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Drei Fragen an Bernecker: Inflation, Rezession und Immobilien - Wie geht es weiter?

onvista · Uhr
Quelle: Bernecker

Freitags stellen wir Börsen-Experten Hans A. Bernecker drei Fragen. Heute geht es um die Themen Inflation, Rezession und Immobilien. 

1 Die Inflationsrate ist in Deutschland im Juni ein wenig niedriger ausgefallen als erwartet. Dafür hat Spanien mit einer unerwartet hohen Rate von 10 Prozent überrascht. Mehr und mehr EZB-Ratsmitglieder werfen nun direkt eine Zinserhöhung von 0,5 Prozent für Juli in den Raum. Wird es jetzt erst richtig ungemütlich für die europäische Wirtschaftszone?

Die Inflationszahlen sind zurzeit ein statistischer Effekt besonderer Art, sowohl aus der Pandemiekonstellation heraus als auch im Zuge der Energiepreise. Im Juni oder Juli werden die jeweiligen Spitzen erreicht und anschließend reduziert werden. Das ist bereits vom Statistischen Bundesamt avisiert worden. Damit ist zunächst eine Spitze überwunden worden, aber noch nicht der Trend. Als guter Vergleich dient die Entwicklung 1974 nach dem Ölpreisanstieg und den folgenden zwei bis drei Jahren. Daraus wurde heruntergebrochen eine Inflationsrate von etwa 6 % annualisiert, dem anschließend ein Normaltrend von rund 4,5 % folgte. Und zwar über mehr als 10 Jahre. So ähnlich dürfte es jetzt laufen. Der wichtigste Treiber sind natürlich die Energiepreise. Jedoch: Mit dieser Inflationsrate und einem deutlich höheren Zins ergibt sich eine andere Politik der Notenbanken, die gleichfalls in diesen zitierten Jahren nachzuvollziehen war. Kurzum: Die Zielgrößen für Kapital (Staatsanleihen) werden sich zurückbilden auf das Niveau vor der Geldschwemme, also vor 2012. Die Zielgrößen der Inflation bewegen sich in den Größenordnungen von 3 – 4 % p.a. Alles als annualisierter Schnitt. Das ist nicht ungemütlich, sondern die neue Realität, die zu einer Rückkehr zu alten Verhältnissen führt.

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2 Der US-Investor Michael Burry hat jüngst vor dem „Bullwhip-Effekt im US-Einzelhandel gewarnt. Verzögerungen in der Lieferkette führen nun zu überfüllten Lagern bei sinkender Nachfrage. Das wird seiner Meinung nach zu einem Rückgang der Inflation und auch zu einer Kehrtwende der Geldpolitik der Fed führen. Rechnen Sie damit, dass die Fed früher als später wieder die Zügel lockert?

Die Folgen von der Pandemie/Lockdowns und die Lieferkettenproblematik haben in allen Ländern zu deutlichen Verzerrungen geführt, sowohl auf der Ebene der Herstellung wie im Handel und teilweise auch im Verhalten der Verbraucher. Vor 2023 wird sich dies nur mühsam regulieren lassen. Sämtliche Zwischenergebnisse sind deshalb wertlos. Die Quartalszahlen besagen bis dahin nur sehr wenig oder gar nichts. Wie schon bemerkt: Nach Geldflut, Pandemie und Gaskrieg ist die Rückkehr zu normalen Marktverhältnissen schwierig, aber messbar. Für die Politik der Notenbanken ist weniger der Zins entscheidend als die Steuerung der Geldmenge. Also M1 und M3 nach amerikanischer Art. Nur wenige können sich an diese Politik noch erinnern, denn rund 20 Jahre zurück sind für den einen oder anderen etwas lang. Wichtig ist: Damit kann die Fed sehr zuverlässig umgehen. Da die EZB dies nicht kann, operiert sie mit dem Begriff „Antifragmentierungstool“, um das Gleiche zu erreichen. Mal sehen, ob es klappt.

3 Die Immobilienmärkte waren in der Krise 2008 der Ursprung der Krise. Auch jetzt sind die Preise am US-Markt aber auch in anderen Ländern wieder jenseits realistischer Bewertungen. Es ist jedoch bereits eine erkennbare Abkühlung im Gange, die sich aufgrund der relativen Illiquidität des Marktes erst verzögert ausspielt. Sehen Sie im Immobiliensektor einen weiteren potenziellen Gefahrenherd?

Die Immobilienmärkte sind mithin mit den sehr niedrigen Zinsen in eine Blase marschiert. Die letzte dieser Art gab es bis 2007 in den USA und der anschließenden Krise mit dem Lehman-Unfall. Der Rückbau dieser Blase wird ähnlich laufen, wie die ersten Probleme bei einigen Immobilienfirmen schon zeigen. Das war bereits vor zwei Jahren erkennbar und vor über einem Jahr habe ich sämtliche Immobilienaktien zum Verkauf gestellt. Es ist die einzige Konsequenz, die es diesbezüglich gibt. Denn: Der Immobilienmarkt bleibt weiterhin eine wichtige Größe für alle modernen Wirtschaften des Westens. Aber Blase ist Blase und muss überwunden werden. Das schaue ich mir sehr gelassen an. Wichtig ist lediglich, nicht dabei zu sein.

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