Stefan Riße: Die Lage ist schlechter als die Kurse

Stefan Riße · Uhr
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Die Aktienmärkte mühen sich mit einer Erholung. Richtig stramm nach oben geht es immer nur kurz und es folgen wieder Rückschläge. Das sorgt dementsprechend auch dafür, dass sich die Stimmung an den Märkten, historisch betrachtet, nach wie vor im Bereich von maximalem Pessimismus bewegt. Man mag enttäuscht von dieser Entwicklung sein, vor allem solche Anleger, die sich erst im jüngsten Aufschwung 2020/21 für die Aktie begeistern ließen. Schaut man sich jedoch die fundamentale Situation an, muss man sagen, dass die Kurse eigentlich noch schlimmer aussehen könnten. Dass sie es nicht tun, liegt schlicht daran, dass der Markt schon massiv ausverkauft ist und die Aktien nun in Händen von Anlegern liegen, die genug Erfahrung haben, um zu wissen, dass die Welt auch diesmal nicht untergehen wird. Und das ist ein Zeichen, dass zuversichtlich stimmen sollte.

Gas-Lieferstopp wäre eine ziemliche Katastrophe

Erinnern Sie sich noch, wie die Kurse im Frühjahr 2020 einstürzten, als sich die Corona-Pandemie unausweichlich über den gesamten Globus ausbreitete? Die Angst vor einer schweren Rezession griff Raum, nicht zu Unrecht, wie wir heute wissen. Es kam auch zur Rezession. Aber kaum waren die Lockdowns beendet, erholte sich die Wirtschaft genauso schnell wieder, auch weil es damals erhebliche staatliche und monetäre Unterstützung gab. Nun aber stehen wir möglicherweise wieder vor einer schweren Rezession. Würde Russland die Nordseepipeline Nord Stream 1 tatsächlich nach der Wartung nicht wieder in Betrieb nehmen und kein Gas mehr nach Deutschland liefern, wäre die Rezession möglicherweise noch schlimmer als die während der Corona-Pandemie. Zumindest gibt es viele Experten, die dies vorhersagen. Nach der überwiegend vorherrschenden Meinung werden bei einem Lieferstopp durch Russland Notfallpläne in Gang gesetzt werden müssen. Dies würde wohl bedeuten, dass Industriebetriebe ihre Produktion einstellen oder zumindest einschränken müssten. Am stärksten dürfte wohl BASF betroffen sein, die eine direkte Gaspipeline aus Russland in ihr Werk nach Ludwigshafen haben. Ich bin zwar gespannt, ob die vorherrschende Meinung tatsächlich die richtige ist. Oft ist die menschliche Kreativität in Notsituationen besonders groß. Es lässt sich aber festhalten, dass vor diesem Gefahrenhintergrund die Kursverluste eigentlich noch verhalten sind und die jüngste Stabilität der deutschen und auch der europäischen Aktien erstaunlich ist. Denn vergessen wir nicht, den Notenbanken und Regierungen sind aufgrund der hohen Inflation bei der Krisenbekämpfung diesmal die Hände gebunden. Normalerweise ist es so, dass die Kurse wie beispielsweise eben in der Pandemie das schlimmstmögliche Szenario vorwegnehmen und es oft dann doch nicht so schlimm kommt. Diesmal aber ist die Lage, oder sagen wir Gefahrenlage schlimmer, als das was die Kurse zeigen. Auch dies ist ein Zeichen von technischer Stärke, das zuversichtlich stimmen kann.

Wer Aktien kauft, ist Investor in Unternehmen

Man kann nie genug darauf hinweisen, dass der Erwerb von Aktien, Aktienfonds oder Mischfonds, in denen diese enthalten sind, nicht die Spekulation auf einen Börsentrend darstellen, sondern dass man Investor in Unternehmen ist. Zumindest gilt dies für alle, die langfristig investieren. Hier sind für den Anlageerfolg nicht Einflussfaktoren wie die Geldpolitik, die aktuelle Positionierung von Anlegern, oder die Frage, ob Aktien gerade in Mode sind, entscheidend. Langfristig wird man nur Anlageerfolg mit Aktien erzielen, wenn diese über die Erträge, die sie erwirtschaften, das investierte Kapital wieder zurückbezahlen. In der heutigen Situation sollte man darauf mehr achten denn je. Insofern schlägt jetzt wahrscheinlich auch die Stunde der aktiven Fondsmanager gegenüber den passiven Ansätzen, wie ETFs diese in der Regel verkörpern. Denn es liegt schon auf der Hand, dass die USA aktuell - ohnehin schon geographisch weiter entfernt vom Konflikt mit der Ukraine - als Energieselbstversorger erhebliche Vorteile gegenüber Europa haben. Das ist bedauerlich, denn mit dem Wiederaufbaufonds, der in der Coronakrise aufgelegt wurde, hätte jetzt das Zeitalter für Europa anbrechen können. Aber der Ukraine-Krieg hat das zumindest erst einmal vertagt. Die Unternehmen, für die sich derzeit einigermaßen gut zukünftige Cash Flows prognostizieren lassen, sitzen in den USA. Denn drehen die Russen das Gas ab, ist ja nicht nur BASF betroffen, sondern alle Unternehmen, die von BASF beliefert werden. Das wird dazu führen, dass weite Teile der deutschen Industrie stillstehen. Und dieses Szenario gilt natürlich in verschiedener Ausprägung auch für andere europäische Länder. In China bleibt die Corona-Unsicherheit, aber eben auch die Unkalkulierbarkeit von plötzlicher Regulierung, warum auch hier trotz aller Attraktivität vieler Titel nur eine bei Beimischung angeraten ist. Das Schöne daran, die US-Aktien sind mit der Rückkehr der Realität für viele hochgejubelte Unternehmen insgesamt stark zurückgekommen und haben den beschriebenen geographischen Vorteil noch nicht in den Kursen sichtbar werden lassen. Natürlich leiden auch die USA unter einer weltweiten Abschwächung der Wirtschaft und es ist auch hier eine Rezession zu erwarten. Diese brächte dann aber auch die Inflationsraten herunter und kurzfristig wieder mehr Hoffnung. Und was wäre auch die Alternative? Eine Anlage in Staatsanleihen mit einer Verzinsung von 1,5 bis 3 Prozent bei Inflationsraten von zuletzt 9,1 Prozent in den USA? Wohl nicht! Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, warum trotz der schlechten Lage die Menschen an Aktien festhalten. Recht haben sie!

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