EZB berät über erste Zinssenkung seit 2019

Frankfurt (Reuters) - Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) beraten am Vormittag in ihrer Frankfurter Zentrale über die Zinspolitik für den Euroraum.
Volkswirte gehen davon aus, dass die Euro-Wächter um EZB-Chefin Christine Lagarde die Kurswende beschließen und erstmals seit 2019 wieder die Zinsen senken werden. Erwartet wird, dass sie den Einlagensatz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten, auf 3,75 Prozent von bislang 4,00 Prozent nach unten setzen werden. Den Leitzins dürften sie auf 4,25 Prozent von bislang 4,50 Prozent senken. Zwar ist der Sieg über die Inflation noch nicht erreicht. Doch mit einer Rate von zuletzt 2,6 Prozent im Mai liegen die Niveaus von mehr als zehn Prozent vom Herbst 2022 inzwischen weit entfernt. Die EZB strebt eine Teuerung von 2,0 Prozent für die 20-Länder-Gemeinschaft an.
Viele EZB-Oberen, darunter Chefvolkswirt Philip Lane, hatten zuletzt deutlich signalisiert, dass die Notenbank ihren Straffungskurs etwas abschwächen könne. Sie würde damit den Notenbanken in Kanada, der Schweiz und in Schweden folgen, die bereits die Zinsen gesenkt haben. Die US-Notenbank Federal Reserve ist dagegen noch in Wartestellung. Sollte die EZB dennoch die Füße still halten und an den Zinsen nicht rütteln, könnte das an den Finanzmärkten zu Unruhe führen. Volkswirte gehen davon aus, dass die Währungshüter auf der Sitzung heftig diskutieren werden, welche Orientierung sie den Börsen zum weiteren Zinspfad geben sollen. Dort hatten zuletzt die Zinssenkungserwartungen für dieses Jahr deutlich an Stärke eingebüßt.
Die EZB will ihren Zinsbeschluss am Nachmittag um 14.15 Uhr (MESZ) veröffentlichen. Im Anschluss daran um 14.45 Uhr will sich Lagarde auf einer Pressekonferenz den Journalisten stellen. Dabei dürfte sie vor allem danach gefragt werden, wie es nach einem ersten Lockerungsschritt mit den Zinsen weitergehen soll. Denn vor allem im Dienstleistungssektor hält sich die Inflation hartnäckig und das Lohnwachstum im Euroraum war zudem im ersten Quartal unerwartet kräftig ausgefallen. Daher wird nicht damit gerechnet, dass Lagarde bereits einen weiteren Zinsschritt im Juli signalisieren wird. Stattdessen gehen viele Volkswirte davon aus, dass sie die Datenabhängigkeit betonen und sich zu möglichen weiteren Zinssenkungen sehr zurückhaltend äußern wird. Am Finanzmarkt wird derzeit nur noch mit maximal zwei weiteren Zinssenkungen bis zum Jahresende gerechnet.
(Bericht von Frank Siebelt, redigiert von Kerstin Dörr; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)