Kutzers Zwischenruf: Die mindestens 10-Prozent-Gefahr für den Dax

Hermann Kutzer

Spätestens seit heute ist die Gefahr deutlich geworden: Im zweiten Akt des Dramas „Börsencrash und Rezession“ drohen uns Enttäuschungen, selbst wenn eine zweite Corona-Welle ausbleiben sollte. Die bullische Erwartungshaltung vom Frühjahr, dass es im zweiten Halbjahr wieder flott aufwärts gehen dürfte, muss korrigiert oder zumindest in Frage gestellt werden. Damit kommt letztlich doch kein großes „V“ beim Verlauf von Konjunktur und Aktienkursen heraus. Und das Minimalziel der Ökonomen, das Vor-Corona-Niveau möglichst bald wieder zu erreichen, wird verschoben: Manche halten das mittlerweile erst für den Verlauf von 2022 als wahrscheinlich (nicht mehr schon 2021), manche sprechen sogar von 2023. Sollte die Erholung tatsächlich derart langsam über die Bühne gehen, wird das den kurzfristig denkenden Aktienkäufern erst einmal die Fantasie rauben.

Die voll in Gang gekommene Berichtssaison fürs zweite Quartal schafft im Großen und Ganzen zwar vorläufig gültige Klarheit über die wirtschaftlichen Aussichten. Ich bezweifle aber, dass diese einfach auf die Börsen übertragen werden können. Denn die Konjunkturen entwickeln sich nach Branchen, Ländern und einzelnen Unternehmen immer weiter auseinander. „Tendenz zunehmend uneinheitlich“ gilt auch für den Arbeitsmarkt. Das spricht für hohe Volatilität an den Aktienmärkten.

Die heute veröffentlichten Zahlen vom Statistischen Bundesamt sind ein historisches Ergebnis - gegenüber dem Vorquartal gab die Wirtschaftsleistung um Furcht erregende 10,1 Prozent nach. Der Abstand zum Vorjahresquartal beträgt sogar mehr als 11 Prozent. So schlimm war es seit Beginn der Berechnungen im Jahr 1970 noch nie. Geblieben ist dennoch der hartnäckige (Zweck-)Optimismus namhafter Analysten, die wie das Research der DZ Bank rasch nachlegten: Mit dem zweiten Quartal dürfte der wirtschaftliche Tiefpunkt durchschritten sein. In den kommenden Quartalen erwarten wir eine in Teilen recht kräftige Erholung, sofern ein erneuter Lockdown angesichts wieder steigender Infektionszahlen verhindert werden kann. Die Erholung wird aber nicht stark genug ausfallen, um die erlittenen Einbußen auszugleichen. Für das Gesamtjahr bleibt ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt von knapp 6 Prozent.

Ähnlich klingt Professor Friedrich Heinemann vom Mannheimer ZEW: Die Zahlen aus Wiesbaden bestätigen, was jeder bereits wusste. Die Bundesrepublik durchläuft derzeit die mit Abstand tiefste Rezession ihrer Geschichte. Dennoch sind die bedrohlich aussehenden Zahlen kein Anlass zur Panik. Die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik hat mit ihren Liquiditätshilfen und dem Konjunkturprogramm vom Juni 2020 insgesamt klug und angemessen reagiert und betreibt eine erfolgreiche Schadensbegrenzung. Der Anstieg der Staatsverschuldung ist hoch, aber immer noch mühelos finanzierbar. Klar ist

aber auch, dass der Einschnitt der Corona-Rezession mehr als eine einfache Konjunkturkrise ist. Die anhaltende Pandemie wird den Strukturwandel in Richtung der digitalen Ökonomie nun rasch beschleunigen.

Keiner der extrovertierten Volkswirte vergisst die Hinweise auf den hohen Unsicherheitsgrad aktueller Vorhersagen. Und ich garantiere Ihnen, geschätzte Anleger, dass wir in relativ kurzen Abständen - nicht nur anlässlich der Quartalsberichtstage - immer wieder neue, korrigierte Lageberichte bekommen werden. Das war schon früher in weitaus weniger dramatischen Phasen so. Aktuell hat diese Einschränkung aber eine besondere Qualität, denn uns fehlen ja konkret vergleichbare Erkenntnisse aus früheren Pandemien. Trotzdem halten alte Börsenhasen (die meist jünger sind als ich) oft an ihren Heute-wie-gestern-Betrachtungen fest.

Dagegen sehe ich meine Skepsis bestätigt und warne Anleger vor kurzfristig weiter hoch gesteckten Kurszielen! Zwar wird sich die Weltwirtschaft ab jetzt erholen - schrittweise, eher langsam und nach Ländern und Branchen stark uneinheitlich. Beim Blick auf die Aktienmärkte bin ich da jedoch (noch) vorsichtiger, denn mein Bauchgefühl hält eine Größenordnung von etwa 10 Prozent (vom aktuellen Niveau gerechnet) als Verlustpotenzial für den Dax und andere führende Indizes für möglich. Wer ähnlich denkt, sollte erst einmal auf die Bremse treten und angefallene Gewinne zumindest teilweise realisieren.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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