Notenbank-Politik: Die Fed hat aus Sicht vieler Marktexperten viel zu lange gewartet – und die Quittung wird nun kommen

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Die Märkte verarbeiten weiterhin die Mitte der Woche stattgefundene Fed-Sitzung und die Aussagen des Notenbank-Chefs Jerome Powell. Wirklich klare Aussagen hat der Notenbanker den Anlegern jedoch nicht gegeben. Auf Rückfrage schloss Powell nicht aus, sogar auf jeder der kommenden Sitzungen an der Zinsschraube zu drehen. Allerdings sagte der Fed-Chef auch, er habe derzeit noch keinen konkreten Zinspfad vor Augen. Dieser hänge von der konjunkturellen Entwicklung ab. Inklusive März tagt die Fed in diesem Jahr noch planmäßig sieben Mal. An den Märkten wird derzeit mit vier Straffungen um insgesamt einen Prozentpunkt gerechnet – jedoch halten einige Analysten auch bis zu sechs Anhebungen für möglich.

Die Inflation sitzt der Federal Reserve im Nacken

Die Inflationsrate liegt seit Monaten deutlich über dem Ziel der Fed von mittelfristig 2 Prozent. Im Dezember war die Inflation im Vergleich zum Vorjahr auf 7 Prozent gestiegen. Das war der höchste Wert seit Jahrzehnten.

„Preiserhöhungen haben sich auf eine größere Bandbreite von Waren und Dienstleistungen ausgeweitet“, sagte Powell. Auch Löhne seien zuletzt stark gestiegen. Mit Blick auf die Inflationsrate sei die Lage zuletzt „ein wenig schlechter geworden“, räumte er ein. Die Fed gehe aber weiter davon aus, dass die Teuerungsrate im Lauf des Jahres deutlich fallen werde, sagte Powell.

Experten machen unter anderem die rasche wirtschaftliche Erholung von der Corona-Krise, großzügige Konjunkturprogramme sowie Unterbrechungen globaler Lieferketten für den Anstieg der Preise verantwortlich. Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Dollar weniger kaufen können als zuvor. Erhöhungen des Leitzinses durch die Fed würden die Teuerungsrate drosseln, aber auch das Wirtschaftswachstum ausbremsen, was in der Folge zu mehr Arbeitslosigkeit führen könnte.

Hat die Fed zu lange mit der Straffung gewartet? Ja, laut einigen Analysten

Unter vielen Analysten macht sich schon seit geraumer Zeit Kritik breit, dass die Federal Reserve ihre in der Pandemie losgetretene extrem lockere Geldpolitik viel zu lange hat laufen lassen. Befürchtet wird nun, dass die Inflation sich festsetzen wird, da externe Faktoren – vor allem durch die der Pandemie geschuldeten Lieferengpässe – bereits zu viele Steine ins Rollen gebracht haben.

So kommen die angekündigten Maßnahmen der US-Notenbank aus Sicht des Analysten Sven Henrich von Northman Trader deutlich zu spät: „Die Fed hat sich geirrt und ist hinter der Kurve zurückgeblieben, hat nun jedoch Angst, die Märkte durch ein entschlossenes und schnelles Handeln weiter zu verärgern und das macht die Dinge nun noch schlimmer, da sie den Schaden durch die sich verfestigende Inflation so in die Länge zieht. Es ist, als würde man darauf warten, dass Krebs Metastasen bildet.“

Ähnlich sieht es auch Bill Smead, Chief Investment Officer bei Smead Capital Management, laut dem der Mart den „Vielfraß“ Inflation zu lange verleugnet hat und nun in den kommenden Jahren die Quittung in Form von „wilden Preisbewegungen“ und Bärenmärkten erhalten wird. In einem Gespräch mit CNBCs „Squawk Box Europe“ am Donnerstag argumentierte der Manager, dass die Untätigkeit der US-Notenbank in 2021, basierend auf ihrer Überzeugung, dass die steigende Inflation „vorübergehend“ sei, den Markt in Selbstzufriedenheit geführt habe. „Wir bei Smead Capital Management rechnen nun mit einem ähnlichen Umfeld wie in den 1970ern, in denen es 73/74 eine böse Baisse gegeben hat und die Märkte dann 81/82 mit einer weiteren Baisse gegipfelt sind, wobei es nur bestimmte Möglichkeiten gab in dieser Zeit Geld zu verdienen – alle waren daran interessiert, mit der Inflation Geld zu verdienen.“

Laut Smead dürfte die Inflation also die Grundlage für die Investmententscheidungen der nächsten Jahre werden und Aktien langfristig von der Inflation profitieren, jedoch nur in bestimmten Sektoren: „Mit anderen Worten, verwandeln Sie das Negative in das Positive, und das können Sie an den Ölpreisen sehen, das können Sie an den Immobilienpreisen sehen. […] Wir könnten zum Beispiel bei den Ölunternehmen, die tatsächlich versuchen, damit Geld zu verdienen, eine wirklich wilde Preisaktion sehen.“

Eine weitere Korrektur scheint die logische Konsequenz zu sein

Dass die Märkte weiterhin Schwierigkeiten haben, den Zinskurs der Fed richtig zu bewerten und die Unsicherheit bleibt, sieht man an der Volatilität, die auch nach der Sitzung am Mittwoch nicht nachgelassen hat. Dass die Fed diesmal jedoch wieder als Retter in der Not einschreitet, sollte es noch weiter bergab gehen – da sind sich die meisten Analysten einig –  dies wird nicht mehr so schnell passieren. Laut Greg Jensen, dem Co-Chief Investment Officer neben Ray Dalio und Bob Prince bei Bridgewater Associates, würde es mindetstens einer weiteren 15 bis 20 prozentigen Korrektur an den Finanzmärkten benötigen, bis bei der Fed wieder die Alarmglocken läuten.

„Ein gewisser Rückgang der Vermögenspreise ist aus Sicht der Fed keine schlechte Sache, also werden sie es zulassen“, sagte Jensen der Nachrichtenagentur Bloomberg in einem Interview, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. „Auf diesen Niveaus würde es eines viel größeren Schrittes bedürfen, um den ‚Fed-Put‘ ins Spiel zu bringen. Davon sind sie weit entfernt.“ Der „Fed-Put“ ist eine sinnbildliche Beschreibung für ein Eingreifen der Fed mittels weiterer geldpolitischer Lockerungen, sollte ein Bärenmarkt eintreten, der zu einer Instabilität des Finanzmarktes führen könnte – so wie es im März 2020 der Fall war. Laut Jensen hängt nicht nur das Ausmaß einer Korrektur, sondern auch deren Geschwindigkeit davon ab, ob die Fed wirklich eingreifen würde, da die jüngst gesehenen Rückgänge aus Sicht des Managers „gesund“ waren, da sie Blasen in Kryptowährungen und anderswo beseitigt haben.

Jensen äußert ebenfalls eine ähnliche Kritik, die man in den letzten Jahren von vielen Marktbeobachtern gehört hat: Die Märkte sind von dem billigen Geld der Notenbanken abhängig gemacht worden und da die überschüssige Liquidität, die aus seiner Sicht vor allem die Risikoanlagen gestützt hatte, jetzt von den Notenbanken wieder abgezogen wird, machen sich nun die negativen Effekte dessen bemerkbar. Laut Jensen wird nun ein „Liquiditätsloch“ verursacht, das auf zu wenige neue Käufer trifft, die es schnell wieder schließen könnten.

onvista-Redaktion mit dpa-AFX

Titelfoto: Immersion Imagery / Shutterstock.com

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