Bitcoin – Es sieht alles nach einer Bodenbildung aus, doch der Schein könnte trügen

onvista · Uhr
Quelle: 99Art/Shutterstock.com

Der Skandal um die US-Krypto-Börse FTX ist nun mittlerweile ein paar Wochen her und der Krypto-Markt liegt seitdem geschlagen am Boden. Doch: obwohl nun nach und nach die Kollateralschäden zum Vorschein treten, zuckt der Markt kaum noch. Um die Marke von 15.000 Dollar wird jeder weitere Dip von Bitcoin derzeit aufgekauft.

Die Bären sind unglücklich über die derzeitige Preiszone, da sich kein weiteres Abwärtsmomentum mehr bilden möchte. Wer an dieser Stelle nun verkauft, der tut es nicht, weil e es will, sondern weil er es muss. Doch auch die Bullen sind alles andere als lebendig, denn die Suche nach positivem Momentum erweist sich ebenfalls als Illusion, zu schlecht ist die Marktstimmung derzeit.

DCG – das derzeit größte Sorgenkind am Krypto-Markt

Innerhalb des Krypto-Sektors zeigen sich nun langsam die Kollateral-Schäden, die durch den Fall von FTX verursacht wurden. Ein weiterer Krypto-Gigant scheint deutliche Risse zu bekommen: die Digital Currency Group (DCG). Das Unternehmen ist ein Risikokapitalgeber, der sich auf den Krypto-Sektor konzentriert und in den letzten Jahren zu einem der Big Player der Branche hinter den Kulissen angewachsen ist. Nun stellt sich heraus, dass das verwobene Netz aus Investments und Teilhaberschaften an verschiedenen Krypto-Unternehmen durch den FTX-Kollaps deutlichen Schaden genommen hat.

Zwei bekannte Unternehmen, die unter dem Dach der DCG hausen, stehen derzeit im Fokus der Sorgen: Genesis Trading und der weltgrößte Bitcoin Trust Grayscale. Genesis ist einer der größten und wichtigsten Krypto-Broker im Sektor für institutionelle Investoren und bietet Verwahr- und OTC-Dienstleistungen für diese an. 

Genesis ist jedoch direkt von der FTX-Pleite betroffen. Letzte Woche hat das Unternehmen Abhebungen für Kunden bis auf Weiteres aufgrund von Liquiditätsengpässen eingefroren. Laut Medienberichten hat Genesis 175 Millionen Dollar, die auf der Börse FTX geparkt waren, durch den Kollaps der Handelsplattform verloren. Um nicht insolvent zu gehen, sucht Genesis derzeit eine Liquiditätsspritze von 500 Millionen Dollar von Investoren. In einer Marktphase wie dieser nicht gerade ein Kinderspiel. Die Angst ist also groß, dass Genesis dem Markt als nächste große Plattform um die Ohren fliegt.

Grayscale macht ebenfalls Sorgen

Kommen wir zu Grayscale als weiterem Sorgenkind. Auch hier mehren sich die Gerüchte, dass Grayscale Probleme haben könnte. Der Trust funktioniert so: Echte Bitcoin-Einheiten werden in den Trust eingezahlt und dafür werden GBTC-Einheiten am Markt ausgegeben. Diese stellen im Grunde klassische Finanzprodukte dar und können in der traditionellen Finanzwelt besser und liquider gehandelt werden als Bitcoin. Sie bieten Steuervorteile und können besser in die traditionelle Finanzinfrastruktur eingegliedert werden.

Der Trust und dessen GBTC-Einheiten sind also zu 100% gedeckt. Derzeit verwahrt Grayscale etwa 635.000 Bitcoin-Einheiten – eine gigantische Summe, die den Trust zu einer der größten Bitcoin-Entitäten am Markt macht. Grayscale hat sich jedoch zuletzt geweigert, einen on-chain-Nachweis zu erbringen, dass sie tatsächlich im Besitz aller BTC-Einheiten sind. Die FTX-Implosion hat eine Diskussion über einen Proof of Reserve für zentralisierte Krypto-Börsen entfacht und Binance sowie viele andere Handelsplattformen dazu veranlasst, ihre Bestände auf der Blockchain nachzuweisen.

Laut der US-Kryptobörse Coinbase sind die Beteuerungen von Grayscale jedoch nachhaltig, da Coinbase als Verwahrer für die BTC-Einheiten von Grayscale dient und letzte Woche bestätigt hat, dass sie tatsächlich die genannte Summe an Bitcoins für das Unternehmen verwahren. Einen on-chain-Nachweis hat es auch von Coinbase nicht gegeben, doch das Coinbase eine ähnliche Luftnummer wie FTX sein könnte und mit Kundengeldern herumspielt, dürfte wesentlich unwahrscheinlicher sein, da das Unternehmen US-börsengelistet ist und damit sehr transparent sein muss, was die Bücher angeht.

Dennoch gibt es Sorgen am Markt, dass das DCG-Imperium als nächstes wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen könnte, da Genesis derzeit schwankt. Es gibt (unbestätigte) Gerüchte am Markt, dass Grayscale derzeit Insider-Trading mit den eigenen Beständen betreibt und so versucht wird, das fehlende Kapital zur Rettung von Genesis auf diese Weise hereinzuholen.

Der Grayscale-Trust hat derzeit einen Discount von knapp 40%. Das heißt, die GBTC-Shares gehen fast 40% billiger über den Tresen als der Spot-Preis von Bitcoin. Das liegt daran, dass die einmal in den Trust eingezahlten Bitcoin nicht wieder von den Kunden herausgenommen werden können (das würde nur gehen, wenn Grayscale von der US-Börsenaufsicht die Genehmigung erhält, den Trust in einen ETF umzuwandeln – was bisher nicht passiert ist). Da Grayscale eine jährliche Gebühr von 2% für den Trust erhebt, werden diese Kosten als immer größerer Discount eingepreist. Das eröffnet in der Theorie natürlich die Möglichkeit, diesen Discount auszunutzen. Daher stammen die angesprochenen Gerüchte.

Es gibt jedoch einen Umstand, der die ganze Situation noch pikanter macht: DCG hat anscheinend Kredite in Höhe von 575 Millionen Dollar von seiner Tochterfirma Genesis erhalten und diese Gelder dann in den Grayscale Trust investiert, um GBTC zu erwerben. Dies berichtet die Financial Times. Die Vermutung liegt natürlich nahe, dass das geliehene Kapital durch GBTC-Shares besichert war, was bedeuten würde, dass wir es bei der DCG potenziell mit einer weiteren Luftnummer ähnlich wie FTX zu tun haben, die versucht, Kapital aus dem Nichts zu erzeugen, indem sie eigene Bestände übereinanderstapelt.

Dies sind zwar alles nur unbestätigte Gerüchte, doch nach dem FTX-Schock ist sämtliches Vertrauen am Krypto-Markt fürs Erste passé. Nun steht jede Institution innerhalb des Sektors unter Generalverdacht. Andererseits hat der Markt bisher trotz der potenziell großen Gefahr, die von DCG ausgeht, kaum reagiert. Eine gewisse Abgestumpftheit scheint sich breit gemacht zu haben.

Wie tief kann es wirklich noch gehen?

Das Einzige, was dem Sektor nun innerhalb seiner selbst noch Schaden zufügen kann, wäre eben eine weitere Geschichte wie FTX und hier scheint momentan die DCG aus den angesprochenen Gründen der nächste Kandidat zu sein. Sollten die DCG und ihre Tochterfirmen kollabieren, dann wird das dem Markt weiteren Schaden zufügen, da erneut Bestände liquidiert werden und bestimmte Investoren gezwungen sein werden zu verkaufen.

Was die breite Masse angeht, dürften derzeit nicht mehr wirklich viele „weak hands“ wie sie im Krypto-Sektor genannt werden, noch übrig sein. Auf der Privatanlegerseite dürften nun nur noch Investoren übrig sein, die wirklich langfristig an Bitcoin und Co. glauben und den Bärenmarkt zum Dollar Cost Averaging nutzen.

Prognosen sind bei all der Unsicherheit schwer bis unmöglich zu machen, doch als groben weiteren Fahrplan, sollte sich das weitere Abwärtspotenzial ausspielen, sehe ich die Zone von 14-12.000 $ für Bitcoin als nächstes charttechnisches Ziel. Eine Insolvenz von einem weiteren Big Player wie der DCG wäre schmerzhaft, doch es hätte bei weitem nicht mehr den Impact, wie es das Black Swan Event um FTX gehabt hat.

Allerdings darf man auch die Makro-Perspektive nie vergessen, denn diese spielt langfristig immer noch die größte Rolle für die Bitcoin- und generell die Kursentwicklung des gesamten Krypto-Marktes. Es bleibt weiterhin ein Tauziehen zwischen der Inflationsentwicklung, der weiteren Reaktion der Federal Reserve und ob und wenn ja, wie heftig eine wirtschaftliche Rezession ausfallen wird.

Quelle: Alexander Mayer

Sollte es an den übergeordneten Finanzmärkten zu einem erneuten Einbruch kommen – weil für die straffe Geldpolitik die Quittung in Form einer heftigen Rezession gezahlt werden muss – dann ist auch ein Absturz des Bitcoin-Preises auf 10.000 Dollar durchaus in den Karten. In einem solch negativen Szenario werden auch langfristige Halter eventuell gezwungen sein, Bestände zu verkaufen, schlicht und einfach, weil sie es müssen. Eine Rezession schafft andere Realitäten als der Bullenmarkt - wirtschaftlich wie finanziell – in dem wir uns im letzten Jahrzehnt befunden haben. Rechnungen müssen bezahlt und Verbindlichkeiten beglichen werden. Das gilt für Privatinvestoren wie für Unternehmer.

Aus Investorensicht kann man angesichts dieser Lage nur eines machen: einen langfristigen Zeithorizont haben, der eigenen Investment-Strategie (beispielsweise durch regelmäßige Käufe) folgen und im Optimalfall noch zusätzliches trockenes Pulver am Seitenrand haben, um in einem 10.000$ Bitcoin Szenario diese vielleicht einmalige Gelegenheit zu nutzen.

Denken Sie langfristig!

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