mittwochs beim digitalen Finanzmagazin The Market NZZ erscheint.
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