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Kutzers Zwischenruf: Die Welt wird lange unter dem Krieg leiden

Hermann Kutzer · Uhr

Schwarzmalerei fällt einem hartnäckigen Optimisten naturgemäß schwer. Doch wächst meine Skepsis für Wirtschaft und Börse mit jedem Tag. Der Grund: Der russische Angriffskrieg hat nicht nur für die Ukraine schlimme und immer noch unberechenbare Folgen. Trotzdem werden die Gefahren von den westlichen Finanzmärkten weiterhin unterschätzt. Ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Eine interessante Betrachtung der aktuellen Börseneinflüsse kommt aus der Schweiz mit dem folgenden Fazit: Insgesamt wirkt kurzfristig eine Reihe positiver Faktoren bei einem mittelfristig sich deutlich verschlechternden Umfeld. Viel Negatives ist kurzfristig eingepreist, während die negativen Folgen der Bilanzverkleinerung durch die Fed unserer Ansicht nach unterschätzt werden, schreibt die Zürcher Fisch Asset Management. Deshalb kann das aktuelle Umfeld als „Ruhe vor einem möglichen Sturm“ bezeichnet werden.

Die Chancen und Risiken sind damit weiterhin sehr asymmetrisch verteilt. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist der Ukrainekrieg. Dieser rückte in der direkten Bedeutung für die Finanzmärkte zwar weiter in den Hintergrund. Aber die Risiken dürften hier deutlich unterschätzt werden. Denn die Gefahr einer erneuten Eskalation bleibt hoch, da Russland immer stärker in die Enge getrieben wird und seine ursprünglichen Ziele klar verfehlt. Dies kann zu nur schwer abzuschätzenden Befreiungsschlägen führen mit stark negativen Folgen für die globalen Märkte. Das sehe ich ganz ähnlich.

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Der neue Wirtschaftsausblick der OECD bestätigt nicht nur solche Sorgen, sondern zerstört mit seinen Vorhersagen jeglichen Optimismus. Darin heißt es u. a.: Russlands Überfall auf die Ukraine hat die Erholung der pandemiegeschwächten Konjunktur sofort gebremst. Die Weltwirtschaft ist damit auf einen Pfad niedrigeren Wachstums und höherer Inflation geraten. Das weltweite Wachstum wird sich dieses Jahr drastisch auf 3 Prozent verlangsamen und 2023 auf 2,8 Prozent sinken. Damit ist es deutlich schwächer als im Wirtschaftsausblick vom Dezember vorhergesagt. Europa leidet am stärksten unter den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kriegs. Viele europäische Länder sind durch ihre Energieimporte und den Flüchtlingszustrom unmittelbar betroffen.

Die hohe Inflation schmälert die Einkommen und Ausgaben der privaten Haushalte. Sozial Schwache trifft dies besonders hart. In den ärmsten Volkswirtschaften der Welt ist die Gefahr einer schweren Nahrungsmittelkrise aufgrund von Lieferengpässen und hohen Kosten immer noch akut. Weiter steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise sowie anhaltende Lieferengpässe tragen maßgeblich dazu bei, dass die Verbraucherpreisinflation ein höheres Niveau erreicht und auch länger hoch bleiben wird als zuvor angenommen. In einigen fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird nun ein Inflationsniveau erwartet, wie wir es seit den 1970er Jahren nicht mehr erlebt haben. Der Kostendruck dürfte im Jahresverlauf 2023 nachlassen, wenn sich der Effekt steigender Zinsen allmählich bemerkbar macht. Die Kerninflation wird in vielen großen Volkswirtschaften aber voraussichtlich im bzw. über dem Zielkorridor der Zentralbanken verharren.

Die OECD macht auch bei einem weiten Blick in die Zukunft keinen Mut: „Der Ausblick ist mit großer Unsicherheit und vor allem erheblichen Abwärtsrisiken behaftet. Wir wissen nicht, wie lange Russlands Krieg gegen die Ukraine noch dauern und wie weit er eskalieren wird.“

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