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onvista Börsenfuchs: Die Propheten blicken vorsichtig aufs nächste Jahr

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)
Quelle: onvista

Hallo Leute! Wie auf Kommando hat heute Vormittag eine Reihe prominenter Anlagestrategen erste Ausblicke auf die kommenden Monate und das nächste Jahr skizziert. Erfahrungsgemäß werden solche Analysen und Prognosen noch paarmal revidiert und korrigiert. Sie bieten damit dem Privatanleger aber schon früh wichtige Orientierungshilfen. Außerdem zeigen sie an, wie sich große Profis momentan verhalten. Inflation und Geldpolitik sind zentrale Punkte bei den unterschiedlichen Überlegungen der Investmentstrategen.

Bis sich die Inflation abschwächt, dürfte sich die derzeitige Rally bei Risikoanlagen als nicht nachhaltig erweisen, ist eine typische Haltung. Der Hauptgrund für die jüngste Erholung der Aktienkurse war die Erwartung einer weniger expansiven Fed. Doch wird ein solchen Schwenk in nächster Zeit meist für unwahrscheinlich gehalten. Mit rund 9 % ist der US-Verbraucherpreisindex nach wie vor zu hoch, und die Fed wird wahrscheinlich auf eindeutige Anzeichen für einen nachlassenden Inflationsdruck warten wollen, bevor sie ihre restriktive Haltung aufgibt. Auch jüngste Wirtschaftsdaten liefern neue Anzeichen dafür, dass es wahrscheinlich zu früh ist, eine breit angelegte Mäßigung der Inflation zu erwarten.

Während sich die Finanzmärkte auf Inflation und Geldpolitik konzentrieren, haben die eskalierenden Spannungen um Taiwan die Risikobereitschaft der Anleger kaum beeinträchtigt. Obwohl Chinas längerfristige Absichten eindeutig sind, sind sie kurz- bis mittelfristig alles andere als klar. Beijing sieht die Integration Taiwans in die Volksrepublik als unvermeidlich an, sie ist aber in naher Zukunft unwahrscheinlich. Die chinesische Führung wird sich wahrscheinlich Zeit lassen und den militärischen und wirtschaftlichen Druck auf Taiwan schrittweise erhöhen, während sie das Engagement der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung der Regierung in Taipeh auf die Probe stellt. In diesem Zusammenhang sind die Militärübungen der vergangenen Woche, die ohne jegliche Gegenmaßnahmen der USA, EU, Japans oder Südkoreas verliefen, von Bedeutung. Auch andere Akteure sehen diesen kritischen Punkt mit Gelassenheit: Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China nach dem Taiwan-Besuch von Nancy Pelosi und die beispiellosen Vergeltungsmaßnahmen der chinesischen Führung gegen Taiwan haben sich nur mäßig auf die Risikobereitschaft der Anleger ausgewirkt. Die allgemeine Erwartung ist nach wie vor, dass eine weitere Eskalation des Konflikts vermieden wird, obwohl es Anzeichen dafür gibt, dass die chinesische Armee die Militärübungen dazu genutzt hat, eine vollständige Blockade der Insel zu üben.

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„Wir bleiben bei unserem vorsichtigen Ausblick für Aktien“, bestätigen bekannte Vermögensverwalter, die nicht daran glauben, dass eine Lockerung der Geldpolitik bevorsteht, da die Inflation nach wie vor zu hoch ist, um sich zu beruhigen. Die Gewinnindikatoren verschlechtern sich ebenfalls: Die Gewinnerwartungen für die nächsten 12 Monate gehen weiter zurück, ebenso das Verhältnis der Herauf- und Herabstufungen von Analysten, das nun für alle Regionen außer Japan negativ ist. Bislang waren die Gewinnspannen stabil, aber der Gegenwind durch Inflation und Konjunkturabschwächung nimmt weiter zu. Die Unternehmen werden die Auswirkungen der Inflation durch steigende Inputkosten und Löhne zu spüren bekommen, während das Umsatzwachstum zurückgehen wird, da die Kaufkraft der Haushalte weiter durch niedrigere Reallöhne beeinträchtigt wird. Da die Konsenserwartungen für das weltweite Gewinnwachstum in den kommenden 12 Monaten immer noch bei 8 % liegen, sehen einzelne Experten reichlich Spielraum für Enttäuschungen, insbesondere wenn sich eine Rezession nähert. In den letzten Rezessionen gingen die Gewinne um mehr als 20 % zurück.

Mit Blick auf die Zukunft kann die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Rezession nicht ausgeschlossen werden. Die Intensität einer wirtschaftlichen Schrumpfung dürfte allerdings durch mehrere Faktoren abgemildert werden (u.a. robuster Arbeitsmarkt, lockere Fiskalpolitik, Sparguthaben der Verbraucher). Und die Zentralbanken sind fest entschlossen, die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Gelingt es denen, den Desinflationszustand wiederherzustellen, werden wir erneut mehr Anlagemöglichkeiten vorfinden. Schreibt ein großer Fondsmanager: „Im Gegensatz zu früher haben wir in unseren Portfolios eine beträchtliche Liquiditätsposition aufgebaut. Wenn jedoch der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden wir dafür sorgen, dass diese Liquidität eingesetzt wird. Während dieser Winter für Verbraucher und Industrieunternehmen in ganz Europa wahrscheinlich hart sein wird, sollten wir nächstes Jahr um diese Zeit bereits in einer viel besseren Position sein.“

Aber Vorsicht, meine Freunde! Eine voll klare Ansage kommt auch von den Skeptikern: „Die Erwartungen der Analysten für ein Gewinnwachstum im Jahr 2023 für globale Aktien nach einem fast zweistelligen Wachstum in diesem Jahr sind unserer Meinung nach zu optimistisch. Es wäre daher ungewöhnlich, wenn der Tiefststand im Juni den Tiefpunkt dieses Bärenmarkts markieren würde, da der Prozess sinkender Gewinnschätzungen noch nicht begonnen hatte.“

Von mir noch keine Vorschau auf 2023, Leute. Nur so viel: Ich wundere mich, dass sich die Risiken durch eine mögliche Verschärfung der Weltlage mit einem gefährlichen Ost-West-Konflikt im Kern sowie die Folgen der Energiekrise bisher nicht stärker in den Börsenprognosen niederschlagen.

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