OECD: Deutschland bei Pisa-Test für Erwachsene im oberen Mittelfeld

Berlin (Reuters) - Erwachsene in Deutschland haben eine höhere Kompetenz beim Lesen, bei Alltagsmathematik und beim Problemlösen als der Durchschnitt in anderen Industriestaaten.
Dies geht aus der neuen Piaac-Studie hervor ("Pisa für Erwachsene"), die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag vorstellte. Demnach haben sich in Deutschland die Durchschnittsergebnisse bei Lese- und alltagsmathematischer Kompetenz 2022/2023 gegenüber 2011/2012 kaum verändert. Allerdings verstärkte sich hier jeweils das Gefälle zwischen den leistungsstärksten und den -schwächsten Erwachsenen.
An der Erhebung nahmen 2022/2023 rund 160.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in 31 Industriestaaten und Volkswirtschaften teil. Deutschland nahm 2022/2023 mit fast 4800 Menschen zum zweiten Mal nach 2011/2012 teil und lag in den drei Kategorien jeweils im oberen Mittelfeld über dem OECD-Schnitt. "Finnland, Japan, die Niederlande, Norwegen und Schweden sind in allen drei Bereichen die Länder mit der besten Leistung", erklärte die OECD. Die skandinavischen Länder hätten neben guter Grundbildung in der Schule auch ein offenes und gutes Weiterbildungssystem, sagte OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. "Da muss Deutschland noch weiter dran arbeiten."
Die Studie bescheinige gute Entwicklungen, zeige aber auch auf, "wo wir noch besser werden müssen", sagte der neue Bundesbildungsminister Cem Özdemir. Es müsse darum gehen, allen Menschen die gleichen Entwicklungschancen im weiteren Leben zu ermöglichen. "Denn der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Grundkompetenzen besteht auch im Erwachsenenalter fort." Die soziale Benachteiligung begleite Erwachsene beim Kompetenzerwerb ein Leben lang. "Wir müssen verstärkt auch Erwachsenen neue Bildungschancen eröffnen und sie darin unterstützen, ihre Grundbildung zu verbessern."
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Christine Streichert-Clivot, erklärte, das deutsche Bildungssystem lege erfolgreich den Grundstein für Beschäftigungsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. "Angesichts des dynamischen Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft brauchen wir lebenslanges Lernen für alle", sagte die saarländische Bildungsministerin.
RUND EIN FÜNFTEL ALLER ERWACHSENEN SIND "LOW PERFORMER"
Fast ein Fünftel der Erwachsenen gilt im OECD-Schnitt als leistungsschwach und erreicht in allen drei Bereichen das unterste Niveau oder liegt darunter. Dieser Anteil reicht von sieben Prozent in Japan über rund 16 Prozent in Deutschland bis zu 44 Prozent in Chile.
In allen Ländern wird ein höherer Bildungsabschluss mit besseren Leistungen in Lesekompetenz, alltagsmathematischer Kompetenz und bei der Analysefähigkeit verbunden. Dies gilt aber nicht im Ländervergleich. "Beispielsweise erbrachten Erwachsene mit einem Abschluss des Sekundarbereichs II in Deutschland in Lesekompetenz bessere Leistungen als Erwachsene mit Tertiärabschluss in Chile." Schleicher betonte jedoch: "Jemand in Finnland mit Schulabschluss hat ein ähnliches Kompetenzniveau wie in Deutschland jemand mit Universitätsabschluss." Offizielle Qualifikationen seien daher - auch innerhalb der Länder - nicht mit Kompetenzen gleichzusetzen. So könnten sich in Deutschland viele Menschen mit Sekundarabschluss II oder mit beruflichen Abschlüssen durchaus mit Akademikern messen.
Der Abstand zwischen den Leistungsstärksten und -schwächsten ist in Deutschland vergleichsweise sehr hoch, am höchsten allerdings in den USA, Singapur und Neuseeland.
Im OECD-Schnitt erzielten Frauen höhere Ergebnisse beim Lesen, während Männer bei Alltagsmathe und beim Problemlösen besser abschnitten. Dies gilt auch für Deutschland, wobei es bei Analysefähigkeiten kaum Unterschiede gab.
In puncto Migration zeigte sich, dass fast überall im Ausland geborene Personen durchschnittlich geringere Grundkompetenzen hatten als im Inland geborene Personen. In Deutschland wie im OECD-Schnitt hat jemand mit hohen Rechenkompetenzen viel bessere Beschäftigungschancen als Erwachsene mit den geringsten Kompetenzen. Zugleich gilt, dass Menschen mit hoher Kompetenz wahrscheinlich im Leben zufriedener und gesünder sind als Erwachsene mit geringeren Kompetenzen.
(Bericht von Klaus Lauer; redigiert von Christian Rüttger Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)