Commerzbank sieht sich als Opfer im Wirecard-Skandal

Reuters

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Im milliardenschweren Bilanzskandal beim zusammengebrochenen Zahlungsabwickler Wirecard sieht sich auch die Commerzbank als Geschädigter.

"Die Commerzbank ist, wie viele andere, Opfer eines in dieser Dimension unvorstellbaren Betruges geworden", sagte Risikochef Marcus Chromik am Donnerstag vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin. In den vergangenen Wochen hatten bereits Wirtschaftsprüfer und Berater die alleinige Schuld dem Wirecard-Management gegeben. Abgeordnete des Bundestages sagten, die Banken hätten bei der Kreditvergabe an Wirecard aber deutlich kritischer sein müssen.

Chromik sagte, ein solcher Betrug bei einem Dax-Unternehmen sei unvorstellbar gewesen. "Kreditausfälle gehören leider zum Geschäft von Banken." Trotzdem seien sie in jedem Einzelfall ärgerlich und würden genau unter die Lupe genommen. Im Falle von Wirecard sei innerhalb der Commerzbank aber "sorgfältig" geprüft worden. Man habe sich allerdings auf Testate des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young (EY) verlassen sowie auf Aussagen des Managements über die wirtschaftliche Entwicklung. "Auffälligkeiten haben sich bei der Analyse der wirtschaftlichen Daten nicht ergeben und es gab keine Hinweise auf eine fehlerhafte Rechnungslegung oder Gesetzesverstöße", so Chromik.

Die in der Finanzkrise teilverstaatlichte Commerzbank steht besonders im Fokus, weil sie einen Konsortialkredit für Wirecard im Volumen von 1,75 Milliarden Euro anführte. Die Kreditlinie wurde 2018 aufgestockt und verlängert, als es bereits zahlreiche Berichte in Medien über Bilanzunregelmäßigkeiten gegeben hatte. Die BayernLB hatte sich damals aus dem Konsortium zurückgezogen.

"SCHLÜSSEL FÜR TRESOR IM TRESORRAUM GELASSEN"

FDP-Politiker Florian Toncar sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die BayernLB habe damit gezeigt, dass man Warnsignale auch richtig habe deuten können. "Das müssen sich die anderen Banken, aber auch EY und die Finanzaufsicht BaFin vorhalten lassen." Erschreckend sei, wie der Kredit 2018 sogar zugusten von Wirecard modifiziert worden sei. "Im Grunde haben die Konsortialbanken den Schlüssel zum Tresor im Tresorraum liegen lassen."

Auch Grünen-Finanzexperte Danyal Bayaz sagte, die BayernLB zeige, dass ein unverständliches Geschäftsmodell wie im Falle Wirecard und Widersprüche in der Bilanz einen gründlicheren Blick wert gewesen wären. Am Donnerstag sollen noch Ex-Commerzbank-Chef Martin Zielke und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing vor dem U-Ausschuss aussagen.

Wirecard war im Juni 2020 nach Bekanntwerden von milliardenschweren Luftbuchungen in die Pleite gerutscht. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Bilanzfälschung, Betrug, Marktmanipulation und Geldwäsche. Es ist einer der größten Finanzskandale der Nachkriegszeit. Im Visier sind dabei vor allem Ex-Vorstandschef Markus Braun und weitere Manager des Zahlungsabwicklers. Durch die Insolvenz musste die Commerzbank 175 Millionen Euro abschreiben.

Thema im Untersuchungsausschuss waren auch die Aktien-Analysen der Commerzbank. Am Donnerstag zog das Frankfurter Geldhaus Konsequenzen aus dem Verhalten ihrer Analystin Heike Pauls, die die Wirecard-Aktie bis zuletzt mit einem Kursziel von 230 Euro zum Kauf empfohlen hatte. Berichte in der "Financial Times" über Bilanzungereimtheiten bei Wirecard hatte sie als "Fake News" - also Falschmeldungen - bezeichnet. In einer Mitteilung der Bank an Kunden hieß es, das Research für Aktien aus den Sektoren Telekommunikation und Medien werde zeitweise ausgesetzt. Für diesen Bereich war Pauls zuständig. Das Schreiben, über das der "Spiegel" zuerst berichtet hatte, lag Reuters vor. Ein Sprecher der Bank erklärte, das Research von Banken sei grundsätzlich unabhängig, die Meinung von Analysten müsse nicht die Hausmeinung widerspiegeln.

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