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Gerechtigkeit muss sein, auch wenn Deutschlands Industrie daran zu Grunde geht?

Stefan Riße

Sieht man sich die Entwicklung des deutschen Aktienmarktes an, dann ist das gerade in der langfristigen Betrachtung im Vergleich zu den USA ein Trauerspiel. Zwar hat der populäre DAX-Performance-Index seit 2000 im März recht ordentlich zugelegt. Der Anstieg kam aber nur dadurch zustande, dass die Dividenden bei der Berechnung immer wieder reinvestiert werden. Gemessen am DAX-Kursindex, der die Dividenden außen vor lässt, stehen die 30 DAX-Werte heute tiefer als im März 2000. Vergleicht man sie mit dem S&P 500 Index, der ebenfalls einen Kursindex ist, wird das Ausmaß der Underperformance in dramatischer Weise deutlich. Der die wichtigsten 500 Unternehmen der USA umfassende Index konnte sich in der gleichen Zeit nahezu verdoppeln. Dividenden kamen noch obendrauf.

Ein paar Branchen haben dem DAX stark zugesetzt

Wie passt das zusammen? Deutschland ist die zumindest seit der Eurokrise am stärksten prosperierende Volkswirtschaft in der Eurozone. Wir haben Vollbeschäftigung und nach wie vor sind die Produkte der deutschen Industrie weltweit gefragt und oft technologisch führend. Auch deshalb konnten wir in den vergangenen Jahren im Wachstumsmarkt China so gute Geschäfte machen. Die heute im DAX enthaltenen Unternehmen schütten Dividenden auf Rekordniveau aus. Manche Werte haben sich auch hervorragend entwickelt. Doch andere haben den Index furchtbar nach unten gezogen. Dazu gehörte nach dem Platzen der Internetblase natürlich die Aktie der Deutschen Telekom und nach dem Supergau von Fukushima und dem daraufhin erzwungenen Atomausstieg und der Energiewende wurden die Stromversorger geschlachtet. Seit der Finanzkrise haben die Banken dem Index dann stark zugesetzt und im Zuge der Abgasdiskussion sind es nun die deutschen Autobauer.

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Die Politik schwingt die Abrissbirne

Bei den Versorgern, den Banken und wie auch jetzt den Autoherstellern ist es die Politik mit ihrer Regulierung und Verteufelung, die dafür gesorgt hat, dass ganze Branchen in Deutschland unter die Räder kommen. Bei den Banken ist es mehr noch ein europäisches Phänomen. Negativzinsen und eine immer stärkere Regulierung sorgen dafür, dass die Kreditvergabe trotz der tiefen Zinsen nicht wirklich angekurbelt wird und die Banken dadurch ertragsmäßig extrem schwach auf der Brust sind. Die europäische Wirtschaft und die Aktionäre löffeln die Suppe aus. Bei den Autobauern sind wir mit der Abgasdiskussion nun dabei, die Schlüsselindustrie Deutschlands schwer zu beschädigen.

Moral oder Pragmatismus, das ist hier die Frage

Aber hat die Politik den Unternehmen Unrecht getan? Moralisch betrachtet war es im Fall der Finanzindustrie mehr als berechtigt, diese kräftig aufzumischen. All die rechtlichen Verfehlungen der Deutschen Bank, aber auch anderer Finanzinstitute mit ihrer grenzenlosen Bonusgier machten es notwendig, dass etwas passierte. Die Diesel-Manipulationen von VW waren ebenfalls ein unglaublicher krimineller Akt und eine Dreistigkeit, dass man es bis heute kaum glauben kann. Auch hat die deutsche Autoindustrie viel zu lange geglaubt, sie könne weiter auf den Verbrennungsmotor setzen. Auch noch, als schon klar war, dass die E-Mobilität kommen wird. Bei den Stromversorgern aber sieht es schon etwas anders aus. Deutschland ist kein Erdbebengebiet. Was in Fukushima passiert war, konnte hierzulande gar nicht passieren. Am Ende wurden nur die Energiepreise gesteigert und – was aus moralischer Sicht noch fragwürdiger ist –  auch der CO2-Ausstoß, weil wieder mehr auf Kohle als Energieträger gesetzt werden musste. Mit dem Atomausstieg sollte Deutschland sicherer werden. In Wirklichkeit aber rannte Bundeskanzlerin Angela Merkel nur dem Zeitgeist hinterher, mit dem Argument, dass so etwas in Deutschland nicht passieren solle. So stiegen wir aus dieser Technologie aus, während um uns herum Atommeiler stehen. Vorbildwirkung auf andere Länder ging vom deutschen Atomausstieg nicht aus. Außerhalb Deutschlands schüttelt man bis heute nur den Kopf. Und gäbe es einen Supergau an irgendeiner unserer Grenzen, wären wir mehr oder minder genauso betroffen.

Deutschland ist keine einsame Insel

Natürlich konnten die Banker und Automobilhersteller, die manipuliert haben, nicht einfach so davon kommen. Hier muss auch der Gerechtigkeit Genüge getan werden. Doch müssen wir aufpassen, dass am Ende der Schaden für unsere Volkswirtschaft nicht zu groß wird, wenn wir gleich ganze Industrien in Sippenhaft nehmen. Deutschland ist keine einsame Insel. Die USA greifen gegen Unternehmen zuweilen zwar auch hart durch, aber sie beschädigen sie nicht nachhaltig. Nach der Finanzkrise wurden die Banken beherzt rekapitalisert und dem Interesse der gesamten Volkswirtschaft der Vorzug vor Bestrafung gegeben. Und während hierzulande die Bankenregulierung immer weiter getrieben wird, ist sie in den USA schon wieder gelockert worden. Genauso sieht es mit dem CO2-Ausstoß aus. Der Kohleausstieg wird uns Milliarden kosten und den Industriestandort Deutschland wegen steigender Strompreise noch unattraktiver machen. Die Chinesen scheren sich ohnehin nicht um derartige Moralvorstellungen und individuelle Rechte. Da wird dem Ziel des Wachstums, das Wohlstand für die Mehrheit bringt und nebenbei die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt, immer der Vorzug gegeben.

Ein Plädoyer für mehr Pragmatismus

Ist das richtig? Ganz sicher nicht. Moralisch betrachtet haben wir in Bezug auf das Thema Umweltverschmutzung und wohl auch bei der Regulierung der Finanzindustrie das Recht auf unserer Seite. Doch was nützt uns das, wenn wir am Ende keine funktionierende deutsche Bank mehr haben und vom Ausland abhängig sind. Und mit einer CO2-Reduktion in Deutschland allein können wir das Weltklima schon gar nicht retten. Wir verfahren nach dem Motto „Gerechtigkeit muss sein, auch wenn die Welt daran zu Grunde geht“. Am Ende werden wir unseren Wohlstand mit dem Ergebnis opfern, dass die Moralprediger von heute davon gejagt werden und Parteien das Ruder übernehmen, die am Ende unseren Rechtsstaat beschädigen. Wer Politiker wie Donald Trump nicht will, der sollte in einer globalen Welt für globale Lösungen kämpfen und dem Pragmatismus manchmal den Vorzug geben, wenn er langfristig Schlimmeres verhindern will. Das ist der Preis der Demokratie. Und er ist es wert.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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