Das falsche Narrativ um Wallstreetbets und was wirklich schiefläuft

Bernd Schmid
Das falsche Narrativ um Wallstreetbets und was wirklich schiefläuft

Seit der letzten Woche macht eine größere Gruppe wohl meist junger Leute unter dem Stichwort Wallstreetbets gehörig Schlagzeilen. Die in einem Reddit-Diskussionsforum entstandene Gruppe möchte mit ihren Wetten auf bestimmte, ausgemachte Aktien wie Gamestop es den großen und mächtigen Jungs an der Wall Street so richtig heimzahlen. Vor allem den sogenannten Leerverkäufern, die ihr Geld mit Wetten auf sinkende Aktien verdienen.

Das Narrativ

Das scheint auch gelungen zu sein, folgt man der Berichterstattung einiger Medien. Zumindest bis Robinhood und andere Broker auf einmal das Eingehen neuer Positionen in den anvisierten Aktien nicht mehr erlaubten. Und es soll noch weitergegangen sein: Robinhood soll die Gamestop-Aktie bei einigen Nutzern der App ohne deren Einwilligung aus dem Depot verkauft haben!

Damit soll Robinhood den großen Jungs an der Wallstreet geholfen haben, ihren Schaden in Grenzen zu halten. So nehme ich zumindest das aktuell gängige und ziemlich starke Narrativ wahr:

-Leerverkäufer sind schädlich für den Markt und die Gesellschaft.

-Es ist nur gut, wenn man diesen Akteuren schadet.

-Die Big Guys an der Wall Street haben ihren Einfluss gegen die Kleinen (wieder einmal) ausgenutzt.

Endlich schaffen es die Kleinen, sich gegen die Mächtigen zu erheben ‒ und haben gute Gewinnaussichten! Dieses Narrativ klingt verlockend. Vom Grundgedanken her ist es sicher auch nicht ganz falsch. Trotzdem ist es zu einfach gestrickt und hat einige schwerwiegende Mängel.

Was falsch ist an dem Narrativ

Leerverkäufer sind nicht böse und schaden nicht dem Markt und erst recht nicht der Gesellschaft

Warum das so ist, habe ich vor zwei Jahren in meinem Plädoyer für Leerverkäufer ausführlicher ausgeführt. Die Quintessenz ist, dass es natürlich unethische Leerverkäufer mit schlechten Absichten gibt. Aber es gibt noch viel mehr unethische Unternehmenslenker, die mit ihren Praktiken viel mehr Menschen schaden.

Um das zu sehen, muss man nur einen Blick auf die Erfolgsgeschichten von Menschen wie Marc Cohodes, Jim Chanos, Carson Block oder Gabrial Grego werfen. Die Anzahl an betrügerischen Unternehmen, die alleine diese vier „auf dem Gewissen“ haben, ist schon beachtlich. Ohne Leerverkäufer wie diese würden Geschichten wie die von Wirecard noch viel länger gehen und noch viel mehr Menschen schaden!

Und der Schaden beschränkt sich nicht auf das Finanzielle. Einige der von diesen Menschen identifizierten Unternehmen haben Menschenleben auf dem Gewissen. Man schaue sich nur den aktuellen Fall Penumbra an. Das ist ein solcher Fall laut Cohodes und Grego, der noch immer andauert und den zu beenden diese beiden alles dransetzen.

Alleine aus diesem Grund werden Leerverkäufer zu Unrecht verteufelt. Sie helfen einmal dem Markt, effizienter zu werden. Aber sie helfen in ihrer Gesamtheit eben auch der Gesellschaft ‒ indem sie oft größeren Schaden an dieser verhindern.

Es sind nicht nur die Kleinen, die von Wallstreetbets profitieren

Ich denke, es ist naiv zu glauben, dass von dieser gefühlten Revolution Davids gegen Goliath hauptsächlich die Kleinen profitieren. Dafür sind die Großen viel zu geldgierig.

Diese verstehen genau, was vor sich geht. Die einen oder anderen (wenigen) der großen Hedgefonds sind sicherlich um Schadensbegrenzung bemüht. Nicht wenige andere Profis dürften sich das Phänomen hingegen zunutze machen und reiten sogar auf der Welle mit. Und wahrscheinlich nicht nur das, einige dürften sogar Frontrunning betreiben und damit den Kleinen am Ende sogar schaden.

Es sind nicht nur die Großen, denen Wallstreetbets schadet

Ich habe das an meinem eigenen Portfolio zu spüren bekommen. Und ich bin garantiert keiner der Großen. Das spektakuläre Kursfeuerwerk von Gamestop hat andere Aktien ebenso irrational in die Höhe getrieben. Insbesondere diejenigen, die es als Letztes verdient haben.

Zum Beispiel die oben erwähnte Aktie von Penumbra, dessen Unternehmen wohl Menschenleben auf dem Gewissen hat. Oder die Aktie von GSX Techedu, deren Nutzer und Umsätze meiner Meinung nach größtenteils Fake sind. Beide Aktien stiegen an dem besagten Tag teilweise um weitere 30 % und mehr.

Das dürfte daran gelegen haben, dass andere Leerverkäufer erkannt haben, welches kurzfristige Risiko Wallstreetbets verkörpert. Dadurch wurden genau solche ‒ aus meiner Sicht zu Recht am Pranger stehende ‒ Aktien überdurchschnittlich in die Höhe getrieben.

Viele Leerverkäufer dürften genau wie ich dadurch größere Verluste erlitten haben. Bleibt nur zu hoffen, dass es betrügerische Firmen nicht schaffen, diese Welle zu nutzen, um Kapital einzusammeln ‒ und dadurch potenziell noch mehr Schaden anrichten.

Das Handelsverbot von Robinhood & Co könnte ganz andere, viel schwerwiegendere Gründe haben

Warum haben Robinhood und Co den Handel von Gamestop und anderen betroffenen Aktien so stark eingeschränkt? Geschah das wirklich auf Druck der Mächtigen an der Wallstreet? Es wäre plausibel, denn immerhin sind das die eigentlichen Kunden von Robinhood, nicht die Nutzer.

Es gibt jedoch noch eine andere Erklärung, die mindestens ebenso plausibel ist. Vor allem, da nicht nur Privatanleger, sondern auch Hedgefonds von den Handelsbeschränkungen betroffen waren. Der Grund bzw. der Auslöser für diese Handelsbeschränkungen können demnach die Margin-Konten gewesen sein, die viele Robinhood-Nutzer und Hedgefonds sowieso haben.

Ein Margin-Konto erlaubt, vereinfacht gesagt, nichts anderes, als dass der Kontoinhaber mit mehr Aktien handeln kann, als er eigentlich Geld zur Verfügung stellt.

Irgendwo muss dieses Geld jedoch herkommen bzw. irgendwer muss dafür geradestehen, dass dieses Geld noch irgendwo herkommt. Es scheint daher wahrscheinlich, dass die sogenannten Abrechnungsstellen (die am Ende dafür sorgen, dass die Aktien auch den Besitzer wechseln) die Liquiditätsanforderungen an Robinhood erhöhten ‒ einfach um die eigenen Sicherheiten bei all dem Chaos wieder zu erhöhen. Und dass genau deswegen Robinhood seine Kreditlinie bemühen musste und keine andere Wahl hatte, als den Handel mit diesen Aktien einzuschränken.

Wer sich für eine detailliertere ‒ und bessere ‒ Erläuterung dieser Geschichte interessiert, der wird in diesem Twitter Thread fündig.

Was wirklich schiefläuft

Was auch immer am Ende der wahre Grund war. Das populäre Narrativ trifft meiner Ansicht nach nicht ganz zu. Trotzdem stecken in ihm die Elemente, um die es wirklich geht.

Immer mehr Menschen merken, dass die Finanzelite oft auf Kosten der Allgemeinheit Wirtschaftet, beziehungsweise dass die Fehler, die die da oben machen am Ende auf der Rechnung von uns da unten (den Steuerzahlern) landen. Gewinne bleiben privat, große Verluste werden sozialisiert.

Dazu trägt die intransparenz des Finanzsystems bei. Die oben beschriebenen Probleme bei Robinhood & Co sind nur aufgrund der Komplexität des Finanzsystems möglich. Und der sich nicht auf dem Stand der Technik befindlichen Technologie, mit der dieses betrieben wird, was Manipulation einfach ermöglicht (hier eine sehr gute Präsentation dazu von jemandem, der das als Außenstehender schon vor langem bis ins Detail analysiert hat).

Wir hätten heute die Technologien, all das viel besser und diese Betrügereien ein für allemal unmöglich zu machen.

Das Finanzsystem ist jedoch ähnlich träge wie die Politik. Die Aktionen der Notenbanken und Regierungen sind es, die dazu führen, dass die Schere zwischen arm und reich nur immer noch weiter auseinander geht — alleine durch das kontinuierliche Ansteigen der Vermögenspreise in nie dagewesene Höhen. Wer diese bereits besitzt, kann sich freuen. Wer diese noch erwerben muss, sollte keine hohen Erwartungen haben.

Wallstreetbets ist für mich eine Manifestierung des Ärgers der ansonsten machtlosen Menschen aufgrund genau dieser Umstände. Und zum ersten Mal seit Langem hat man als Kleiner das Gefühl, dass man wirklich etwas bewegen kann.

Ich denke nicht, dass das so schnell nachlassen wird. Dafür sind die Wut und der Ärger hinter Wallstreetbets zu fundamental. Ob sich deswegen wirklich etwas verändern wird, das weiß ich nicht.

Gewiss nicht ohne einen großen Paukenschlag. Aber diesen würde ich nicht mehr ausschließen. Er könnte auch dieses Mal wieder aus dem Finanzsystem kommen.

Offenlegung: Bernd Schmid hat Aktien von Penumbra und GSX Edu leerverkauft. The Motley Fool empfiehlt und besitzt keine der erwähnten Aktien.

Foto: Bern James / Shutterstock.com

Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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