Vergleiche mit 1929 sind dumm

Stefan Riße

So langsam wird immer deutlicher sichtbar, dass der wirtschaftliche Einbruch in den Industrieländern aufgrund der Corona-Krise stärker ausfallen wird als infolge der Finanzkrise und der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Deshalb suchen Kommentatoren und Ökonomen nach neuen Vergleichsmaßstäben. Und was liegt da näher als die Mutter aller Wirtschaftskrisen heranzuziehen: die Depression der 1930er Jahre, die mit dem schwarzen Freitag am 25. Oktober 1929 begann. Wer dies tut, zeigt damit allerdings, dass er sich mit der Krise von einst offenbar nicht wirklich auseinandergesetzt hat und von Ökonomie und Währungsfragen nicht allzu viel versteht.

Wie so oft stand am Anfang eine geplatzte Blase

Der Startpunkt der großen Depression der 1930er Jahre war der oben erwähnte Börsenkrach. Die Aktien hatten eine lange Aufwärtsbewegung hinter sich, man träumte von unbegrenztem Wachstum durch die Fließbandproduktion, und Aktienspekulationen zu 90 Prozent auf Kredit waren ein beliebtes Betätigungsfeld der Amerikaner. Es kam, wie es kommen musste, bei jeder Blase: Sie platzte und mit ihr gingen Kaufkraftillusionen den Bach hinunter. Schnell hatten große und kleine Spekulanten höhere Kreditverpflichtungen als ihre Aktien noch wert waren. Es kam zu vielen Suiziden und Banken gerieten in Not. Die Kontraktion der Wirtschaft war ein zwangsläufiges Resultat. Soweit gleicht 1929 durchaus anderen geplatzten Blasen, wie wir sie im Jahr 2000 bei den Technologiewerten erlebten oder eben 2008 am US Immobilienmarkt und einigen europäischen Immobilienmärkten.

Nicht der wirtschaftliche Schock, sondern die verabreichte Medizin machte es so schlimm

Dass auf den Aktiencrash 1929 eine Depression folgte, die aus einer schweren Rezession und Deflation bestand und in deren Folge das nominale Bruttoinlandsprodukt der USA um 50 Prozent schrumpfte, lag jedoch nicht an den schwerwiegenden Auswirkungen der geplatzten Aktienblase. Es war die falsche Geldpolitik, mit der auf die Krise reagiert wurde. Denn statt wie in allen kleinen und großen Krisen der vergangenen rund 35 Jahre wurde die Geldmenge damals nicht erhöht, sondern in der Krise weiter verknappt. Erst diese Tatsache führte dazu, dass die Depression immer schlimmer wurde und die Menschen am Ende verhungerten und erfroren. Dabei folgte die Politik damals nicht per se einem falschen Credo. Es war das Währungssystem, das sie zu dieser prozyklischen Verschärfung der Krise zwang.

Der Goldstandard macht den Unterschied zu heute

Da die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren von den USA ausging, war sie dort auch schwerer als in Europa. In der Folge gab es eine Flucht aus dem US-Dollar vorwiegend in das britische Pfund, die damals neben dem US-Dollar wichtigste Währung. Gleiches sehen wir auch aktuell wieder, nur umgekehrt aus den Währungen der Emerging Markets zurück in Richtung US-Dollar. In der Folge werten die Währungen dann ab. Genau dies war aber damals nicht möglich, da das Goldstandard- Währungssystem bestand. Sehr kurz erklärt funktionierte dieses System so: Die Währungen standen in einem festen Tauschverhältnis zueinander, schwankten also nicht. Und die Geldmenge musste von der jeweiligen nationalen Notenbank oder Regierung mit Gold unterlegt werden. Neigte die eigene Währung zur Schwäche, musste sie die Notenbank mit den Goldreserven aufkaufen, um sie zu stützen. Dieses System führte dazu, dass ein Land, dass sich in einer Krise befand, inmitten dieser die Geldmenge verknappte und die Krise damit noch schlimmer wurde. So war es eben auch 1929 in den USA.

Erst als Präsident Franklin D. Roosevelt den Goldstandard für den US-Dollar aufgab, konnte man die Geldmenge erhöhen, die Banken rekapitalisieren und die Krise war beendet. Aus dieser Geschichte haben die Amerikaner gelernt. Deshalb pumpen sie beherzt Geld ins Finanzsystem, sobald es beginnt zu wackeln und gehen auch mit dem Staatsbudget in die Vollen. Vielleicht wird irgendwann eine höhere Inflation Folge dieser Politik sein, aber zunächst einmal ist dies kein Thema, sondern es geht jetzt um die übliche Krisenbekämpfung. Sie wird, ist die Pandemie erst einmal durchgezogen und der Shut Down beendet, zu einer schnellen Wirtschaftserholung führen.

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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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