Börsenweisheit: Von manisch-depressiven Börsen

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Es reicht ein Tweet aus dem Weißen Haus und die Stimmung an den Börsen kippt von himmelhoch jauchzend auf zu Tode getrübt – Psychologie pur. Emotionen spielen eine viel zu wichtige Rolle, vor allem aktuell.

Der Handelskrieg ist und bleibt das alles dominierende Thema an der Börse. Je nach Stimmung an der Front geht es nach oben oder unten. Für viel Unruhe sorgt vor allem US-Präsident Donald Trump, der die Märkte in unregelmäßigen Abständen verunsichert oder beflügelt. Die Emotionen der Anleger fahren Achterbahn, die Börse ist psychologisch wie selten. „Man könnte fast sagen, die Märkte sind manisch-depressiv“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Es sei eine schwierige Gemengelage für Anleger. „Auf der rationalen Ebene sprechen insbesondere die niedrigen Zinsen, die fast zwangsläufig zu einer hohen Nachfrage bei allen Anlagevehikeln sorgen, die eine höhere Rendite versprechen, und die trotz der politischen Volten überraschend stabile Wirtschaft für weiter steigende Kurse“, so der DSW-Experte. „Auf der anderen Seite sorgt jeder Tweet aus dem Weißen Haus für Spekulationen und füttert die Irrationalität der Märkte.“ Entsprechend groß seien die Ausschläge - nach oben und nach unten. „Und dieser Handelskrieg wird auch mit psychologischer Kriegsführung betrieben“, ergänzt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Trump sei hier der hauptsächliche Protagonist. „Er wechselt seine Meinung häufiger als die Unterwäsche, weil er meint damit die chinesische beziehungsweise europäische Gegenseite gefügig zu machen. Mehr Psychologie gibt es nur in der Nervenheilanstalt.“

Dass die Börsenkurse zumindest kurzfristig eher von Emotionen als von Fakten getrieben werden, ist keine neue Erkenntnis. Schon der legendäre Benjamin Graham, Professor und Lehrmeister des großen Warren Buffett, warnte einst: „Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen.“ Eine Börsenweisheit, der Experten viel abgewinnen können. Die Kapitalmärkte sind vor allem derzeit extrem politisch und somit auch sehr psychologisch getrieben, ist auch Nermin Aliti überzeugt. „ Gerade in kurzfristigen volatilen Phasen ist Psychologie ein entscheidender Faktor an den Finanzmärkten“, sagt der Leiter Fonds Advisory bei Laureus Privat Finanz. „Vor allem Privatanleger reagieren in unruhigen Zeiten häufig prozyklisch, verkaufen ihre Positionen und realisieren Verluste.“ Die mittel- bis langfristige Aussichten würden dabei häufig aus den Augen verloren. „Sollten diese aber intakt sein, wäre die Suche nach antizyklischen Investments die vernünftigere Strategie“, so Aliti.

Irrationales Handeln führt zu echten Verlusten

Immer wieder ist zu beobachten, dass Anleger – private wie institutionelle übrigens – die Nerven verlieren und sich von Gier und Panik leiten lassen. Herdentrieb nennen Experten dieses Phänomen. „Läuft es an den Kapitalmärkten gut, springen noch viele Anleger auf den bereits fahrenden Zug - in der Hoffnung, ebenfalls noch einen möglichst hohen Gewinn einzufahren“, sagt Laureus-Experte Aliti. Dass man als Anleger auch mal Gewinne mitnehmen und das Risiko im Portfolio reduzieren sollte, wird in solchen Phasen häufig übersehen. „Umgekehrt kann es in negativen Börsenzeiten verlaufen“, ergänzt er. „Anstatt den Blick auf die mittel- bis langfristigen Aussichten zu richten und möglicherweise antizyklische Opportunitäten ausnutzen, wird das Depot leergefegt und Verluste werden realisiert.“

Emotionen verleiten Anleger „zu irrationalem Handeln und führen nachfolgend zu echten Verlusten“, weiß auch André Rabenstein, Gründer und Geschäftsführer von Rentablo, einer Plattform zum eigenverantwortlichen Vermögensaufbau. Denn auf die Übertreibungen in die eine oder andere Richtung folgt zwangsläufig eine Korrektur und die wenigsten Anleger stehen dann auf der richtigen Seite. „Ein schönes Beispiel ist, dass mit steigenden Kursen auch das Vertrauen der Anleger steigt, bis hin zur Euphorie. Dies bedeutet, je kontinuierlicher die Kurse der Börsenwerte steigen, desto mehr Menschen begeistern sich dafür“, so Rabenstein. „Schön zu sehen um die 2000er-Jahre beim Neuen Markt oder 2011 beim Goldpreis, als dies die vorherrschenden Themen selbst beim Friseur um die Ecke waren.“

„Geldanlage ist keine schwarze Magie“

Grahams Börsenweisheit warnt Anleger davor, sich von ihren Emotionen, den Übertreibungen und dem Herdentrieb an den Märkten mitreißen zu lassen. „So, wie der Blick in den Spiegel nicht zu eitel ausfallen sollte, darf der Blick in das Depot nicht zu selbstgefällig sein“, rät Tüngler. „Wer unkritisch wird, verliert den Blick für das Risiko. Dann wird’s noch gefährlicher.“ Ein Blick in den Rückspiegel und damit auf die eigenen Anlagefehler habe auch noch keinem geschadet. Rabenstein glaubt sogar, dass diese Börsenweisheit als Lebensregel taugt: „Schau in den Spiegel und Du siehst denjenigen, der für Dein Leben verantwortlich ist“, sagt er. Das gelte für die Geldanlage genauso wie für Familie, Beruf und Gesundheit. „Geldanlage ist keine schwarze Magie.“ Das nötige Wissen kann sich jeder aneignen.

Und wie sieht die Lage an den Märkten aktuell aus – Twitter-Trump hin oder her? Warnende Stimmen gibt es schließlich reichlich. Halver rät Anlegern, nicht so sehr auf die Untergangspropheten zu hören, die nur das Ziel hätten, ihre apokalyptischen Bücher zu verkaufen. „Natürlich ist die Finanzwelt nicht in bester Ordnung, wenn man bedenkt, was seit der Finanzkrise 2008 so alles passiert ist“, sagt der Experte der Baader Bank. „Aber was sollen denn die Anleger machen: Sich mit einer Flasche Asbach ins Bett legen?“ Man müsse das Beste daraus machen. „Und wenn ich mir die Wertentwicklung von Aktien seit dem Krisenjahr 2008 anschaue, hält sich meine Enttäuschung über die ach so böse Finanzwelt sehr in Grenzen“, ergänzt er. „Nein, man sollte darauf vertrauen, dass Aktien längerfristig erfolgreich sind.“ Dazu sei regelmäßiges Ansparen erste Anlegerpflicht.

Autorin: Jessica Schwarzer

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